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Schriftsteller Thomas Pletzinger : „Beschreiben, wie Champagner in den Augen brennt“

  • Aktualisiert am

Eine Saison mit Alba Berlin: „Sportliteratur kann großartige Kunst sein” Bild: dapd

Romancier Thomas Pletzinger hat eine Saison lang die Basketball-Mannschaft von Alba Berlin begleitet um darüber ein Buch zu schreiben. Im F.A.Z.-Interview spricht er über den Höhepunkt der Saison und die Gemeinsamkeiten von Literatur und Sport.

          3 Min.

          „Über Kunst zu schreiben ist Kunst“, behauptet Thomas Pletzinger in seinem Romandebüt „Bestattung eines Hundes“. Und weiter: „Über Sport zu schreiben ist allerdings auch Kunst“. Vielleicht spornte das den in Berlin lebenden Schriftsteller, Jahrgang 1975, dazu an, die Basketballspieler von Alba durch eine ganze Saison zu begleiten.

          Reich-Ranicki sagt, Sport und Literatur könnten sich nicht aufrichtig lieben, sie seien feindliche Brüder.

          Sie sind sich sehr ähnlich, und sie konkurrieren, da hat er recht. Sportliteratur kann aber großartige Kunst sein. Gerade habe ich zwei Texte von David Foster Wallace über Tennis gelesen, „Roger Federer as Religious Experience“ und „String Theory“, ein Porträt des ehemaligen Tennisprofis Michael Joyce. Da begreift man die Sportart Tennis ganz anders als zuvor – einfach großartig und sehr literarisch. Zu Basketball gibt es in Deutschland allerdings wenig Literatur.

          Die Sportbezüge in Ihrem Roman deuten darauf hin, dass Sie sich mit Sport intensiv befasst haben.

          Ich hatte als Jugendlicher die feste Vorstellung, dass ich einmal Basketballprofi werden würde.

          Wer aus Ihrer Schülermannschaft in Hagen hat es geschafft?

          Marko Pesic, der mit sechzehn seine ersten Bundesligaspiele machte. Bernd Kruel, er spielt immer noch in der Bundesliga. Als Hagen 1994 Pokalsieger und Vizemeister wurde, war ich einer der Nachwuchsspieler, die ab und zu mittrainieren durften, wenn ein Profi Schnupfen hatte. Dafür gab es eine Monatskarte für den Bus und ein Malzbier. Näher bin ich einem Profivertrag nicht gekommen.

          Eine Hauptfigur Ihres Romans ist Ethnologe. Betreiben Sie mit Ihrem Projekt Alba Berlin nun selbst Feldforschung?

          Wahrscheinlich würde man das als teilnehmende Beobachtung bezeichnen. Was ich selbst erlebt habe: Als für das Eurocup-Spiel gegen Treviso nur neun Spieler fit waren, sollte ich mir prophylaktisch eine Trikotnummer aussuchen.

          Die Spieler können also noch lachen?

          Der Running Gag ist, dass das Drehbuch für die Saison von mir stammt, dass alle die Saison durchspielen und die Hindernisse meistern müssen, die ich mir ausgedacht habe. Jetzt fragen sie mich, ob es ein Happy End gibt.

          Funktioniert Ihr Buch auch, wenn Alba wieder in den Play-offs ausscheidet?

          Ich will nicht die übliche Geschichte vom Du-kannst-es-schaffen-wenn-du-nur-willst erzählen. Natürlich ist es für einen Erzähler gut, eine schwierige Saison zu beschreiben. Da zeigen sich Risse in der Fassade des Profisports. Manchmal wird es sehr persönlich und emotional. Für diese Momente mache ich das. Auf der anderen Seite hoffe ich natürlich, dass die Saison ein gutes Ende nimmt. Ein sehr gutes Ende. Auch das will ich sehen. Ich würde gern das Brennen des Champagners in den Augen beschreiben.

          Sie fahren mit im Mannschaftsbus, Sie dürfen in die Kabine. Gehören Sie dazu?

          Ich bin jetzt so lange dabei, dass ich glaube, dass ich in den entscheidenden Situationen unsichtbar bin. Das ist auch nicht schwer in einem so hart fokussierten Umfeld aus zwanzig Männern, die fast alle größer und schwerer sind als ich. Sie sind beschäftigt mit ihrer Taktik, ihrem Körper, ihren Ritualen. Ich bin nur eine Fliege an der Wand.

          Dürfen Sie Negatives berichten?

          Ich darf alles. Meine Unabhängigkeit ist mir sehr wichtig. Ich bin kein Hofberichterstatter und stehe nicht auf der Alba-Gehaltsliste, ich werde in keiner Weise zensiert und bin völlig frei. Ich bin ehrlich am System Profisport, am Basketball und an den Menschen interessiert. Ich bin nicht hier, um Spieler oder Trainer vorzuführen.

          Verlieren Sie in einer so aufwühlenden Saison nicht die Distanz?

          Natürlich. Das hatte ich sogar erhofft. Am Anfang der Saison habe ich noch auf der VIP-Tribüne in Reihe drei gesessen. Mittlerweile sitze ich beim Mannschaftsarzt direkt am Spielfeldrand. Am Anfang habe ich Notizen über Spielstände gemacht, inzwischen klappe ich das Notizbuch im vierten Viertel zu und brülle rum. Ich würde so ein Buch vor allem lesen, weil es subjektiv und emotional ist.

          Was ist Ihr bestes Erlebnis?

          Ich muss schon sagen, dass die Niederlage in Bamberg . . .

          . . . mit mehr als fünfzig Punkten beim Erzrivalen und Tabellenführer . . .

          . . . sehr eindrucksvoll war. Nicht das Ergebnis, sondern die Art und Weise, wie die Spieler und Trainer damit umgegangen sind. Ganz unterschiedlich in Strategie und Intensität und Lautstärke. Oder die Reise nach Caserta bei Neapel: geradezu absurd in der Häufung widriger Umstände, die verhindert haben, was wir wollten: nach Hause reisen und ins Bett gehen. Durch die Schneestürme sind wir vierzig Stunden unterwegs gewesen, mit Rotkreuzdecken, Trinkspielen und Beinahe-Schlägereien. Aber Richtung Play-offs wird es immer aufregender.

          In Ihrem Buch kommen Lance Armstrong vor, ein Ex-Sportreporter namens Harnisch, Tischtennis, Langstreckenlauf und Basketball. Was hat das zu bedeuten?

          Von Armstrong bin ich als völlig absurdem Phänomen fasziniert. In Europa gilt er als Inbegriff des Sportbetrügers, in Amerika wird er als Krebs-Überlebender heroisiert und nur sehr bedingt in Frage gestellt. Tischtennis ist eine Referenz an Max Frisch. Basketball ist meine eigene Geschichte. Und eine Weile bin ich Marathon gelaufen.

          Heißt der Sportreporter Harnisch mit Vornamen vielleicht Henning – ehemaliger Basketballprofi und jetzt Vizepräsident von Alba?

          Der Name kommt wirklich nicht von ungefähr: Henning Harnisch war mein Jugend-Idol. Wir hatten damals alle die Haare wie er, lang und mit Stirnband. Kaum zu fassen. Ich habe dem echten Henning Harnisch Ende der vergangenen Saison meine Idee vorgestellt. Er ist ein Literaturmensch und hat „Bestattung eines Hundes“ in zwei Tagen gelesen, und ich glaube, es hat ihm gefallen. Danach waren wir im Gespräch.

          Die Fragen stellte Michael Reinsch

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