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Schikane-Fälle im Turnen : „Es ist nicht eine einmalige Entgleisung“

  • Aktualisiert am

Im Turnen soll es einen Kulturwandel geben. Bild: Picture-Alliance

Nach der Untersuchung der Vorwürfe von Spitzen-Turnerinnen hält der Verband „schwerwiegende Pflichtverletzungen“ einer Trainerin am Olympia-Stützpunkt Sachsen für erwiesen. Das soll nun Folgen haben – weit über diesen Fall hinaus.

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          Die Enthüllungen um psychische Gewalt am Olympia-Stützpunkt Sachsen sollen weitreichende Konsequenzen für das deutsche Turnen haben. Nach einer Untersuchung der Vorwürfe verlangt der Deutsche Turner-Bund nicht nur die Beendigung des Arbeitsverhältnisses der Chemnitzer Trainerin Gabriele Frehse, sondern will auch Strukturreformen und einen Kulturwandel einleiten. „Wir müssen uns als Gesellschaft die Frage stellen, welchen Spitzensport wollen wir überhaupt“, sagte DTB-Präsident Alfons Hölzl am Freitag. „Die Fehler und Unzulänglichkeiten der Vergangenheit dürfen sich nicht wiederholen“, teilte der Verband mit.

          „Der Vorstand des OSP setzt sich mit den neu gewonnenen Erkenntnissen auseinander und beschließt in Kürze das weitere Vorgehen. Das beinhaltet insbesondere den Umgang mit der angestellten Trainerin Gabriele Frehse“, heißt es in einer Stellungnahme des Olympiastützpunktes Sachsen. Gleichzeitig bekräftigte der OSP, für einen sauberen, gewaltfreien Sport zu stehen. „Wir verurteilen jegliches Fehlverhalten und entschuldigen uns bei Betroffenen für entstandenes Leid. Darüber hinaus hinterfragen wir uns kritisch. Ziel des OSP Sachsen muss es sein, Versäumnisse von unserer Seite aufzuarbeiten und alles dafür zu tun, dass sich diese in Zukunft nicht wiederholen“, teilte der OSP mit.

          Eine vom DTB beauftragte Frankfurter Kanzlei hatte bei ihren Ermittlungen zu den vom „Spiegel“ enthüllten Vorfällen „schwerwiegende Pflichtverletzungen“ am OSP Sachsen festgestellt. Es sei „richtig und wichtig, dass der DTB die Vorwürfe professionell und unter externer Begleitung mit einem Gutachten hat untersuchen lassen“, sagte Alfons Hörmann. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes fügte hinzu: „Ich begrüße auch, dass das DTB-Präsidium daraus wichtige Ableitungen und das richtige Fazit gezogen hat.“ Seitens des DOSB werde eine eigene, unabhängige Untersuchung durchgeführt, um zu klären, ob „es weitere strukturelle, organisatorische oder personelle Schwachpunkte am Olympiastützpunkt gibt“.

          „Es sind gravierende Pflichtverstöße“

          Mehrere Sportlerinnen wie die frühere Schwebebalken-Weltmeisterin Pauline Schäfer hatten Trainerin Frehse vorgeworfen, sie im Training schikaniert, Medikamente ohne ärztliche Verordnung verabreicht und keinen Widerspruch zugelassen zu haben. Die Trainerin bestritt mehrfach und auch bei einer Befragung im Rahmen der Untersuchung diese Vorwürfe. Es handele sich um haltlose Anschuldigungen und Unwahrheiten. Dagegen kommt das nun dem DTB vorliegende Gutachten nach der Befragung von 32 Personen unter anderem zu dem Ergebnis, dass „in 17 Fällen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin vorliegen“.

          DTB-Chef Hölzl räumte ein: „Es ist nicht eine einmalige Entgleisung, es sind gravierende Pflichtverstöße.“ Als es 2018 erstmals Vorwürfe gegeben hatte, seien die eingeleiteten Maßnahmen „unzureichend“ gewesen. „Stellvertretend für den Turnsport entschuldigen wir uns bei den Athletinnen für das Leid, das sie erfahren haben“, sagte Hölzl. „Eine Goldmedaille bei Olympischen Spielen hat langfristig keinen Wert, wenn ein Turner nachher beschreibt, welches Leid er erfahren hat und welches fürchterliche Leben er gehabt hat.“

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          Dabei aber will es der Verband nicht bewenden lassen. Das Geschehen und das Gutachten böten Anlass, „den Turnsport in Deutschland insgesamt mit seinen Strukturen zu hinterfragen und zu reformieren“, hieß es. Eine entsprechende Tiefenbetrachtung dürfte vor allem auch das Bundesinnenministerium erwarten, das jährlich mehrere Millionen Euro an Fördergeldern an den DTB überweist. „Wir möchten einen Struktur- und Kulturprozess aufsetzen, damit der Spitzensport unter Einhaltung des Kindeswohls möglich ist“, versprach Hölzl.

          Unter anderem will der Verband auf internationaler Ebene darauf hinwirken, das Startalter für Wettkämpfe im Seniorenbereich von derzeit 16 auf 18 Jahre zu erhöhen. Auch das Wertungssystem solle mehr Rücksicht etwa auf Wachstumsprozesse bei Kindern nehmen. Wenn etwa weniger Schrauben und Salti bei den Junioren zulässig sind, sinke auch die Trainingsbelastung, so die Argumentation. „Da geht es ans Eingemachte“, sagte Hölzl, der schwierige Debatten mit anderen Nationen wie China über das Regelwerk erwartet.

          Zudem strebt der DTB eine Reform seines Stützpunkt-Systems an, damit künftig junge Sportlerinnen und Sportler näher an ihrem Zuhause trainieren können. Dies könne auch ein Vorbild für andere Sportarten sein. „Wir beginnen nicht bei Null, aber es gibt Schwachstellen und es ist Verbesserungsbedarf festzustellen“, sagte Hölzl. Man werde „große Überzeugungsarbeit leisten müssen“. Er könne nicht ausschließen, dass es auch an anderen Standorten Vorfälle wie in Chemnitz gegeben habe, bekannte der Verbandschef. Hölzl fügte hinzu: „Ich hoffe natürlich sehr, dass die Situation, wie wir sie hier vorgefunden haben, eine singuläre ist.“

          Das Bundesinnenministerium wollte sich am Freitag noch nicht zum DTB-Bericht äußern. Der Bericht sei am Vortag eingegangen, und werde nun geprüft bevor über „eventuelle eigene Schritte und Maßnahmen“ entschieden werde, teilte eine Sprecherin mit. „Die Vorkommnisse am Olympiastützpunkt Sachsen geben darüber hinaus Anlass, neben sexualisierter Gewalt auch psychische und physische Gewaltanwendung im Spitzensport beziehungsweise brutale Trainingsmethoden verstärkt in den Blick zu nehmen, mögliche systemische oder strukturelle Ursachen zu hinterfragen und grundsätzlich die Grenzen des Erlaubten im Leistungssport zu definieren“, sagte die Sprecherin.

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