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Schwimm-Shootingstar Märtens : „Nie den Kopf ausschalten“

Ganz bei sich: Lukas Märtens krault hohen Zielen entgegen. Bild: X02994

Schwimmer Lukas Märtens weckt mit seinen 20 Jahren große Erwartungen. Die WM ist der Auftakt zu einer Reihe von Bewährungsproben vor seinem großen Ziel: Olympia in Paris. Kann er nun Florian Wellbrock herausfordern?

          3 Min.

          Es gibt nicht viele Luxusprobleme im deutschen Schwimmsport, aber an diesem Freitag war  eindeutig eines zu beobachten: Unter den schnellsten fünf Schwimmern, die in diesem Jahr bei Rennen über 1500 Meter Freistil an den Start gegangen sind, schwimmen drei am Olympiastützpunkt in Magdeburg unter der Regie von Bernd Berkhahn. Das Problem für den Bundestrainer: Bei den WM-Vorläufen musste Oliver Klemet, Nummer fünf in der Welt in diesem Jahr, muss zuschauen.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Zwei Plätze pro Schwimmverband, also sprang für den Deutschen Schwimm-Verband Florian Wellbrock ins Becken, der Weltmeister, Drittschnellster über diese Strecke in diesem Jahr. Und: Lukas Märtens, 20 Jahre. Niemand war 2022 schneller als Märtens, der Ende März in Magdeburg nach 14:40,28 Minuten anschlug. Mit der Zeit hätte Märtens vor einem Jahr in Tokio bei den Olympischen Spielen die Silbermedaille gewonnen – und Wellbrock geschlagen. Fürs Finale am Samstagabend qualifizierte sich Wellbrock als Vorlaufschnellster, Märtens als Sechster.

          Sie trainieren im selben Becken

          Wenn Wellbrock der König unter den deutschen Schwimmern ist, und daran besteht kein Zweifel, dann ist Märtens der Prätendent. Einer, der nach Budapest zur Weltmeisterschaft gekommen war als Jahresweltbester nicht nur über 1500, son­dern auch über 400 und 800 Meter. Einer, der von den Erfolgen im Frühjahr 2022 sagt: „Es war ein bisschen abzusehen. Im Training lief es schon sehr, sehr gut. Florian hat im Training ein paar mehr Probleme bekommen als vor Olympia. Da hat es sich abgezeichnet.“

          Dass sie beide in denselben Becken trainieren, macht die Sache noch spannender. Und tatsächlich ist auffällig, wie Märtens in Spuren wandelt, die auch Wellbrock gehen musste, bevor er bei den Olympischen Spielen in Tokio Bronze über 1500 Meter und Gold im Freiwasserrennen gewann. Denn wie Wellbrock fünf Jahre zuvor zu Olympia nach Rio war Märtens mit stillen, aber großen Hoffnungen nach Tokio gekommen. Und machte dann vor allem große Augen.

          Anspannung und Ablenkung

          Aus Tokio ist ihm, sagt Märtens, vor al­lem eines in Erinnerung geblieben: „Die Anspannung im Kopf. Die Aufregung. Das war etwas ganz anderes als bei jedem anderen Wettkampf. Ich habe mir viel mehr Gedanken gemacht, an andere Sa­chen gedacht als an den Start gerade.“ So viel Ablenkung, selbst bei Corona-Spielen. „Das ganze Dorf, die Riesenmensa, das ganze Drumherum. Die ganzen Eindrücke – das war sehr viel. Die internationalen Topschwimmer haben natürlich dazu beigetragen, weil man ab und zu auf sie schaut. Da denkt man an etwas anderes als an sich selbst.“

          Bei seinen Einzelstarts blieb er in den Vorläufen hängen, zu seiner eigenen und Berkhahns Enttäuschung. Aber ihm, sagt Märtens, habe diese Er­fahrung „sehr viel“ gebracht: „Dass ich mich auf mich konzentriere, auf mich schaue, nicht auf andere, mich nicht ab­lenken lasse.“ Der zweite Platz über 400 Meter Freistil am ersten Tag der Weltmeisterschaft scheint zu belegen, dass er auf dem richtigen Weg ist.

          Aber tatsächlich wird sich erst in Paris in drei Jahren sagen lassen, ob sich die Erwartungen erfüllen, die Märtens längst ge­weckt hat. Denn die Weltmeisterschaften in Budapest sind der erste Teil einer Abfolge hochrangiger Meisterschaften bis dahin: Im August die EM in Rom, kommendes Jahr im August die nächste WM in Fukuoka, Japan, im Januar 2024 eine weitere Weltmeisterschaft in Doha, Qatar, und für den Frühsommer vor den Spielen in Paris war auch eine EM ge­plant, in Kasan, Russland.

