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Stürze häufen sich : Der Radsport frisst seine Fahrer

  • -Aktualisiert am

Emanuel Buchmann (l.) und Gregor Mühlberger: bei grenzwertiger Abfahrt gestürzt. Bild: AFP

Evenepoel, Schachmann, Buchmann, Roglic, Kruisjwijk: Schlimme Stürze erschüttern den Radsport. Eklatante Sicherheitsmängel sind offensichtlich. Die Profis sind wütend.

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          Es hätte eine hochspannende Tour de France werden können. Vielleicht wird sie das auch noch. Doch die Zeichen stehen nicht gut, und das liegt nicht allein an Corona und der Entwicklung in Frankreich, wo die Zahl der Infektionen wieder kräftig steigt. Das liegt in erster Linie am Straßenradsport selbst. Am vergangenen Wochenende hat sich in erschreckender Weise ein Trend fortgesetzt, der auf eine Art Selbstzerstörung hindeutet. Der Radsport frisst seine Fahrer. Schickt sie in Rennsituationen, auf Strecken, die auf unverantwortliche Weise auf Spektakel getrimmt sind. So verliert er viele Profis, auch viele seiner besten, durch schwere Stürze und daraus resultierende Verletzungen.

          Beim Critérium du Dauphiné, einer Rundfahrt in Frankreich, die viele Topfahrer als Vorbereitung für die Tour de France nutzen, erwischte es am Samstag auf einer Abfahrt neben dem Slowenen Primož Roglič, der bei der Tour als erster Herausforderer von Vorjahressieger Egan Bernal galt, und dem Niederländer Steven Kruijswijk, dem Tour-Dritten von 2019, auch zwei vom deutschen Team Bora-hansgrohe: Kapitän Emanuel Buchmann, den Vierten der Frankreich-Rundfahrt im vergangenen Jahr, und seinen Edelhelfer Gregor Mühlberger, der ihn bei der erhofften Fahrt aufs Podium in Paris unterstützen sollte.

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          Buchmann kam trotz seines schweren Sturzes um Knochenbrüche herum, Hautabschürfungen und schwere Prellungen deuten aber darauf hin, dass seine Chancen auf einen Spitzenplatz bei der Frankreich-Rundfahrt deutlich gesunken sind – falls er überhaupt starten kann. Mühlberger wurde mit einer Handverletzung ins Krankenhaus gebracht. Ein Bruch bestätigte sich zwar nicht, aber auch er wird in den nächsten Tagen nicht aufs Rad steigen können – und die Tour beginnt in nicht einmal zwei Wochen, am 29. August.

          Zu allem Überfluss verletzte sich bei der gleichzeitig stattfindenden Lombardei-Rundfahrt ein weiterer Topfahrer aus dem Bora-hansgrohe-Team. Maximilian Schachmann, auch er als Helfer für Buchmann vorgesehen, erlitt einen Schlüsselbeinbruch, nachdem ihm ein Auto den Weg abgeschnitten hatte auf einer Passage, die von den Veranstaltern nicht ausreichend gesichert worden war. Schachmann fuhr das Rennen zu Ende, wurde Siebter, fällt nun aber bis auf weiteres aus. „Man muss realistisch sein: Wenn drei der besten Fahrer schwer stürzen und viele Tage nicht trainieren können, kann man nicht erwarten, dass man auf Topniveau zur Tour fahren wird“, sagte Enrico Poitschke, der Sportdirektor von Bora-hansgrohe gegenüber radsportnews.com.

          Bei diesen trüben Aussichten hielt sich die Freude über den Etappensieg von Lennard Kämna am Samstag bei der Dauphiné-Rundfahrt in Grenzen. Der 23 Jahre alte Bora-Fahrer setzte sich bei der Sturz-Etappe mit einem Solo durch und fuhr zu seinem ersten Erfolg als Profi. Auch er ist als Tourassistent für Buchmann vorgesehen. Mühlberger, Schachmann, Kämna – das wäre ein Helfer-Trio erster Güte gewesen. Wäre. Dass Kämna im Fall der Fälle als Mann für die Gesamtwertung die Kapitänsrolle bei der Tour übernehmen könnte, steht bei Bora-hansgrohe nicht zur Debatte. Dies käme für den talentierten Jungprofi zu früh.

          International noch mehr Aufmerksamkeit als das Sturzpech des Bora-Teams erregten die Fälle Kruijswijk und Roglič. Der Slowene, dessen Tourstart nicht gefährdet sein soll, musste die Dauphiné-Rundfahrt als Führender aufgeben, den Gesamtsieg holte sich am Sonntag der Kolumbianer Daniel Martinez (EF Pro Cycling).

          Zehn Meter in die Tiefe gestürzt: Remco Evenepoel  hatte großes Glück im Unglück.
          Zehn Meter in die Tiefe gestürzt: Remco Evenepoel hatte großes Glück im Unglück. : Bild: dpa

          Roglič, einst Weltklasse-Skispringer und jetzt Kletterkünstler auf dem Rennrad, war wie Buchmann auf der Abfahrt gestürzt, auf einer Straße, die diese Bezeichnung nicht verdiente. Wieder hatte der Veranstalter eines bedeutenden Rennens den Fahrern einen Streckenabschnitt vorgesetzt, der schwere Stürze billigend in Kauf nahm. Wieder hatte der internationale Radsportverband (UCI) die Strecke genehmigt. Entsprechend verheerend war nach der Sturzserie das Echo, entsprechend wütend die Kommentare der Profis. „Kies und tiefe Löcher die ganze Strecke runter“, schrieb der Teamkollege von Roglič und Kruijswijk bei Instagram. „Die Leute, die sich für diesen Weg entschieden haben, scheren sich keine Sekunde um die Sicherheit von uns Fahrern. Wie viele schlimme Unfälle müssen noch passieren, damit sich etwas ändert?“

          Die Diskussion ist nicht neu. Sie läuft in Dauerschleife. Zuletzt hatte bei der Polen-Rundfahrt eine abschüssige Zielgerade, auf der die Profis zu einem Sprint mit Tempo 80 gezwungen wurden, zu Protesten geführt, nachdem der niederländische Meister Fabio Jakobsen – von seinem Landsmann Dylan Groenewegen in die Absperrung gedrängt – lebensgefährliche Verletzungen erlitten hatte. Bei einer der folgenden Etappen der Polen-Rundfahrt hatte sich Jakobsens Kollege vom Team Jumbo-Visma, Remco Evenepoel, die Rückennummer seines Freundes ausdrucken lassen und sie als Sieger nach einer 50 Kilometer langen Solo-Flucht bei der Zieldurchfahrt in die Höhe gehalten.

          Am Samstag stürzte auch Evenepoel, das 20 Jahre alte belgische Wunderkind des Radsports, auf fürchterliche Weise. Bei der Lombardei-Rundfahrt touchierte er bei einer Abfahrt in hohem Tempo eine Mauer, überschlug sich und stürzte einen Abhang hinunter. Er erlitt einen Beckenbruch und eine Prellung des rechten Lungenflügels.

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