https://www.faz.net/-gtl-7twov

Schützen-WM : Bayerische Volksmusik in der Sierra Nevada

Volksmusik auf dem Parkplatz: eine Siegerehrung in Granada Bild: AFP

Neue Töne für die Deutschlands Schützen bei der Weltmeisterschaft: Innerhalb weniger Stunden ertönt auf einem Parkplatz in Granada viermal die deutsche Nationalhymne.

          Was ist bloß im Deutschen Schützenbund los? Wer dieser Tage einen Blick in den Süden Europas wirft, kommt aus dem Staunen kaum heraus. Auf der Schießanlage Juan Carlos, in exponierter Lage fünfzehn Kilometer vor den Toren Granadas gelegen, passieren sonderbare Dinge. Sie haben auch und vor allem mit den deutschen Sportschützen zu tun.

          Mit eigentlich geringen Erwartungen nach Andalusien gereist, haben sich alle Beteiligten immer wieder auf die Schenkel geklopft. Sportler, Trainer, Betreuer, Funktionäre - die 120 Personen starke Reisedelegation hatte es nicht für möglich gehalten, dass alleine bis zum fünften Wettkampftag bei der sogenannten großen, nur alle vier Jahre stattfindenden Weltmeisterschaft, eine unverhoffte Medaillenflut einsetzen würde.

          Auf den Sitzen gab es kein Halten

          Beate Gauß: Weltmeisterin mit dem Sportgewehr. Katrin Quooß: Weltmeisterin in der Wurfscheibendisziplin Trap. Daniel Brodmeier: WM-Zweiter im Liegendschießen mit dem Kleinkalibergewehr. Sonja Pfeilschifter: WM-Dritte mit dem Luftgewehr. Dazu insgesamt drei Mannschaftstitel für die Gewehrfrauen und das Trap-Team um die Überraschungs-Weltmeisterin Katrin Quooß und die Finalvierte Jana Beckmann.

          Darüber hinaus hat nicht Favorit Christian Reitz, sondern Teamkollege Oliver Geis dem Deutschen Schützenbund den fünften Quotenplatz für die Olympischen Spiele 2016 gesichert. Der 23 Jahre alte Geis wurde mit der Schnellfeuerpistole Zweiter; für Reitz, den souveränen Vorkampfbesten, reichte es nur zu Platz sechs. Gemeinsam mit Aaron Sauter wurde das deutsche Trio Mannschafts-Weltmeister.

          Gleich viermal innerhalb weniger Stunden wurde auf einem Parkplatz, auf dem sich die riesige Siegertribüne befindet, die deutsche Nationalhymne gespielt. Auf den Sitzen gab es kein Halten. Langgediente Trainer und Betreuer des Deutschen Schützenbundes hatten Tränen in den Augen. Die spanischen Organisatoren bewiesen Fingerspitzengefühl, als sie sich der Tragweite dieses besonderen Moments bewusst waren: Sie spielten bayerische Volksmusik. Neue Töne also in der spanischen Sierra Nevada, wo sich weitere unverhoffte Dinge ereigneten. Noch bevor auf die ersten Scheiben in der andalusischen Wildnis gezielt wurde, war Alexander Kindig ein Nobody. Ein ambitionierter, aber weithin unbekannter Sportschütze, der mit seiner Luftpistole tolle Dinge anstellen kann.

          Ein Talent, das Hoffnung gibt: Alexander Kindig (Mitte)

          Zum Beispiel dies: Weltmeister werden. Zwar nur bei den Junioren. Trotzdem hat sich der 19 Jahre alte Schüler aus Burgau in Schwaben schlagartig in den Fokus geschossen. „Bis zu seinem 25. Lebensjahr durchläuft er jetzt alle Fördermaßnahmen“, sagt Heiner Gabelmann. Der Sportdirektor des Deutschen Schützenbundes (DSB) ist froh, dass es Leute wie Fachinformatiker Kindig gibt, der demnächst sein Abitur macht. Weil ihm bei der WM in Granada mit großer innerer Ruhe ein Coup mit einer Leistung von 199,1 Finalringen glückte, mit der er bei den Männern Zweiter geworden wäre, ist Kindig ab sofort ein Baustein im sogenannten Top Team Future.

