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Schwimm-EM : Steigerungsraten optimieren

Paul Biedermann ist einmal Europameister - die Gesamtbilanz der deutschen Schwimmer lässt Wünsche offen Bild: dpa

Die deutschen Schwimmer erreichen bei der Europameisterschaft in Budapest weniger Medaillen als erhofft: Das Team ist stark in der Breite. Aber die „super Spitze“ fehlt.

          Schwimm-Europameisterschaften sind für die Athleten immer auch eine Art Langstreckenlauf. Zumindest, wenn sie so vielseitig talentiert sind wie Daniela Samulski. Die EM in Budapest begann für die 26 Jahre alte Essenerin vor einer Woche mit einem Traumstart, der Goldmedaille über 4x100 Meter Freistil. Es folgte das frühe Aus über die 100 Meter Freistil und der etwas enttäuschende fünfte Platz über 100 Meter Rücken, als sie im Halbfinale noch die zweitschnellste Zeit geschwommen war. „Das lief nicht so glücklich“, sagte sie, „vielleicht wollte ich zu viel“.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Am Ende der EM nun kam das Glück zurück. Da holte sich die WM-Zweite erst am Samstag auf ihrer Spezialstrecke, den 50 Meter Rücken, in 27,99 Sekunden die Silbermedaille und am Sonntag dann mit der 4x100-Meter-Lagenstaffel, als Schmetterlings-Schwimmerin, in 4:03,22 Minuten mit Jenny Mensing, Caroline Ruhnau und Silke Lippok Bronze. Sieger Russland wurde nach einem Frühstart von Julia Efimowa disqualifiziert, ebenso wie später die deutsche Lagenstaffel der Männer.

          „Mein Saisoneinstieg war in diesem Jahr sehr schwierig“, sagte Daniela Samulski. „Aber ich habe den Glauben an mich nicht verloren.“ Drei Monate lang war sie vor der EM ausgefallen. Erst nahm sie sich vier Wochen lang eine freiwillige Auszeit, dann erlitt sie noch einen Mittelfußbruch. Erst von Ende April an bestritt sie wieder Wettkämpfe, da war die Zeit für die EM-Vorbereitung eigentlich schon viel zu knapp. Doch sie schaffte es, rechtzeitig in Form zu kommen. Dass sie in all diesen Turbulenzen ihr Selbstvertrauen bewahrte, hat wohl auch damit zu tun, dass die gebürtige Berlinerin schon Schlimmeres erlebt hat. Sie hatte bereits 2002 EM-Silber über 50 Meter Schmetterling gewonnen, wurde prompt zur „Miss Butterfly“ ausgerufen, Vergleiche mit Franziska van Almsick folgten.

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          Woche der Höhen und Tiefen

          Doch dann rebellierte der Körper, sie litt an Bulimie, nicht zuletzt wohl, weil sie sich zu stark über den sportlichen Erfolg definierte, Sport und Leben nicht mehr in die richtige Beziehung setzen konnte. Erst der Wechsel zu Trainer Henning Lambertz brachte sie wieder in die Spur. Inzwischen hat sie gelernt, auf ihren Körper zu hören, sie weiß, wann es besser ist, eine Pause vom Schwimmen einzulegen. Und dennoch gewann sie in Budapest eine Einzel- und zwei Staffelmedaillen. Nun hofft sie nur, im nächsten Jahr „endlich einmal gut durch die Vorbereitung zu kommen“.

          Es war eine Woche der Höhen und Tiefen, die Daniela Samulski in Budapest durchlebte, und insofern stehen ihre Erlebnisse exemplarisch für die Schwankungen, denen das gesamte Team der deutschen Schwimmer bei der EM unterworfen war. Es haben sich beileibe nicht alle Hoffnungen erfüllt im Deutschen Schwimm-Verband (DSV), vor allem, weil viele Athleten beim Saisonhöhepunkt in Budapest nicht mehr an ihre Zeiten von den deutschen Meisterschaften Anfang Juli herankamen. „Diese Steigerungsraten müssen wir noch optimieren“, sagte Bundestrainer Dirk Lange.

          Seine Ankündigung vor der EM, die Schwimmer seien durchweg in besserer Verfassung als noch in Berlin, erwies sich als zu optimistisch. Stattdessen stellte der Bundestrainer fest, dass „wir in den Positionen vier bis acht führend sind“ in Europa – dabei sprangen aber nur neun Medaillen heraus, zwei weniger als erhofft. „Wir haben eine starke Breite, aber noch nicht eine super Spitze“, sagte Lange. Zumindest, wenn Größen wie Britta Steffen oder Helge Meeuw fehlen.

          Biedermanns Genugtuung

          Auf der Habenseite steht eine junge Mannschaft, in der vor allem die 16 Jahre alte Silke Lippok mit Silber über 200 Meter Freistil ihr Potential zeigte, und die daher für Lange „eine Mannschaft der Zukunft“ ist. „Wir sind auf dem Sprung“, sagte er. Dass auch der Teamgeist in Budapest stimmte, zeigte besonders der zweite Platz der 4x200-Meter-Freistilstaffel der Männer am Samstag. „Sie war vier Sekunden schneller als die Addition der Einzelzeiten“, sagte Lange. Besondere Genugtuung erfuhr dabei Startschwimmer Paul Biedermann, dem im direkten Duell gegen den französischen 400-Meter-Freistilsieger Yannick Agnel die ersehnte Revanche gelang – und der sich überdies in 1:45,47 Minuten die schnellste 200-Meter-Zeit in diesem Jahr von Michael Phelps zurückholte. „Es ist schön, dass ich einen Gruß nach Amerika schicken konnte“, sagte Biedermann. „Aber ich bin sicher, der kommt bald wieder zurück.“

          Ein bisschen mehr Kommunikation könnte auch in der latent schwelenden Kontroverse um die Zukunft von Bundestrainer Lange und dessen mögliche Beförderung auf den vakanten Posten des Cheftrainers der Schwimmer helfen. Ursprünglich sollte nach der EM eine Entscheidung fallen, nun verwies Sportdirektor Buschkow darauf, dass er zwar genaue Vorstellungen dazu habe, diese aber vorerst für sich behalten wolle – bis zur Präsidiumssitzung am 3. September.

          Buschkows Hinhaltetaktik zeugt nicht gerade von überbordendem Respekt vor dem ehrgeizigen Lange. Der Bundestrainer hängt nun weiter in der Warteschleife. „Wir sind nicht weit auseinander“, beteuert Lange, macht aber zugleich klar, dass er gerne mehr Einfluss nehmen würde, „auch wenn der Posten nicht unbedingt Chef-Bundestrainer heißen muss“. Nun ist es an Buschkow, die Hängepartie zu beenden. Schließlich bewegen sich derzeit schon seine Schwimmer auf schwankendem Boden – da sollte zumindest die Führung auf festem Grund stehen.

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