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Schwimm-WM : Aber niemand im Verband sieht Anlaß zum Alarm

  • -Aktualisiert am

Deutsche Vorschwimmerin Antje Buschschulte Bild: dpa/dpaweb

Bei der Schwimm-WM in Montreal war wiedereinmal nur auf einige Etablierten im deutschen Team Verlaß. Der erhoffte Qualitätssprung bei den jungen Athleten blieb aus. Der deutsche Schwimmsport steht vor schwierigen Jahren.

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          Endlauf erreicht, Ziel erreicht. Welchen Platz er bei den Schwimm-Weltmeisterschaften im Finale über 200 Meter Schmetterling erzielte, schien Helge Meeuw nur noch beiläufig zu interessieren. Er hatte als Siebter angeschlagen, mit einer Zeit (1:57,67 Minuten), die fast eine Sekunde über der von den deutschen Meisterschaften im Mai lag. Hätte er dieses Niveau bis Montreal nur konserviert, wäre der 20 Jahre alte Wiesbadener bei der WM einer Bronzemedaille nahe gekommen. Dennoch sah er für Enttäuschung offenbar keinen Anlaß. Das Finale habe ihn „riesig gefreut“, sagt er, „das macht einfach Spaß.“

          Die Episode spielte sich vor ein paar Tagen ab, sie war symptomatisch für den Auftritt der jungen deutschen Schwimmer in Montreal. Sie müßte den Schwimm Verband alarmieren. Denn der Sohn der beiden früheren Nationalschwimmer Folkert Meeuw und Jutta Weber ist ja nicht irgendein Nachwuchsathlet. Er gehört - wie auch Daniela Götz, Teresa Rohmann (beide SSG Erlangen), Marco di Carli (SV Sigiltra Sögel) und Paul Biedermann (SV Halle) - zum Kreis derer, die bei den nächsten Olympischen Spielen in Peking eine tragende Rolle spielen sollen. Man hatte sich in Montreal einen Qualitätssprung erhofft. Zumal sie bei den nationalen Titelkämpfen im Mai, die ja nur ein Vorspiel für die Weltmeisterschaften waren, vielversprechende Leistungen gezeigt hatten.

          „Richtig Schiß“ vor dem Rennen

          Doch viele der Jungen gingen unter dem freien Himmel von Montreal baden. Meeuw scheiterte später saft- und kraftlos schon im Vorlauf über 100 Meter Schmetterling. Auch der forsche Marco di Carli, ebenfalls 20 Jahre alt, erreichte in der Disziplin 100 Meter Rücken nicht einmal das Halbfinale. Über 50 Meter Rücken qualifizierte er sich am Samstag als Achter immerhin für das Finale. Weit davon entfernt war indessen der 18 Jahre alte Paul Biedermann aus Halle, den viele für das größte Talent des deutschen Schwimmens halten. Er kam weder über 200, 400 noch über 1.500 Meter in das Finale.

          Finale erreicht: Für Helge Meeuw ein Erfolg
          Finale erreicht: Für Helge Meeuw ein Erfolg : Bild: dpa/dpaweb

          Solche Enttäuschungen blieben wenigstens der 17 Jahre alten Nürnbergerin Daniela Götz erspart. Sie gewann mit der 4x100-Meter-Freistil-Staffel zum Auftakt die Silbermedaille. Am Samstag war sie - neben Antje Buschschulte, Annika Mehlhorn und Sarah Poewe - auch am dritten Platz der Lagenstaffel beteiligt. Im Einzel war sie schon froh, das Finale über 100 Meter Freistil zu erreichen, wo sie Achte wurde und bis auf drei Zehntelsekunden an ihre Bestzeit herankam. Damit gehörte sie schon zu den Ausnahmen im deutschen Team. Am Samstag sagte sie, gerade vor diesem Rennen habe sie „richtig Schiß“ gehabt.

          Erfolgserlebnisse nur für Etablierte

          So waren es dieses Mal die etablierten Kräfte, die dem deutschen Team zu einigen wenigen Erfolgserlebnissen verhalfen. Der fünfunddreißigjährige Mark Warnecke war mit seinem Titel über 50 Meter Brust, eine nichtolympische Disziplin, der große Exot dieser WM.

          Daneben schwamm sich die 27 Jahre alte Antje Buschschulte in einen kleinen Rausch. Sie gewann ingesamt zwei Einzelmedaillen (Silber über 100 Meter Rücken, Bronze über 50 Meter Rücken) und zwei Staffelmedaillen (Silber 4x100 Meter Freistil, Bronze 4x100 Meter Lagen); zudem erzielte sie am Samstag über 50 Meter Schmetterling als Fünfte einen deutschen Rekord. Es war bis dahin die einzige persönliche Bestzeit eines DSV-Athleten im Finale. Mit einer Energieleistung schaffte Anne Poleska den zweiten Platz in ihrer Spezialdisziplin 200 Meter Brust. Die neue Athletensprecherin wird mehr und mehr zur Führungsfigur im deutschen Team.

          Schwächen bei Start und Wende, mangelndes Stehvermögen

          Doch von diesen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, erinnerte in Montreal nicht mehr viel an die WM vor zwei Jahren in Barcelona. Damals schwammen die Deutschen von einem Erfolg zum anderen und gewannen gleich fünf Titel, drei davon allein die Nürnbergerin Hannah Stockbauer. In Montreal dagegen blieben selbst erfahrenen Athleten wie Thomas Rupprath, Steffen Driesen und Janine Pietsch, der Weltrekordhalterin über 50 Meter Rücken, Enttäuschungen nicht erspart. Rupprath, der am Sonntag abend als Titelverteidiger und Weltmeister über 50 Meter Rücken in 25,38 Sekunden nur Sechster wurde, entschuldigte sich sogar für seine schwachen Leistungen. „Es ist traurig, daß ich mich so präsentiere“, sagte der vielfache Welt- und Europameister.

          Die Bedingungen im Freiluftbecken von Montreal mögen schwierig gewesen sein. Doch die große Zahl von Weltrekorden und WM-Bestzeiten sprach gegen die Annahme, daß die schwachen Leistungen der Deutschen auch den Umständen geschuldet seien. Sportdirektor Ralf Beckmann mußte sich schon anstrengen, um den Auftritten seiner Schwimmer eine halbwegs positive Bilanz abzuringen. Die Hauptziele seien erreicht, sagte er: nämlich daß sich sechs Medaillenhoffnungen erfüllt hätten und die Deutschen voraussichtlich den vierten Platz in der nach Punkten ausgerechneten Nationenwertung belegen würden. Allerdings räumte auch er einige Defizite ein. Zu ihnen zählte er Schwächen bei Start und Wende und mangelndes Stehvermögen auf den letzten Metern während der Rennen.

          Dennoch widersprach Beckmann vehement der Ansicht, daß man die Perspektiven der deutschen Schwimmer mit Skepsis betrachten müsse. Er sei zuversichtlich für die nächsten Olympischen Spiele in Peking. Viele sehen das anders, auch unter den Athleten. „Man darf nicht mehr so hohe Erwartungen an den deutschen Schwimmsport haben wie 2001 oder 2003“, sagte Antje Buschschulte. „Das kommt so schnell nicht wieder.“

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