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Schießen : Sportwaffen - oder Mordwaffen

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Normaler Sport oder dubioses Hobby? In München läuft die Weltmeisterschaft der Sportschützen Bild: dpa

Überzeugte Schützen sehen ihre Waffe als Sportgerät wie einen Tennisschläger. Kritiker reden von Macht- und Potenzgehabe. Und die Eltern von Opfern des Amoklaufs in Winnenden haben Verfassungsbeschwerde eingereicht. Beobachtungen bei der Weltmeisterschaft.

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          In der gelben Stofftasche könnte auch eine Gitarre stecken. Mit schwarzem Filzstift hat jemand einige Blümchen darauf gemalt. Dazwischen hängt eine runde Anstecknadel mit dem Konterfei des britischen Mädchenschwarms Robert Pattinson. Ein paar Meter weiter steht ein rustikaler, schmuckloser Holzkoffer. Geöffnet sieht er aus wie ein kleiner, flacher Sarg. In der Tasche wie im Koffer steckt das Gleiche - eine Waffe. Einmal verspielt harmlos verpackt, einmal beunruhigend düster. Dieses Wechselspiel illustriert das Spannungsverhältnis, in dem die Weltmeisterschaft der Sportschützen auf der Münchner Olympia-Schießanlage in Garching ausgetragen wird: Auf der einen Seite die Faszination eines Traditionssports, der auch heute noch ganz selbstverständlich junge Athleten begeistert. Auf der anderen Seite das Erschrecken vor Sportwaffen, mit denen junge Menschen Blutbäder in deutschen Schulen angerichtet haben.

          Jörg Brokamp ärgert sich, wenn er während der Weltmeisterschaft lange über das Waffen-Dilemma in seinem Sport reden muss. „Das ist hier doch nicht das Thema“, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Schützenbundes (DSB). Er möchte lieber zu Ergebnissen, Medaillenchancen und Olympiastartplätzen Stellung nehmen - dem nachgehen, was er als sein eigentliches Metier sieht. Schließlich bekommt der Schießsport selten solch eine Chance, sich zu präsentieren. Bei Olympia erfahren die Schützen zwar zu Beginn kurz Aufmerksamkeit, weil sie oft die erste Medaille für das deutsche Team holen. Ansonsten bleibt der Schießsport aber eine Randsportart.

          Dabei ist der DSB mit knapp 1,5 Millionen Schützen hierzulande nach Fußball, Turnen und Tennis der viertgrößte Sportverband. „Und jetzt wollen wir die Weltmeisterschaft im eigenen Land einfach genießen“, sagt Brokamp. „Außerdem hat mich hier noch keiner auf das Waffenrecht angesprochen. Außer Journalisten.“ Was vielleicht auch daran liegen mag, dass Kritiker des Schießsports wenig Interesse daran hatten, nach Garching zu kommen.

          Defensive nach Erfurt

          Vor acht Jahren sind die Schützen beim Thema Waffenrecht zum ersten Mal stark in die Defensive geraten: Damals tötete ein Amokläufer im Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und dann sich selbst. Er war Sportschütze. Im März 2009 erschoss ein Schüler in Winnenden 15 Menschen, verletzte elf schwer und nahm sich dann auf der Flucht vor der Polizei das Leben. Die Waffe hatte er aus der Kommode seines Vaters genommen. Der Vater, ein Sportschütze, hatte seinem Sohn im Schützenverein oft gezeigt, wie man schießt.

          Nach der Bluttat von Winnenden wurde die Altersgrenze für das Schießen mit großkalibrigen Waffen im Schießsportverein von 14 Jahren auf 18 Jahre angehoben. Dieses verschärfte Waffenrecht geht einigen aber nicht weit genug: Eltern von Opfern in Winnenden haben vor zwei Wochen mit der Initiative „Keine Mordwaffen als Sportwaffen“ beim Bundesverfassungsgericht eine Verfassungsbeschwerde gegen das Waffengesetz eingereicht. Sie wollen damit erreichen, dass das Gericht den Privatbesitz tödlicher Schusswaffen generell verbietet. Das derzeitige Waffengesetz sei verfassungswidrig, weil es die Interessen von Sportschützen über das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit stelle.

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