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Volleyball in Deutschland : Nationaltrainer als mäßig bezahlter Nebenjob

Felix Koslowski beendet nach 15 Jahren seine Tätigkeit für den Deutschen Volleyball-Verband Bild: EPA

Nach Jahren als Vereinscoach und Nationaltrainer gibt Felix Koslowski seinen Zweitjob auf. Von der jahrelangen Doppelbelastung bleiben Narben zurück.

          3 Min.

          Eines wird Felix Koslowski in seiner künftigen Arbeit als Volleyballcoach sicherlich nicht vermissen, nachdem er seinen Zweitjob als Coach der Frauen-Nationalmannschaft kürzlich beendet hat. Den Kampfbegriff „Bundestrainerbonus“, der immer wieder fiel, wenn er mit dem SSC Palmberg Schwerin in der Bundesliga spielte und eine strittige Schiedsrichterentscheidung zugunsten seines Teams ausgefallen war. „Das hat mich sehr verletzt“, sagt der 37-Jährige. „Ich habe immer versucht, loyal und fair zu agieren.“ Doch im Laufe seiner sechs Jahre in Personalunion als Nationalcoach und Vereinstrainer legte er sich ein dickeres Fell zu und verinnerlichte, dass der Vorwurf nicht an seine Person gebunden war, sondern oft als Scheinargument verwendet wurde, wenn es vermeintlich gerade passte. Geärgert hat es ihn dennoch.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Im Spannungsfeld zwischen Volleyball-Bundesliga und Deutschem Volleyball-Verband (DVV) hat Koslowski nun vor geraumer Zeit das Signal erhalten, dass in Zukunft keine Bundestrainer mehr beschäftigt werden sollen, die in Personalunion auch in einem Verein agieren. Freilich coacht auch Herren-Bundestrainer Andrea Giani in Italien die Klubmannschaft von Volley Modena. Und DVV-Präsident René Hecht sagt gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, auf dem internationalen Markt gebe es nur Spitzentrainer, die doppelt fahren. Die Nachfolgefrage für Koslowski zu lösen läge ansonsten in den Händen von Sportdirektor Christian Dünnes.

          Starangreiferin Louisa Lippmann: „Felix war ein sehr großer Unterstützer und Vertrauenstrainer für mich“
          Starangreiferin Louisa Lippmann: „Felix war ein sehr großer Unterstützer und Vertrauenstrainer für mich“ : Bild: Picture-Alliance

          Für Koslowski, der seit 15 Jahren für den Verband arbeitete, stand dennoch die Entscheidung an: Schwerin oder Deutschland? „Ich habe mir in den letzten zwei Monaten viele Gedanken gemacht“, sagt er im Telefongespräch, das er aus Portugal führt. Dort treten seine Schweriner Frauen an diesem Mittwoch im Achtelfinale des CEV-Pokals bei AJM Porto an. Der Vereinsvolleyballbetrieb, wie immer in der Herbst/Winter-Saison, läuft auf Hochtouren.

          Er habe viele Gespräche mit Verein und Verband, Spielerinnen und nicht zuletzt seiner Frau geführt, sagt Koslowski. Der leidenschaftliche Volleyballtrainer, der seine Karriere als Spieler frühzeitig zugunsten des Jobs an der Linie beendete, ist in Schwerin geboren, wohnt dort und ist verheiratet mit einer Schwerinerin. Das Paar hat vier Kinder. „15 Jahre musste die Familie zurückstehen“, sagt er nun: „Jetzt können wir endlich mal Sommerferien buchen.“ Denn im Sommer, so will es die Spielplan-Logik im Volleyballsport, bestreiten die Nationalteams ihre Turniere.

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          Seinen Traum von der Olympia-Teilnahme gibt Koslowski damit auf. Bei der Qualifikation für Tokio stand das deutsche Team im Endspiel der europäischen Ausscheidung, unterlag im Kampf um den einzigen für Europa reservierten Platz aber der Türkei. „Damals haben wir unser bestes Volleyball gezeigt“, erinnert sich Louisa Lippmann, die einst in Schwerin zur Weltklassespielerin reifte und sich mittlerweile als Diagonalangreiferin in den Topligen Europas einen Namen gemacht hat. „Felix war ein sehr großer Unterstützer und Vertrauenstrainer für mich“, sagt sie. Doch jetzt gelte es, nach vorne zu schauen, denn sie gibt auch zu bedenken: „Nach der verpassten Olympiaqualifikation haben wir nicht mehr die Qualität erreicht.“

          Frische Brise in Schwerin

          Die jüngste EM 2021 endete enttäuschend mit einer Niederlage gegen die Niederlande schon im Achtelfinale. Eine neue Besetzung des Nationaltrainerpostens könne einen positiven Effekt haben, sagt deshalb auch Koslowski selbst. Andererseits erinnert er daran, wo er das Team übernommen hat. Nach der Ära Giovanni Guidetti, unter dessen Führung mit Koslowski als Ko-Trainer die deutschen Frauen zweimal EM-Silber gewannen, hatten die Stützen des Teams aufgehört. Mit Spielerinnen, die häufig selbst in der Bundesliga auf der Bank saßen, begann der Neuaufbau. Heute steht Deutschland auf Rang elf der Weltrangliste. Die ersten zehn haben nach geändertem Modus beste Chancen, sich für Olympia zu qualifizieren. Der DVV könne „Felix nicht genug danken für die sehr gute und aufopfernde Arbeit in den vergangenen 15 Jahren“, sagte Sportdirektor Dünnes – betonte aber ebenfalls, dass eine Neubesetzung frischen Wind bringen würde.

          Immerhin eine vielversprechende Brise spürt Koslowski bereits in Schwerin: „Der Verein entwickelt sich sehr gut“, sagt er. Die Halle wird ausgebaut, das Vereinsheim neu errichtet, die ganze Infrastruktur verbessert. Und auch die „sehr junge“ Mannschaft entwickele sich, auch wenn Tabellenplatz sieben derzeit nicht den Ansprüchen des zwölfmaligen Meisters entspricht. Finanzielle Verluste fürchtet Koslowski im Übrigen nicht. Sein Hauptgehalt kam immer vom Verein. Mit dem Verband hatte er stets nur mündliche Absprachen getroffen. „Ich hatte nie einen Vertrag. Das war mir auch nicht wichtig.“

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