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Schwimm-Weltmeister Marco Koch : Mit Yoga und Power-Diät

  • -Aktualisiert am

In Rio ein Strömungsopfer? Für Marco Koch, hier beim Weltcup im Singapur, ist der Fall klar. Bild: Getty Images

Bei Olympia schnitt er enttäuschend ab. Nun gleitet Marco Koch schlanker durchs Wasser. Der Schwimm-Weltmeister hat Ursachenforschung betrieben – und erstaunliche Entdeckungen gemacht.

          Das perfekte Rennen im richtigen Moment - davon träumen viele Sportler. Für die wenigsten von ihnen wird dieser Traum jedoch jemals Wirklichkeit. Marco Koch war über seine Paradestrecke 200 Meter Brust schon manchmal „ziemlich nah dran“, wie er sagt. Bei seinem Gold-Rennen während der Heim-EM in Berlin zum Beispiel. Und in Rio de Janeiro. In Rio? Etwa in diesem olympischen Finale, in das Koch als Weltmeister gestartet war - und das er als Siebter beendet hatte?

          Zur Erinnerung: Marco Koch galt als heißester Kandidat auf eine erste deutsche olympische Schwimm-Medaille seit Britta Steffens Doppel-Triumph 2008. Er allein, das wurde während der Weltspiele im August von Tag zu Tag deutlicher, würde den Deutschen Schwimm-Verband (DSV) vor einer abermaligen Nullnummer unter den fünf Ringen bewahren können. Doch es kam bekanntlich anders.

          Vom eigenen Gefühl getrogen

          „Ich hatte es noch nie, dass mein Gefühl mich so getrogen hat“, sagt Koch auch drei Monate später noch im Gespräch mit dieser Zeitung. „Es war das erste Mal, dass ich danach dachte: Boah, das war gut, das war bestimmt schnell. Und dann stand da diese Zeit, mit der ich nichts anfangen konnte.“ Die Gründe für die Enttäuschung waren landesweit schnell gefunden. Zu viele Kilos schleppe er mit sich herum, hieß es in den Kommentaren.

          Koch kennt diese Vorwürfe. Doch es ärgert ihn, dass seine Antworten darauf diesmal kaum gehört wurden. Dass er beispielsweise bei gleichem Gewicht Jahresweltbestzeit geschwommen, dass er so Welt- und Europameister geworden war. Warum sollte das, was immer als Geheimnis seiner einzigartigen Gleitphasen hervorgehoben wurde - die vielzitierte Pinguin-Form, der von viel Unterhautfett weichgezeichnete Körper - nun plötzlich ein Problem sein? „Das verstehe ich einfach nicht“, sagte Koch vor den am Donnerstag beginnenden deutschen Kurzbahn-Meisterschaften in Berlin, bei denen der 26-Jährige als einer der wenigen Top-Schwimmer aus der Olympiamannschaft antritt, um sich für die WM im Dezember in Windsor/Kanada zu qualifizieren.

          Marco Koch selbst hat eine ganz andere Erklärung dafür, dass er in Rio eine halbe Sekunde über seiner Bestzeit lag: „Es gab definitiv Strömung in dem Becken. Die ist für meine Zeit verantwortlich.“ Tatsächlich kam bereits während der Wettkämpfe Kritik an dem temporären Becken auf, Rennauswertungen deuteten darauf hin, dass die äußeren Bahnen durch die Wasseraufbereitung benachteiligt waren. Koch schwamm auf Bahn eins. „Das spürst du natürlich im Rennen, da hat dann vielleicht auch die Selbstsicherheit gelitten“, sagt Kochs Trainer Alexander Kreisel. Wenn plötzlich Frequenz und Anschlag nicht mehr passen - „das hat ihn einfach aus der Bahn geworfen“.

          Für Koch ist dies die einzig nötige Erklärung. Kreisel weist zudem darauf hin, dass sich herausgestellt habe, dass Koch wohl in der Vorbereitung am Epstein-Barr-Virus erkrankt gewesen sei. „Das erklärt auch die Phase im Juni, wo wir nicht so trainieren konnten, wie wir wollten“, sagt Kreisel. Eine Diagnose, die sich bestätigt habe, als Koch wegen Schwindel und Gleichgewichtsstörungen den ersten Kurzbahn-Weltcup kurz nach den Olympischen Spielen in Chatres abbrechen musste. „Im Krankenhaus hat sich gezeigt, dass sein Immunsystem einfach immer noch sehr schwach ist.“

          Marco Koch selbst sagt, er habe die Ereignisse von Rio „relativ schnell abgehakt“. Er sagt, London 2012 und damit das Vorlauf-Aus bei seinen ersten Spielen zu verarbeiten, das sei ihm sehr viel schwerer gefallen. „Diesmal habe ich ja keine großen Fehler gemacht, also gibt es auch nichts, über das ich mich lange hätte ärgern müssen.“

          Marco Koch ließ sich ohnehin kaum Zeit für Trübsal. Er reiste wie geplant früh aus Rio ab, um in die Weltcup-Saison auf der kurzen Winterbahn zu starten, die er trotz Krankenhausaufenthalts zu Beginn mit acht 200-Meter-Brust-Siegen an acht Stationen beendete.

          Nach Olympia etwas Neues ausprobiert

          Und der bekennende Tüftler startete sogleich ein neues Experiment auf dem Weg nach Tokio 2020: Neben Yoga für mehr Beweglichkeit setzte Koch in den vergangenen Wochen auf eine mit dem früheren Weltmeister Mark Warnecke ausgearbeitete Power-Diät: Eiweiß-Shakes morgens und abends, mittags eine normale Mahlzeit. 13 Kilogramm habe er so in den sechs Wochen verloren, nachdem er sich nach seinen Rennen in Rio „sehr gehengelassen“ habe. Nicht als Reaktion auf die Pfunde-Polemik, darauf legt Koch großen Wert. „Ich habe schon im Frühjahr gesagt, dass ich das gerne mal ausprobieren würde, aber wir wollten damit bis nach Rio warten.“

          Mittlerweile ernähre er sich wieder normal, versuche nun, sich auf ein Idealgewicht einzupendeln, ohne dass der sogenannte Jojo-Effekt die harte Arbeit zunichtemacht. Wie genau sich dieser neue, dieser schlankere Weg mit zwangsläufig auch weniger Muskelmasse auf Koch auswirkt, der immer auch befürchtete, mit Gewicht auch seine Gleitfähigkeit zu verlieren, das wird sich in den kommenden Tagen und Wochen zeigen. „Zunächst einmal sind die Ergebnisse erstaunlich positiv. Ich kann normal trainieren, kann schnell schwimmen“, sagt Marco Koch, der den Traum vom perfekten Rennen noch nicht aufgegeben hat.

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