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Schwergewichts-Boxen : 116,3 Kilogramm - Fingerzeige statt Zeigefinger

  • -Aktualisiert am

Schlagfertig: Klitschko und Lewis Bild: AP

Lennox Lewis wird gewogen und für zu schwer befunden: Vor dem WM-Kampf gegen Witali Klitschko entpuppt sich der Weltmeister tatsächlich als überraschend mollig.

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          Lennox Lewis lüftete die schulterlangen Rastalocken, stieg neben der Statue des großen Wayne Gretzky vor dem Staple Center auf die Waage und streckte beide Zeigefinger in die Höhe. Das Gewicht paßte allerdings nicht so recht zur Pose: 116,3 Kilo! Mit skeptischen Blicken auf den Bauch, der alles andere als Waschbrettkonturen bot, telefonierten die englischen Reporter hastig das überraschende Wiege-Ergebnis kurz vor Redaktionsschluß noch nach London und meldeten Zweifel an der absoluten Fitneß ihres Champions an.

          Gewogen und für zu schwer befunden: 116,3 Kilo - so übergewichtig war der Weltmeister im Schwergewicht bisher noch nie für einen seiner 43 Kämpfe. Folge der einjährigen Ringpause und des fortgeschrittenen Athletenalters von bald 38 Jahren? Drei Kilo weniger wog Lewis, als er vor zwölf Monaten in seinem letzten Kampf Mike Tyson K.o. schlug. Sein bisher höchstes Kampfgewicht, 115,2 Kilo, hatte der Reggae-Fighter im April 2001 in Johannesburg auf die Waage gebracht und war prompt von Hasim Rahman in der fünften Runde umgehauen worden. Sollte der Champion abermals einen Herausforderer nicht ganz ernst genommen haben?

          Witali Klitschko, mit 2,02 Meter sechs Zentimeter größer als Lewis, hat mit 112,5 Kilo sein ideales Kampfgewicht für den Showdown um die wahre Weltmeisterschaft im Schwergewicht am Samstag im Staple Center von Los Angeles. Nebeneinander ballten die beiden Giganten nach dem Wiegezeremoniell die Fäuste fürs Fernsehen und die Fotografen. Dem direkten Blickkontakt wich der Brite aber aus und verweigerte dem Ukrainer auch den Handschlag, ließ ihn einfach stehen. "Lewis ist verunsichert", schloß KlitschkoManager Klaus-Peter Kohl aus dem Verhalten.

          Ergebnis des Wiegens beim Weltmeister: 116,3 Kilo

          Das hohe Gewicht hat auch Kohl "sehr überrascht". Als Folge werde "Lewis gleich Druck machen, aber langsamer sein", vermutet der Manager. Das Wiegen zweier Schwergewichte, für die ohnehin kein Limit gilt, zwei Tage vor dem Kampf ist im Grunde Unsinn, gehört aber nun einmal zum Werbespektakel und erfüllt seinen Medienzweck. Zumal dann, wenn die Waage Lewis Lügen zu strafen scheint, wenn er tönt, "in bester Form" zu sein. Fingerzeige statt Zeigefinger.

          Doch nicht erst seit dem Übergewicht des Überfavoriten ist Kohl guten Mutes. "Auch wenn man mich für verrückt erklärt: Witali gewinnt. Ich habe so ein Gefühl, weiß aber nicht warum." Kohl hat Klitschko in die Augen geblickt und gesehen, was Lewis wohl nicht unbedingt sehen wollte: absoluten Siegeswillen. "Witali ist bereit." Ein Sieg in der Champions League des Faustkampfes über "den Besten der Welt" wäre für den 59 Jahre alten Hamburger Universum-Chef die Krönung seiner fast zwanzigjährigen Karriere im Haifischbecken des internationalen Boxgeschäfts. "Es gibt nichts Größeres."

          Schon das Zustandekommen des Kampfes betrachtet der hanseatische Kaufmann als großen Erfolg. Seit fast einem Jahr, seit Klitschko vom World Boxing Council (WBC) zur Nummer eins und damit zum offiziellen Herausforderer bestimmt wurde, hat Kohl hartnäckig, geschickt und professionell daran gearbeitet, zwischendurch auch mal an Klage gedacht, als die Lewis-Seite bereits getätigte Verträge nicht einhielt. "Klitschkos Manager wollte mir meinen Titel im Gericht wegnehmen", empörte sich Lewis. Kohl war letztlich klug genug, mit neuen Verhandlungen anstatt mit Gerichtsbeschlüssen zum Ziel zu kommen. "Ich habe bekommen, was ich wollte." Wert legt der Promoter dabei auf die Klarstellung: "Immer in Absprache mit Witali und den Anwälten." Von wegen, er belüge die Klitschkos, wie Lewis ihm unterstellt hat. Seit Kohl bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta den Coup mit den hünenhaften Brüdern aus der Ukraine landete, habe er stets nach der Devise gehandelt: "Die Klitschkos sind kluge Jungs. Mache ich meinen Job gut, bleiben sie. Mache ich ihn schlecht, sind sie weg."

          Nach dem Abschluß im Pay-per-view (Bezahlfernsehen) von HBO war der Kampf am Jahresende endgültig "in trockenen Tüchern". Lewis gegen Kirkman und Klitschko gegen Boswell sollten vorher noch zu einem gemeinsamen "Warm-up" am 21. Juni im Staple Center von L.A. antreten. Nacheinander. Dann verletzte sich Kirkman. Lewis und Klitschko einigten sich auf Drängen von HBO, die Sache sofort zu erledigen, wenn auch nur im Abonnement des Senders. "Lewis verliert dadurch viel Geld", sagt Kohl. "Deswegen ist er auch so frustriert." Außerdem sei das Risiko für den Weltmeister jetzt größer. "Witali hat einen derart eigenwilligen Boxstil, daß Lewis mehr Zeit gebraucht hätte, um sich darauf einzustellen." Ganze zehn Trainingstage blieben für die Umstellung im Training.

          So mehren sich unter den Fachleuten denn auch die Stimmen, die zwar nicht gleich umschwenken, aber nun auch Klitschko immerhin eine Chance einräumen, selbst wenn Lewis ihr erklärter Favorit bleibt. "Wer zuerst trifft, wird gewinnen, und das dürfte bis zur sechsten Runde Lewis sein", orakelt Amerikas Boxpapst Michael Katz. Lewis ist der bessere Boxer und in großen Kämpfen erfahrener. Aber wer einen solchen Punch in der rechten Faust hat wie Klitschko, hat immer eine Chance. Seit ihr Champion 116,3 Kilo auf die Waage brachte, befürchten das auch die englischen Experten.

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