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Schießsport : Draußen, wo sich niemand an den Schüssen stört

Bronze bei Olympia: Der Schnellfeuerpistolenschütze Christian Reitz mit seiner Waffe im Anschlag Bild: Frank Röth

Der Schützenverein 1935 Kriftel ist so etwas wie der FC Bayern München des Schießsports, zumindest was die Erfolge angeht. Er hat einen Medaillengewinner von Peking in seinen Reihen – ansonsten geht es eher beschaulich zu.

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          Joachim Ott schließt das stählerne Tor am Ortsrand von Kriftel auf und bugsiert seinen BMW, dessen Heck künstliche Einschusslöcher zieren, vor den flachen Klinkerbau, dem Schützenhaus auf der Hohlmauer. Rostige Grills stehen im Hof, eine alte Tischtennisplatte und eine Torwand, die ebenfalls schon bessere Zeiten gesehen hat. Ott zieht im Inneren die Rollläden hoch, macht es sich in der holzgetäfelten Vereinskneipe bequem und wartet auf den Schützennachwuchs. Auf Regalen reiht sich ein Pokal an den anderen. Und immer wieder kommen neue Auszeichnungen hinzu. Das ist eines der wenigen Dinge, die sich hier ändern.

          Philip Eppelsheim
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

          Denn seit Anfang der achtziger Jahre, als der „Schützenverein 1935 Kriftel“ seine „16 Luftgewehr-, Luftpistolen- und Armbruststände“ mit automatischen Zuganlagen ausstattete, einen Bogenschießplatz gründete, das Vereinshaus verklinkerte, den Gesellschaftsraum „stilvoll mit Holz gestaltete“ und in einem alten Baggerloch zudem ein Feldbogenparcour erschuf, ist zumindest rein äußerlich alles beim Alten geblieben.

          Bronze bei Olympia

          Aber immer wieder waren da neue Schützen, die bei den deutschen Meisterschaften und bei Europameisterschaften siegten und Kriftel in Schützenkreisen bekannt machten. Und als Christian Reitz bei den Olympischen Spielen mit der Schnellfeuerpistole die Bronzemedaille holte, da kamen sogar Reporter und Fernsehteams an diesen „etwas abgelegenen Ort“, um den Medaillenträger und seinen Verein der Öffentlichkeit zu präsentieren. „Das war schon ein bisschen viel Trubel“, sagt Ott, während er auf die Jugendlichen wartet, die um sechzehn Uhr mit dem Training auf dem Luftpistolenstand neben der Kneipe beginnen. „Der Christian ist ja eher ein ruhiger Typ.“ Aber bald werde er wieder seine Ruhe haben und die anderen Schützen in Kriftel auch. Und sie werden wieder den Vorteil genießen, den die geographische Lage ihres Vereins mit sich bringt: an den Schüssen stört sich hier niemand. „Das Interesse wird abebben. Schießen ist halt nicht medienwirksam.“ Und dann heißt es wieder: „Kriftel, wer kennt schon Kriftel?“

          Ott muss es wissen. Seit 25 Jahren ist der Dreiundfünfzigjährige Vereinsmitglied, und seit jener Zeit hat sich kaum etwas geändert. „Ich war lange der Sportleiter. Seit einem halben Jahr bin ich jetzt Vorsitzender, weil mein Vorgänger nach 15 Jahren endlich mal seine Ruhe haben wollte.“ Viele Talente haben den Verein in den vergangenen Jahren bereichert. Ott zählt sie auf, die Erfolgreichen vergangener Zeiten und die Erfolgsträger von heute – allen voran Christian Reitz. „Auch meine Stieftochter Svenja hat Talent. Im letzten Jahr war sie deutsche Meisterin“, sagt Ott.

          Eigentlich sei hier in Kriftel aber nichts besser als in anderen Vereinen, sagt Ott. Außer vielleicht der Trainer Detlef Glenz. So einen gebe es nur alle hundert Jahre einmal. „Er kann es rüberbringen. Er kann das Schießen erklären. Schießen ist einfach sein Beruf. Manchmal denke sogar ich: ,Hm, nimmst du das nicht ein bisschen ernst.‘“ Glenz war es auch, der Reitz nach Kriftel holte. Der gebürtige Sachse Reitz wohnte bei Glenz. Jeden Tag trainierten die beiden. „Christian bekommt alle Unterstützung. Das ist wie eine Familie.“ Ott grinst. „Der Christian ist ja auch mit meiner Stieftochter Svenja zusammen.“

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