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Klippenspringerin Anna Bader : Keine Angst vor vollkommener Freiheit

„Für mich ist das etwas ganz Normales“: Anna Bader beim Klippenspringen. Bild: Picture-Alliance

Anna Bader ist eine der besten Klippenspringerinnen der Welt und stürzt sich aus zwanzig Metern in Wasser. Eine Frage hört sie dabei immer wieder.

          Angst! Was ist das überhaupt? Und was macht sie mit den Menschen? Anna Bader hat immer wieder darüber nachgedacht, sie sagt: „Wir leben in einer Angstgesellschaft, es wird einem ja immer Angst gemacht.“ Und weiter: „Man hat nicht genügend Versicherungen, keine Altersvorsorge, eine Lücke im Lebenslauf. Etwas fehlt immer, um auf der sicheren Seite zu sein. Aber: Es gibt keine sichere Seite im Leben, man kann nicht alle Risiken ausschließen. Und ich habe es dann eben auf die Spitze getrieben und gesagt: Ich will nicht, dass mich die Angst einschränkt.“

          Anna Bader ist Klippenspringerin, eine der besten, die es auf der Welt gibt. Sie springt aus fünfzehn, aus achtzehn, ja, aus mehr als zwanzig Metern ins Wasser. Zwei, vielleicht drei Sekunden ist sie dabei in der Luft, vollführt Salti und Schrauben, bis zum Eintauchen beschleunigt ihr Körper auf achtzig bis neunzig Kilometer pro Stunde. Die Kräfte, die dabei wirken, sind so groß, dass Klippenspringer den Sprung mit einem sogenannten Barani abschließen, einem halben Salto. Mit gestreckten Beinen, die Arme seitlich an den Körper angelegt, schießen sie dabei wie menschliche Torpedos ins Wasser. Ein Fehler, eine Moment der Hektik, eine falsche Bewegung – all das kann verheerende Folgen haben.

          Eine Frage hört Anna Bader deshalb immer wieder: Warum?

          „Für mich ist das etwas ganz Normales, ich habe nie darüber nachgedacht, dass es außergewöhnlich sein könnte – bis immer mehr Leute danach fragten. Es gab auch nicht diesen einen Moment, als ich gesagt habe: Jetzt werde ich Klippenspringerin. Das hat sich so ergeben, es ist, als wäre es mein Schicksal.“

          Anna Bader hat noch nicht genug vom Springen aus großer Höhe. Bilderstrecke

          Ihre Mutter Angelika Kern war als Turnerin zwei Mal bei den Olympischen Spielen dabei, 1968 in Mexiko und 1972 in München. Anna Bader begab sich zunächst auf ihre Spuren, begann ebenfalls früh mit dem Kunstturnen. Aber sie sprang auch immer öfter ins Wasser, kletterte dafür an Baggerseen auf Bäume, reiste mit der Familie in den Sommerurlaub nach Südfrankreich, stellte sich an Steilküsten und flog von dort aus ins Meer. Mit sechzehn stand sie erstmals im B-Kader der Nationalmannschaft der Wasserspringer. Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt zum Klippenspringen. 2005 nahm sie in der Schweiz erstmals an der Europameisterschaft teil – und gewann auf Anhieb den Titel. Sechs weitere EM-Titel folgten. 2013 gewann sie Bronze bei der Weltmeisterschaft in Barcelona, der ersten, bei der die Klippenspringer ins Programm aufgenommen worden waren. Am Freitag stieg sie bei der Schwimm-Weltmeisterschaft in Budapest auf die zwanzig Meter hohe Plattform. „Es wird schwer, dort eine Medaille zu gewinnen. Aber ich probiere es“, sagt sie zuvor. Der Auftakt macht Hoffnung: Anna Bader schloss die erste Runde als Führende ab. Sie bekam 67,60 Punkte und lag damit 1,3 Zähler vor der Australierin Rhiannan Iffland. In drei weiteren Runden springen die Athleten am Samstag um die Medaillen.

          Im September des vergangenen Jahres wurde ihre Tochter Roxana geboren. Seitdem konnte Anna Bader nicht mehr so intensiv trainieren wie in den Jahren zuvor. „Der Körper hat sich umgestellt, musste sich danach wieder umstellen. Es ist anders, aber es ist wunderschön – und ich brauche einfach ein bisschen Geduld“, sagt Anna Bader. Trotzdem ist sie Ende April beim Weltcup in Abu Dhabi bei ihrem ersten Wettkampf nach der Babypause auf Anhieb Dritte geworden. In São Miguel auf den Azoren wurde sie Anfang Juli ebenfalls. Erfolge, die auch für sie selbst unerwartet kamen.

          Seit mehr als zehn Jahren betreibt Anna Bader diesen Sport. Als sie mit dem Cliff Diving begann, war sie eine von wenigen Frauen. Bei manch einem Wettkampf hatte sie fünf Gegnerinnen, manchmal auch nur zwei oder drei. Inzwischen aber trauen sich immer mehr Frauen. Weltweit sind es inzwischen zwanzig. Beinahe die Hälfte von ihnen kommt aus den Vereinigten Staaten, andere aus Mexiko, Kanada, Australien und Weißrussland. Der Wettbewerb wird immer umkämpfter, und damit steigen auch die Schwierigkeiten der jeweiligen Sprünge. Genau wie das Risiko.

          Bisher ist Anna Bader von gravierenden Verletzungen verschont geblieben. Einmal prellte sie sich das Steißbein, einmal hatte sie zu wenig Rotation und ist mit dem Gesicht voran auf das Wasser aufgeschlagen; ansonsten: ein paar blaue Flecke, ein paar Schürfwunden. Konzentration, das betont sie immer wieder, sei das Entscheidende bei jedem Sprung. Das Visualisieren dessen, was kommt. Die mentale Belastung entspreche deshalb beinahe der körperlichen. Deshalb sind die Abläufe immer die gleichen. Rituale geben ihr Sicherheit.

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