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Schumacher in der Bredouille : „Die wollten was vertuschen“

Der „Rad-Schumi”: Unfall mit Fahrerflucht unter Alkoholeinfluss Bild: AP

Dopingverdacht, Alkoholfahrt und nun auch noch ein möglicherweise positiver Drogentest: Radprofi Stefan Schumacher gerät immer mehr unter Druck.

          Eine solche Geschichte hatte es zumindest einmal schon gegeben im Radsport - und mancher dachte nun gleich an sie, als das Malheur von Stefan Schumacher bekannt wurde. Verkehrsunfall unter Alkoholeinfluss - wie bei Jan Ullrich im Mai 2002.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Ullrich rammte damals mit einem Porsche einen Fahrradständer in Freiburg. Nun geriet Schumacher wegen eines ähnlichen Vorfalls in die Schlagzeilen. Wieder Schumacher also. Wieder der Mann, der seit Tagen schon Stoff für Diskussionen liefert, seit dem Ende der Rad-Weltmeisterschaften in Stuttgart, als der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) über auffällige Blutwerte bei dem Profi berichtete (Siehe auch: Kommentar: Aufklärung ohne Tabus). Der Fall ist noch nicht abgeschlossen, er wird begleitet von Spekulationen, Vermutungen, Verdächtigungen. Und auch bei dem jüngsten Vorkommnis scheint manches noch undurchsichtig zu sein.

          Ermittlung wegen Unfallflucht

          Schumacher, der WM-Dritte, hatte am Sonntagmorgen auf alle Fälle nach einer Feier in Stuttgart mit seinem Auto einen Gartenzaun beschädigt und war zunächst weitergefahren, ehe er zurückkehrte. Der Nürtinger räumte dies am Dienstag in einer offiziellen Mitteilung ein. „Dies tut mir alles sehr leid, und ich bin froh, dass keine Personen zu Schaden kamen“, ließ der 26 Jahre alte Radrennfahrer vom Team Gerolsteiner wissen. Teamchef Hans-Michael Holczer kommentierte die Begebenheit so: „Was ich ihm zu sagen habe, ist nicht öffentlich.“

          Darüber hinaus soll es einen positiven Drogen-Vortest bei Schumacher gegeben haben; jedenfalls schrieb dies die „Bild“-Zeitung. Dies bestätigten zunächst jedoch weder die Polizei in Esslingen noch die Staatsanwaltschaft in Stuttgart. Von der Polizei hieß es, man ermittle wegen Unfallflucht, zudem sei eine Blutprobe genommen worden. Dabei ist angeblich ein Wert von 0,6 Promille festgestellt worden. „Außer Alkohol war nichts im Spiel“, behauptete Schumacher.

          „Bild“ zitierte ihn mit den Worten, er könne sich den positiven Test nicht erklären: „Ich habe hundertprozentig keine Drogen genommen.“ Schumachers Manager Heinz Betz sagte zu der Frage, ob ein Drogen-Vortest erfolgt sei: „Anscheinend ja.“ Schumachers Anwalt bemühe sich derzeit um Akteneinsicht. Details habe man zuerst aus der Presse erfahren, monierte Betz.

          „Eine Kurzschlussreaktion“

          Schumacher hatte seinen Wagen vor einer Feier mit Freunden in einer Stuttgarter Diskothek daheim stehenlassen und war morgens mit dem Taxi zurückgekehrt. Dann setzte er sich nach eigenen Angaben doch ins Auto, weil er seine Lebensgefährtin daheim nicht angetroffen hatte. Er hatte sie auch telefonisch nicht erreicht und wollte sie deswegen bei einer Bekannten in Nürtingen suchen. Auf dem Weg dorthin sei der Unfall passiert. „Unter Schock fuhr ich weiter, um nach wenigen Minuten, dann wieder bei Besinnung, zur Unfallstelle zurückzukehren“, schrieb Schumacher. „Das war mehr oder weniger eine Kurzschlussreaktion“, sagte Betz.

          So kommt Schumacher nicht zur Ruhe - er soll sich ja auch wegen der Anomalie in seinem Blut zu WM-Beginn am 24. Oktober vor dem Bundestags-Sportausschuss erklären. Der Ausschussvorsitzende Peter Danckert will schließlich erfahren haben, dass Schumachers Hämatokritwert bei einer unangemeldeten Trainingskontrolle der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) am 25. September bei 51 und 50 Prozent gelegen habe. Schumacher hatte die Abweichungen auf eine Durchfallerkrankung zurückgeführt. Einen Hämatokritwert von angeblich 51 mit einer solchen Malaise zu begründen sei absurd, sagte indes Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg.

          Möglicherweise Leistungsmanipulation

          Er glaube nicht, sagte Sörgel, dass der Hämatokritwert durch eine in Mitteleuropa zugezogene Diarrhöe so stark ansteigen könne. Sörgel, der der inzwischen aufgelösten Anti-Doping-Kommission des BDR angehört hatte, hält eine Leistungsmanipulation für möglich. Der BDR, der Internationale Radsportverband (UCI) und Schumacher allerdings hatten stets betont, dass kein Doping-Fall vorliege.

          Schumacher war noch einmal am 27. September vom BDR und tags darauf von der UCI kontrolliert worden; er legte dazu Ergebnisse von Untersuchungen vor, die er selbst in Auftrag gegeben hatte. Die UCI sah keinen Anlass, den Profi mit einer Schutzsperre zu belegen - Danckert und Sörgel werten dies jedoch anders. Sörgel attackiert den BDR und die UCI vehement: „Die wollten was vertuschen, das ist offensichtlich.“ Einen wirklichen Anti-Doping-Kampf, sagt er überdies, habe es beim BDR nie gegeben.

          Scharping: Nichts vorzuwerfen

          Der von Rudolf Scharping geführte nationale Verband weist die Kritik zurück. „In dem Verfahren haben wir uns nichts vorzuwerfen“, sagte am Dienstag BDR-Generalsekretär Martin Wolf gegenüber dieser Zeitung. „Wir haben genau das gemacht, was vorgegeben war.“ Nach Informationen des BDR will Schumacher nun in die Offensive gehen. Er sei bereit, hieß es am Dienstag, die Daten der verschiedenen Blutanalysen vor einem Expertengremium offenzulegen.

          Nach Ansicht des BDR könnte ein solcher Kreis mit Wilhelm Schänzer, dem Leiter des Instituts für Biochemie in Köln, mit Anne Gripper, der Anti-Doping-Beauftragten der UCI, mit einem Vertreter des Anti-Doping-Labors in Lausanne sowie Mitgliedern der Nada und der Welt-Anti-Doping-Agentur besetzt sein. „Wir würden uns freuen, wenn es so käme“, sagte Wolf zu Schumachers vermeintlicher Absicht. Der Radprofi wird womöglich auch vor dem Sportausschuss selbst erscheinen. „Sofern er da ist, warum nicht?“, sagte Manager Betz. „Der Stefan hat nichts zu verbergen.“

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