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Schwimm-WM : Annika Lurz freut sich wie eine Weltmeisterin

  • -Aktualisiert am

Endlich Jubel im deutschen Team: Annika Lurz Bild: dpa

Annika Lurz hat die erste Medaille für die deutschen Becken-Schwimmer bei der WM in Melbourne gewonnen. Die 27-Jährige gewann Silber über 200 Meter Freistil und blieb dabei wie die Siegerin Laure Manaudou unter der bisherigen Weltrekordzeit.

          3 Min.

          Es gibt Erstaunliches zu berichten von den Schwimm-Weltmeisterschaften in Melbourne: von einem Amerikaner, der wie ein Außerirdischer schwimmt; und von einer Deutschen, die sich auf ihr Rennen freut. Nein, es war keine Sinnestäuschung: Annika Lurz stand am Mittwochabend (Ortszeit) nicht mit hängenden Schultern und verhangenem Blick auf dem Startblock, sondern aufrecht, kerzengerade, mit nach hinten gedrückten Schultern.

          Auf ihrem Gesicht lag ein seliges Lächeln. „Total locker, relaxed, fröhlich“, so beschrieb die 27 Jahre alte Würzburgerin später ihren Gemütszustand vor dem Lauf über 200 Meter Freistil. Und genauso schwamm sie. Schon nach wenigen Metern war zu spüren, dass es ein elektrisierendes Duell zwischen ihr und der französischen Starschwimmerin Laure Manaudou geben würde; ein Spektakel, das den Auftritten von Michael Phelps nicht nachsteht.

          Weltrekord abermals unterboten

          Die Französin übernahm auf der zweiten Bahn die Führung, doch Annika Lurz kämpfte sich wieder heran. Schon nach der Hälfte der Distanz zeichnete sich ab, dass der Weltrekord, den Franziska van Almsick bis zum Vorlauf tags zuvor gehalten hatte, abermals unterboten würde. Laure Manaudou hatte das bessere Ende für sich. Sie schlug nach 1:55,52 Minuten an, 14 Hundertstelsekunden früher als ihre deutsche Gegnerin. Beide blieben fast eine Sekunde unter dem Weltrekord, den Federica Pellegrini im Halbfinale aufgestellt hatte. Die Italienerin wurde im Finale mit beträchtlichem Rückstand Dritte.

          Endlich Jubel im deutschen Team: Annika Lurz Bilderstrecke

          Obwohl sie nur einen Wimpernschlag vom Titel und von der 25.000-Dollar-Weltrekordprämie entfernt war, verlor die 27 Jahre alte Pädagogin nicht ihre entrückte Stimmung. Sie freute sich wie eine Weltmeisterin, während der echten Weltmeisterin die Freude nicht anzusehen war. Vielleicht lag das daran, dass die Manaudou schon alles erreicht hat: Olympia-Gold, WM-Titel und Weltrekorde. Die sieben Jahre ältere Deutsche dagegen bestritt am Mittwoch in Melbourne das erste WM-Einzelfinale ihrer Laufbahn. Sie war erst im vergangenen Sommer in die Weltspitze gestoßen und bei der EM maßgeblich an zwei Staffelweltrekorden beteiligt. Aber weil Britta Steffen alles überstrahlte, wurde die Würzburgerin öffentlich kaum wahrgenommen. Das dürfte nun anders sein.

          „Hab Spaß, genieße es“

          Zumal die Schwimmszene wegen ihres Schwächeanfalls im Vorlauf den Atem angehalten hatte. Es war ein unerwarteter Rückfall. Früher hatten ihr die Nerven öfter einen Streich gespielt. Erst nach einer vierjährigen Pause wurde sie zu der Schwimmerin, die sie heute ist. Offenbar fand Stefan Lurz, ihr Mann und Trainer, die richtigen Mittel, um die mentale Blockade zu lösen. Dem Unfall im Vorlauf folgte ein zweistündiges Gespräch. „Vor dem Finale habe ich ihr gesagt: Hab Spaß, genieße es, wir sind in Australien, die Stimmung ist toll, wer weiß, ob so ein Moment noch mal wiederkommt“, sagte er. Mit dem Ergebnis seiner Gesprächstherapie war er zufrieden: „Ihr Rennen war nahezu perfekt. Ich hatte gehofft, dass sie den alten Weltrekord unterbieten kann. Dass sie so schnell ist, hätte ich nie gedacht.“