          Innerhalb von zwei Olympiaden, acht Jahren also, soll der 2008 eingeleitete Generationenwechsel vollzogen sein. So sieht es der 46 Seiten umfassende Strukturplan des Schützenbundes vor. Vor allem die jüngeren Schützen sollen es zukünftig richten und bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio mithelfen, die Schmach von London endgültig zu vergessen. In der englischen Hauptstadt erlebte der DSB vor zwei Jahren sein Waterloo, denn erstmals seit Melbourne 1956 gab es keine einzige Medaille.

          In Granada hat es dagegen bislang weitaus mehr lichte Momente als vermutet gegeben. Gabelmann hatte die Parole ausgeben, dass zwei Einzelmedaillen das Ziel des zweiwöchigen Schützenfestes sind. Doch auch im Sportschießen ist Erfolg nicht immer planbar. Nur so lässt sich erklären, dass neben dem bronzenen Abschiedsgeschenk für Sonja Pfeilschifter auch der Gewehrkollege Brodmeier einen mehr oder weniger perfekten Tag erwischte und WM-Zweiter wurde.

          Überstrahlt wurde der famose Auftritt der deutschen Mannschaft von zwei starken Frauen. Die 27 Jahre alte Katrin Quooß, die vor einem Jahr Mutter geworden war und daraufhin eine Pause vom Wettkampfsport einlegte, wurde die erste deutsche Trap-Weltmeisterin überhaupt. Und auch die 30 Jahre alte Sportsoldatin Beate Gauß sorgte mit dem Sportgewehr für goldene Momente und weckte damit olympische Ambitionen. „Doch an Rio will ich jetzt nicht denken.“

          „Das Feuer in mir brennt noch“

          Hans-Jörg Meyer schon. Der Niedersachse hat es mit der Freien Pistole zum wiederholten Male in den Nationalmannschaftskader geschafft, was eigentlich den Verbandsplänen widerspricht. Meyer ist schließlich 50 und mit Abstand der Senior des WM-Teams. Von Abschied und Karriereende aber mag er nichts hören. „Ich kann die Jungen noch anführen“, sagt der gestandene Sportschütze, der als Betriebswirt im Controlling eines Automobilkonzerns arbeitet und regelmäßig Handstände machen muss, um ein paar freie Tage für sein Hobby zu bekommen. In Granada hat Meyer sportlich zwar nichts erreicht und ist mit 544 Ringen nur 47. geworden. Doch die Pistole endgültig in den Schrank zu legen, davon will er nichts wissen. „Das Feuer in mir brennt noch“, sagt Meyer.

          Waldemar Schanz kann Ähnliches von sich behaupten. Der Wiesbadener ist der Altmeister des Doppeltrap, hoch dekoriert, denn schon 1995 wurde er WM-Zweiter auf Zypern. Zwei Jahre später wiederholte er diesen Erfolg in Lima. Heute ist Schanz 46 Jahre - und ein zukünftiger Gesprächspartner von Gabelmann. „Wir haben mit ihm eine klare Vereinbarung getroffen, dass wir nach der WM in Granada mit ihm reden“, sagt der Sportdirektor. Mit Meyer übrigens auch. Und sicherlich auch mit Junioren-Weltmeister Kindig. Aber nur, um mit ihm über seine Zukunft zu sprechen. Die hat sich für den Schützenbund durchaus verheißungsvoll angelassen. Das ambitionierte Ziel, am Zuckerhut den Sprung unter die vier besten Nationen zu schaffen, ist seit Granada keine Illusion mehr.

          Weitere Themen

          Kurz vor der Königsweihe

          Klopp beim FC Liverpool : Kurz vor der Königsweihe

          Jürgen Klopp hat mit Liverpool die Champions League gewonnen, die Fans aber sehnen seit beinahe dreißig Jahren die Meisterschaft herbei. Sie wollen nicht mehr warten.

          Topmeldungen

          Klopp beim FC Liverpool : Kurz vor der Königsweihe

          Jürgen Klopp hat mit Liverpool die Champions League gewonnen, die Fans aber sehnen seit beinahe dreißig Jahren die Meisterschaft herbei. Sie wollen nicht mehr warten.
          Oktober 2018: Polizisten drängen mehrere Demonstranten gegen den Landesparteitag der AfD Niedersachsen in Oldenburg ab (Symbolbild)

          Opferbefragung : Studie: Deutlich mehr Fälle von Polizeigewalt

          Bei Demonstrationen und Fußballspielen kommt es offenbar besonders oft zu Eskalationen: Eine Studie der Universität Bochum legt nahe, dass Polizisten deutlich häufiger als bisher gedacht ungerechtfertigte Gewalt anwenden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.