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Schwimm-EM : Wunderwerk Faust und eine Nudel namens Goldtraum

  • -Aktualisiert am

Kunstwerk im Wasser: Antje Buschschulte Bild: dpa/dpaweb

Vielleicht liegt es an ihrer Unverblümtheit, daß Antje Buschschulte noch immer nicht auf einer Stufe mit Hannah Stockbauer oder Franziska van Almsick steht. An ihrer sportlichen Qualifikation kann es nicht liegen.

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          Wer sich mit Antje Buschschulte zu einem Gespräch trifft, bemerkt rasch zweierlei: Erstens spricht sie laut, sehr laut. Zweitens ist sie direkt, sehr direkt. Das Gespräch an diesem Vormittag im Bistro des National Aquatic Centers von Dublin bei den Kurzbahn-Europmeisterschaften, beginnt also damit, daß sie einen anraunzt: "Ja nix über Ossi und Doping schreiben." Vielleicht liegt es ja an dieser etwas groben Unverblümtheit, daß Antje Buschschulte noch immer nicht auf einer Stufe steht mit den aktuellen Größen des deutschen Schwimmsports, mit Hannah Stockbauer etwa, ganz zu schweigen von Franziska van Almsick. An ihrer sportlichen Qualifikation kann es jedenfalls nicht liegen. Die 24 Jahre alte, hochgewachsene Biologiestudentin hat unzählige nationale und internationale Titel gewonnen, und im vergangenen Jahr füllte sie mit dem Sieg über 100 Meter Rücken bei der WM in Barcelona auch diese Leerstelle in ihrer Biographie.

          Barcelona, sagt sie, sei der intensivste Moment ihrer Geschichte als Sportlerin gewesen. Eine Erfüllung. Aber dann las sie am nächsten Tag die Zeitungsberichte. In denen stand, daß ihr Magdeburger Trainer Bernd Henneberg zu DDR-Zeiten etwas mit Doping zu tun hatte und daß er sich nach der Wende öffentlich davon lossagte. Sie sagt: "In der Welt wird so viel gedopt, und wir haben nichts Besseres zu tun, als ständig die alten Geschichten von den Ossi-Trainern aufzuwärmen." Womöglich ist es das Schicksal von Antje Buschschulte, daß man eher die Begleitumstände wahrnimmt als ihre eigentlichen sportlichen Leistungen - wie bei einem auffälligen Bilderrahmen, der vom eigentlichen Kunstwerk ablenkt.

          Ihre Karriere ist ja auch überreich an solchen merkwürdigen Episoden. Schon wie alles begann. Sie ist aus Zufall Schwimmerin geworden, denn es war ja nichts anderes, als sie 1993 als Vierzehnjährige "aus dem Nichts" bei einer Junioren-EM auftauchte und prompt gewann. Drei Jahre später war sie die erste namhafte West-Schwimmerin, die sich einem ehemaligen DDR-Trainer anschloß. In Magdeburg lehrte man sie, daß Schwimmen auch etwas mit Schmerzen und Entsagung zu tun hat. Sie biß sich durch und legte später das Abitur mit der Durchschnittsnote von 1,1 ab, aber zugleich gab es einen scharfen Knick in ihrer Karriere. Nach dem EM-Titel von 1997 kam sie einfach nicht mehr heran an dieses Format. Daran änderte sich auch nichts, als sie Henneberg schweren Herzens verließ, nach dem "Albtraum Sydney" (Buschschulte), als sie die "Bild"-Zeitung als "Blei-Ente" verhöhnte. Sie ging nach Halle, nahm dort das Biologiestudium auf, wechselte schon wenig später nach Wuppertal in die Trainingsgruppe von Henning Lambertz, und heute sagt sie freimütig: "Daß die Erfolge ausblieben, hatte auch etwas mit Motivation zu tun. Das Studium kostete viel Aufwand, manchmal trainierte ich nur nebenbei."

          Und da war noch diese Geschichte mit Ingo Schultz. Eine schreckliche Geschichte. Sie waren ein schönes Paar, die Schwimmerin und der smarte Läufer aus Hamburg. Doch dann kam die Leichtathletik-EM im vergangenen Sommer, Schultz feierte seinen Triumph im 400-Meter-Lauf, und noch in der selben Nacht servierte er seine Freundin ab, er hatte eine andere, und die ganze Nation bekam es am Fernseher mit. Eine Seifenoper im Reality-TV, ein Keulenschlag für Antje Buschschulte. "Er hat mich vor die Tür gesetzt", sagt sie, "es war das Perfideste, was ich je erlebt habe." Es sagt viel über sie, daß sie dann selbst das Heft in die Hand nahm. Als sich RTL bei ihr meldete und das vermeintliche Traumpaar zu Dreharbeiten nach Bali einlud, rief sie bei der Deutschen Presse-Agentur an und bat darum, folgende Nachricht zu verbreiten: Ingo Schultz hat sich von Antje Buschschulte getrennt.

          Daß es vermutlich diese Erniedrigung war, die ihr im Sport den entscheidenden Schub gab: das ist der Irrwitz an der ganzen Geschichte. Im letzten Frühjahr kehrte sie nach Magdeburg zurück, die Krise lag hinter ihr, sie war frei im Kopf, und sie wußte, was sie zu tun hatte. Sie war bereit für den großen Wurf. Als sie im Juli endlich Einzel-Weltmeisterin auf der Langbahn war, hatte auch das Erleben eine neue Qualität bekommen. Die angehende Neurobiologin, die Goethes "Faust" für ein Wunderwerk hält, sagt: "Das Gefühl ist viel schöner, als wenn man noch ganz jung ist, weil man es auch begreift. Ich habe in Barcelona Michael Phelps (18 Jahre alter Amerikaner, der bei WM drei Titel gewann und fünf Weltrekorde brach) beobachtet, der wird auch erst in ein paar Jahren merken, was da passiert ist." Jetzt arbeitet Antje Buschschulte an ihrem nächsten großen Ziel, dem einzigen, das sie noch nicht erreicht hat: einem Sieg bei den Olympischen Spielen in Athen. Ihrer gestiegenen Bekanntheit und dem WM-Titel hat sie es zu verdanken, daß sich diese Mission jetzt auch vermarkten läßt. Wie einst Steffi Graf ("Kochende Leidenschaft") wirbt sie neuerdings in einem Fernsehspot für einen Nudelhersteller, wenn auch einen sächsischen. Da trifft es sich gut, daß die Nudelsorte, die Antje Buschschulte den Leuten schmackhaft macht, einen passenden Namen hat: Goldtraum.

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