          Nun hoffen sie in der deutschen Mannschaft, dass Annika Lurz' Entfesselungsakt auch die anderen Schwimmer befreit. Allerdings gab es auch am Mittwoch ein paar Enttäuschungen wie das Ausscheiden von Antje Buschschulte im Halbfinale über 50 Meter Rücken. Immerhin erreichte die Ingolstädterin Janine Pietsch halbwegs locker das Finale. Allerdings verlor sie ihren Weltrekord. Die unbekannte Amerikanerin Leila Vaziri unterbot ihn in 28,16 Sekunden im Halbfinale. Britta Steffen greift nun wieder ins WM-Geschehen ein: erst in den Vorläufen über 100 Meter Freistil, dann im Staffelrennen 4 x 200 Meter, in dem die Deutschen neben Australien und den Vereinigten Staaten zu den Favoriten zählen. „Wir wissen auf jeden Fall, dass wir eine sehr gute Schlussschwimmerin haben werden“, sagte Sportdirektor Örjan Madsen. Er meinte Annika Lurz.

          „Jetzt schwimmt er wie Thorpe“

          Neben Michael Phelps schrumpfen auch die deutschen Hauptdarstellerinnen zu Randfiguren. Die Auftritte des 21 Jahre alte Amerikaners sind so phänomenal, dass selbst die patriotischen Australier hingerissen sind - und das will etwas heißen im Land von Ian Thorpe. Am Mittwoch verbesserte Phelps seinen Weltrekord über 200 Meter Schmetterling um fast zwei Sekunden auf 1:52,09 Minuten.

          17 Weltrekorde und 13 WM-Einzeltitel zieren nun seine Bilanz, abgesehen von sechs Gold- und zwei Bronzemedaillen, die er von den Olympischen Spielen in Athen nach Hause brachte. Und es gibt keine Anzeichen, dass die Phelps-Show bald zu Ende wäre. „Er ist reifer, er hat sehr, sehr viel trainiert, und seine Kraultechnik ist jetzt viel besser“, sagt sein Trainer Bob Bowman. „In Athen schwamm er unruhig wie ein Juniorenschwimmer. Jetzt schwimmt er wie Ian Thorpe.“

          Ergebnisse:
          Frauen:
          200 m Freistil:
          1. Laure Manaudou (Frankreich) 1:55,52 Min. WR; 2. Annika Lurz (Würzburg) 1:55,68; 3. Federica Pellegrini (Italien) 1:56,97; 4. Kathryn Hoff (USA) 1:57,09; 5. Josefin Lillhage (Schweden) 1:57,90; 6. Dana Vollmer (USA) 1:58,30; 7. Caitlin McClatchey (Großbritannien) 1:59,28; 8. Otylia Jedrzejczak (Polen) 2:01,53; ...14. Meike Freitag (Frankfurt/Main) 1:59,60 (Halbfinale)

          Männer:
          200 m Schmetterling:
          1. Michael Phelps (USA) 1:52,09 Min. WR; 2. Wu Peng (China) 1:55,13; 3. Nikolai Skworzow (Russland) 1:55,22; 4. Moss Burmester (Neuseeland) 1:55,35; 5. Ryuichi Shibata (Japan) 1:55,81; 6. Pawel Korzeniowski (Polen) 1:55,87; 7. Ioannis Drimonakos (Griechenland) 1:56,48; 8. Chen Yin (China) 1:58,15; ...28. Benjamin Starke (Cottbus) 2:01,01 (Vorlauf)

          50 m Brust
          1. Oleg Lisogor (Ukraine) 27,66 Sek.; 2. Brendan Hansen (USA) 27,69; 3. Cameron van der Burgh (Südafrika) 27,88; 4. Alessandro Terrin (Italien) 28,09; 5. Kosuke Kitajima (Japan) 28,10; 6. Michael Malul
          (Israel) 28,19; 7. Brenton Rickard (Australien) 28,24; 8. Walerij Dymo (Ukraine) 28,27; ...17. Mark Warnecke (Essen) 28,28 (Vorlauf); 23. Johannes Neumann (Riesa) 28,50 (Vorlauf)

          800 m Freistil:
          1. Oussama Mellouli (Tunesien) 7:46,95 Min.; 2. Przemyslaw Stanczyk (Polen) 7:47:91; 3. Craig Stevens (Australien) 7:48,67; 4. Federico Colbertaldo (Italien) 7:49,98; 5. Sebastien Rouault (Frankreich)
          7:52,04; 6. Sergij Fesenko (Ukraine) 7:53,43; 7. Grant Hackett (Australien) 7:55,39; 8. Ryan Cochrane (Kanada) 7:56,56; ...17. Christian Hein (Würzburg) 8:00,14 (Vorlauf)

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