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Weltklasse-Meeting in Götzis : Schmerzen aushalten ist die elfte Zehnkampf-Disziplin

  • -Aktualisiert am

Voltaren als „Grundnahrungsmittel“

Als Vorwarnsystem gegen die eigene Selbstzerstörung hat sich das Bewegungstalent inzwischen angewöhnt, stets darüber zu reden, wo es gerade zwickt. Rico Freimuth, mit dem er in Halle trainiert, und sein Coach Wolfgang Kühne müssen dann abschätzen, wie ernst die Beschwerden wohl sein könnten. Kein Mittel der Wahl sei mehr die prophylaktische Einnahme von Schmerzmitteln. In akuten Phasen gehe es manchmal nicht ohne. Aber Voltaren galt zeitweise praktisch als „Grundnahrungsmittel“ für Zehnkämpfer. „Davon sind wir weg“, sagt Freimuth, denn: „Genau dann tut man sich weh, weil man ja nichts spürt.“

Freimuth ist ein knappes Dreivierteljahr jünger als Schrader, dafür einen halben Kopf größer und zehn Kilo schwerer. Vermutlich alles Muskelmasse. „Ich bin stabil“, sagt der Potsdamer: „Ich brauche keine Mittelchen.“ Hätte der 1,95-Meter-Schrank das Talent seines Trainingspartners, wäre er kaum schlagbar.

Am Ende überwiegt das Glück: Schrader nach dem Gewinn der Silbermedaille bei der WM in Moskau 2013

Schrader, der aus Duisburg stammt, in Halle trainiert, aber für Dreieich startet, wiegt 80 Kilo auf 183 Zentimetern. Er ist der klassische Sprinter- und Springertyp und erzielt seine besten Leistungen in den Disziplinen, in denen nicht die pure Kraft gefordert ist: 8,05 Meter im Weitsprung, 10,52 Sekunden über 100 Meter. Da jeder Zehnkampf mit Sprint und Sprung beginnt, liegt er meistens von Anfang an im Vorderfeld des Klassements. Was gut für seine Stimmung ist. Sofern er sich und seine Muskulatur über 100 Meter nicht verkrampft. „Das kommt manchmal vor und zieht sich dann durch den ganzen Tag.“ Und verdirbt womöglich auch noch den Start in den zweiten, den Hürdensprint: „Wenn man sich nicht mehr richtig bewegen kann, machen einem die 1,06 Meter hohen Hürden ziemlich zu schaffen.“

Schrader profitiert im Training von der Zusammenarbeit mit Freimuth, der bei der WM in Moskau mit 8382 Zählern Siebter wurde. Ansonsten behauptet er, sich nicht mit anderen zu vergleichen, denn das wäre „Gedankenverschwendung“. Dass der Status der Zehnkämpfer nicht mehr mit früher vergleichbar ist, als sie noch als „Könige der Athleten“ galten, juckt ihn auch nicht weiter.

Überglücklich in Kopf und Seele

Der Sportsoldat ist weit davon entfernt, Ruhm und Ehre für seine Qual zu erlangen, lässt sich davon aber den Spaß nicht verderben. „Ich kann gut von meinem Sport leben“, sagt er zufrieden, vor allem wenn man bedenke, „wie normale Menschen 40 Stunden die Woche arbeiten“ müssten. Er dagegen könne sich mit Dingen wie Stabhochspringen beschäftigen, seine „absolute Lieblingsdisziplin“, bei der er schon 5,10 Meter überwunden hat und noch höher hinaus will.

Der stets entspannt wirkende Schrader weiß im Prinzip, wie er sich technisch noch verbessern kann: „Ich kenne meine Fehler.“ Elf Einheiten pro Woche trainiert er jeweils zwei Stunden lang, stets kombiniert er zwei Disziplinen. „Mal Sprint und Weit, mal Kugel und Hoch, mal Speer und Tempoläufe. Alles kommt mal dran.“ Aber nur noch, solange es sein Körper zulässt. Der wird schon noch genug schmerzen, wenn das Werk vollendet ist. „Am Tag nach einem Zehnkampf bin ich körperlich völlig am Ende“, das weiß Schrader schon vorher. „Aber in Kopf und Seele bin ich überglücklich.“ Und dieses Gefühl überlagert alles andere.

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