          Kurzum: Die Halbwertzeit eines Weltmeistertitels hat der Internationale Schwimm-Verband FINA so beeindruckend geschrumpft, dass der Fixstern Olympiasieg noch ein bisschen heller strahlt. Zumal für die Magdeburger Distanzkrauler, denn zum Beckengold hat es seit 1988 für keinen deutschen Mann mehr gereicht – und es drängen sich außerhalb Magdeburgs nicht eben viele deutsche Schwimmer auf, die daran etwas ändern werden.

          „Ich bin ein bisschen jünger, ich habe noch ein paar Höhepunkte vor mir“, hatte Märtens vor der Weltmeisterschaft gesagt. „Ich nehme das, was ich kriegen kann, und dann schauen wir mal Schritt für Schritt. Ich denke, für mich ist es sehr gut, dass es jedes Jahr viele Höhepunkte gibt. Ich hätte mich auch bei dieser WM auf zwei Starts konzentrieren können, aber ich nehme die Erfahrungen mit, so viele Starts wie möglich zu haben und in Paris mit kühlem Kopf am Start zu stehen.“

          Mit dem Rennen über 1500 Meter endet seine Weltmeisterschaft. Nach Platz zwei über 400 Meter schied er über die doppelt so lange Strecke im Vor­lauf aus und wurde über 200 Meter Siebter. Ob zwei freie Tage genügt haben, den Akku wieder zu füllen? Der Vorlauf gab darüber wenig Aufschluss. Das Programm hat sich Märtens so ausgesucht. „Mir wurde es freigestellt von Bernd Berkhahn, dass ich schwimmen kann, was ich möchte. Aber ich denke, er findet es auch deutlich besser, wenn ich diese Erfahrung mache: viele Starts, viele Rennen. So habe ich mich dann auch entschieden.“

          Einst­weilen scheint Lukas Märtens die Dinge zu nehmen, wie sie kommen. Haupt­sache, „kühlen Kopf bewahren, ihn nie ausschalten“. Nie den Kopf ausschalten? Eine Psychologin am Stützpunkt in Magdeburg hilft den Schwimmern, die „beste Lösung zu finden, da sind wir gut auf­gehoben“. Nach Olympia vergangenes Jahr habe er eine Wo­che Pause gehabt. „Das ist ja wirklich nicht viel. Das war in den letzten Jahren auch schon so – ma­ximal hatte man zwei Wochen richtig Pause, richtig Urlaub. Ich denke, dass es deutlich schwieriger wäre, wenn man nach einem Topevent zwei Monate in den Urlaub geht.“ Das wird in den kom­menden Jahren nichts. Einstweilen empfindet Lukas Märtens das als Privileg.

          Wellbrock mühelos ins Finale

          Weltmeister Florian Wellbrock und Lukas Märtens haben sich bei den Schwimm-Weltmeisterschaften in Budapest ohne Mühe für den Endlauf über 1500 Meter Freistil an diesem Samstag qualifiziert. Wellbrock zog als Vorlaufschnellster ins Finale ein, er war in 14:50,12 Minuten eine knappe halbe Minute schneller als der Ukrainer Mychajlo Romantschuk, der, in seiner Heimat durch russischen Beschuss ausgebombt, zur Zeit in der Magdeburger Trainingsgruppe unter Bundestrainer Bernd Berkhahn trainiert. Märtens schwamm als Zweitschnellster des dritten Vorlaufs mit der insgesamt sechstschnellsten Zeit (14:53, 59 Minuten) ins Finale. Geschlagen wurde er von Olympiasieger Bobby Finke. Der Amerikaner hatte am Dienstag in Budapest bei seinem Sieg über 800 Meter Freistil gezeigt, dass seine Qualitäten im Schlussspurt, mit dem er in Tokio vor einem Jahr sehr überraschend zu zwei Olympiasiegen auf den Langstrecken gekrault war, eher noch gewachsen sind.

          Berkhahn erwartet im Finale ein „noch engeres“ Rennen als über 800 Meter, wie er der Deutschen Presse-Agentur sagte. Er werde seinen drei Schwimmern individuelle taktische Anweisungen geben – grundsätzlich aber werden alle sieben Konkurrenten, unter ihnen auch Gregorio Paltrinieri, der italienische Olympiasieger von Rio de Janeiro 2016, versuchen, Finke nach 1450 Metern so müde geschwommen zu haben, dass dieser mit seiner Taktik keinen Erfolg mehr haben kann. Das Rennen, das um kurz nach 18 Uhr stattfindet, ist ausschließlich über einen Livestream im Internet zu sehen. Das ZDF verzichtet zu Gunsten der „Finals“ in Berlin auf Übertragungen der Weltmeisterschaft. An der Austragung der gebündelten deutschen Meisterschaften sind die öffentlich-rechtlichen Sender maßgeblich beteiligt. (chwb.)

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