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Schwimm-WM : Chinesischer Riese

Chinesischer Star: Der Langstreckenschwimmer Sun Yang Bild: dpa

Sun Yang ist der zweite Schwimmer aus dem Reich der Mitte, der einen Weltmeistertitel gewinnt. Sein Sieg über 800 Meter Freistil hat ihm Selbstvertrauen gegeben. Nun will er am Schlusstag der WM den ältesten Weltrekord brechen.

          Am Freitag waren es genau zehn Jahre. Zehn Jahre, das ist für einen Weltrekord so oder so eine imposante Haltbarkeitsdauer. Für einen Weltrekord im Schwimmsport aber ist es eine kleine Ewigkeit. Denn im Schwimmsport fielen die Bestleistungen in den Jahren 2008 und 2009, mit freundlicher Unterstützung der Hightech-Ganzkörperanzüge, gleich dutzendweise - allein bei der Weltmeisterschaft 2009 in Rom waren es in einer guten Woche 43. Nur einer blieb bei den Männern, einer überstand die künstliche Monster-Rekordwelle: der Weltrekord über 1500 Meter Freistil. Am 29. Juli 2001, bei der WM in Fukuoka, schwamm der Australier Grant Hackett 14:34,56 Minuten. Diese Marke steht bis heute. Aber nun vermutlich nur noch bis Sonntag.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Da steht bei der WM in Schanghai das Finale über 1500 Meter Freistil an. Und dort hat sich einer vorgenommen, die älteste gültige Bestmarke zu unterbieten - Sun Yang. Bei den Asienspielen im vergangenen November rückte der fast zwei Meter große Chinese dem Rekord in 14:35,43 Minuten schon bedenklich nahe. Und wie gut der 19 Jahre alte Chinese in diesen Tagen in Schuss ist, zeigte er am Mittwoch, als er in Schanghai auf überlegene Weise seine erste Goldmedaille bei einer WM gewann, über 800 Meter Freistil, in persönlicher Bestzeit von 7:38,57 Minuten.

          Am Freitag holte er mit der chinesischen 4×200-Meter-Freistil-Staffel Bronze. Sogar Rekordhalter Hackett selbst war sich zuletzt sicher, dass Sun Yang vor den eigenen Fans und in einem so hochklassigen Feld den Rekord brechen werde - schließlich trainierte Sun Yang auch noch beim gleichen Coach wie einst Hackett: bei dem Australier Denis Cotterell. Sun Yang ist nicht der erste chinesische Schwimmer, den es zur körperlichen und mentalen Fortbildung ins Ausland zieht. Schon Zhang Lin, 2009 in Rom über 800 Meter Freistil als erster Chinese Schwimm-Weltmeister, hatte von 2007 bis 2009 bei Cotterell trainiert.

          Auf zum Weltrekord: Sun Yang will die Bestzeit über 1500 Meter

          „Ich muss mich nicht mit anderen vergleichen“

          Zhang Lin steckt im Moment in einem Formtief, sein WM-Titel aber, sagt Sun Yang, sei für ihn damals eine große Inspiration gewesen. Inzwischen hat sich Sun Yang, in Rom noch Bronzemedaillengewinner, längst selbst einen Namen gemacht - und lässt das auch alle Welt wissen. „Ich muss mich nicht mit anderen vergleichen“, antwortete er auf beharrliche Fragen nach dem Einfluss seines Vorgängers Zhang Lin. Tatsächlich leistete Sun Yang in diesem Jahr Erstaunliches: Er führte vor der WM die Weltranglisten über 200, 400, 800 und 1500 Meter Freistil an. Beim WM-Auftakt über 400 Meter gewann er trotzdem nur Silber - zur Bestürzung seiner Landsleute, die hinterher von ihm wissen wollten: „Warum haben Sie nicht Gold gewonnen?“

          Über 800 Meter Freistil zeigte er dann ein souveränes Rennen. Er lag von Beginn an in Führung, schlug unangefochten als Erster an und war danach heilfroh, sich nicht wieder für einen zweiten Platz bei der WM rechtfertigen zu müssen. „Ich bin meinen eigenen Rhythmus geschwommen, es lief von Anfang an gut“, sagte er nach dem zweiten WM-Gold überhaupt für einen chinesischen Schwimmer. „Das wird mir Selbstvertrauen geben für die weiteren Rennen und für die Olympischen Spiele in London.“ Dort wird er auf die 400 und die 1500 Meter ausweichen müssen - die 800 Meter sind keine olympische Strecke.

          Zur Vorbereitung auf die Spiele, so kündigte Sun Yang in Schanghai an, werde er vermutlich Ende des Jahres wieder ins Ausland gehen. Schließlich hat sich die Zusammenarbeit mit ausländischen Trainern für die Chinesen prächtig bewährt. Sun Yang sagte, er habe stark von seinem Aufenthalt in Australien profitiert, durch die andere Atmosphäre und die andere Art des Trainings. Sein Mannschaftskollege Wu Peng reiste Anfang des Jahres zum Training in die Vereinigten Staaten - und bezwang wenig später Superstar Michael Phelps auf dessen Spezialstrecke 200 Meter Schmetterling. Es sei die Kombination von westlichen und chinesischen Ansätzen und Methoden, die Chinas Schwimmer beflügele, sagte der Brite David Lyles, Trainer in Schanghai, der Zeitung „China Daily“. „Wenn man das Beste aus zwei Ländern zusammenbringt, bringt einen das voran.“ Der Erfolg gibt Lyles recht: Im Medaillenspiegel liegen die chinesischen Schwimmer mit derzeit vier Goldmedaillen hinter den Vereinigten Staaten auf Rang zwei.

          Dieses Erfolgsrezept haben längst auch andere entdeckt. So vertraut etwa der koreanische 400-Meter-Freistil-Weltmeister Park Tae-hwan auf die Betreuung durch den Australier Michael Bohl, den Trainer der Olympiasiegerin Stephanie Rice. In Australien selbst sehen sie den Wissens-Transfer inzwischen mit gemischten Gefühlen. Kein Wunder: Über 400 Meter Freistil siegten in Schanghai zwei von Australiern betreute Athleten, Park Tae-hwan vor Sun Yang. Der beste australische Schwimmer schaffte es nicht ins Finale.

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