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Schachspielerin Elisabeth Pähtz : Wie eine Feder, die nicht federt

Das Leben ist kein Spiel: Elisabeth Pähtz in der Welt der Figuren Bild: Wolfgang Eilmes

Einst war Elisabeth Pähtz die Hoffnung des deutschen Schachs. Doch die Leistung der besten deutschen Spielerin stagniert. Denn die Konzentration auf den Sport bedeutet viel einsame Arbeit - Pähtz lässt sich aber schnell ablenken.

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          Die Dame trägt Hut. Es ist keiner wie der von älteren Besucherinnen in Cafés. Eher so einer wie der von Gene Hackman in „French Connection“. Elisabeth Pähtz mag Action, jedenfalls auf dem Schachbrett, wo sie derzeit in Dresden ihre sechste Schach-Olympiade bestreitet: „Fallen stellen, andere austricksen, aggressiv ziehen“. Und je schlechter die Laune, desto bester spiele sie. Heute hat sie remis gespielt, die Laune ist gut.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Pähtz? Mancher mag sich erinnern. An jene Göre, die schon mit 14 deutsche Meisterin wurde und von Harald Schmidt eingeladen wurde, damals, als das noch eine Auszeichnung war; und die Hape Kerkeling per Knopf im Ohr vor versteckter Kamera dabei half, als iranischer Großmeister (eine Art orientalischer Horst Schlemmer) ein verdutztes Regionalligateam simultan zu schlagen. „Ach ja, vor neun Jahren, meine Blütezeit!“, sagt sie und lacht mit frecher Selbstironie. Die Mechanismen der Medienprominenz hat sie durchschaut: „Als Mädchen ist man fürs Fernsehen interessant, aber das hört dann auf.“

          Sie verschwand in der Schachnische

          Mit der pfiffigen Tochter des letzten DDR-Schachmeisters schien das deutsche Schach endlich ein Gesicht zu bekommen - eines, das auch Leute erkennen, die mit Grünfeld-Indischen Verteidigungen nichts anfangen können. Doch dann, trotz zweier WM-Titel bei den Juniorinnen, verschwand sie vom Schirm, landete wieder in der Schachnische. In der hat sie es sich ganz kommod eingerichtet; zu kommod, wie mancher in der Branche findet.

          Die beste deutsche Spielerin stagniert hinter den ersten 20 der Weltrangliste. Die Bundeswehr, der sie als Hauptgefreite am Brett dient, zahlt ihre Lebensgrundlage. Dazu die Einnahmen aus den Bundesligen (der Männer und der Frauen), der russischen Liga, ein paar großen Turnieren. In guten Jahren kommen 15.000 Euro an Preisgeldern zusammen. Genug zum Leben, dazu schöne Reisen und nette Kollegen - sie kokettierte einmal damit, von jedem ausländischen Großmeister, mit dem sie liiert war, auch etwas für ihr Spiel gelernt zu haben.

          Noch ist Spannkraft da

          „Wenn sie sich voll aufs Schach konzentriert“, sagt Bundestrainer Uwe Bönsch mit leisem Tadel, „kann sie unter die Top Ten.“ Aber Konzentration aufs Schach, das bedeutet viel einsame Arbeit. „Als Frau ist es unheimlich schwer, allein zu arbeiten“, gibt sie zu. „Ich bin zu leicht abgelenkt. Allein am Computer zu sitzen, das ist für mich nicht so effektiv. Keiner sagt: Bleib dran!“ Das aber brauche sie. Zudem fühle sie sich „sehr müde“. Das aktuelle Schlafbedürfnis: mindestens zehn Stunden. Gut, dass die Spiele in Dresden erst um 15 Uhr beginnen; eine Minute Verspätung reicht, um zu verlieren. „Am Ende der Olympiade werden es eher zwölf Stunden Schlaf sein.“

          Sie war schon beim Arzt, vielleicht ist es was an der Schilddrüse. Einmal beschrieb sie, wie es ist, wenn man zu viel Schach spielt: Dann sei das Gehirn wie eine Feder, die man biegt und biegt und die irgendwann nicht mehr federt. Doch noch ist die Spannkraft da; auch kurz vor Ende der ermüdenden Saison ist der funkelnde Witz, über Schach und das Leben zu reden, hellwach. Und der gute Vorsatz fürs neue Jahr: „Ich will unter die Top Ten.“ Zugleich wirkt sie nicht, als hänge ihr Glück davon ab. Es ist ein ganzes Stück zu den besten Kolleginnen, wie Weltmeisterin Alexandra Kostenjuk, die als Netrebko des Schachs vermarktet wird; oder gar zur mit Abstand besten Dame, Judit Polgar, die nur gegen Männer spielt, auch bei der Olympiade.

          In den Ferien zum Turnier nach Gelsenkirchen

          Die Ungarin wurde von klein auf von einem Vater getrieben, der besessen davon war, die Frau zu schaffen, die alle Männer schlägt, und der ein Buch schrieb: „Wie erziehe ich ein Genie?“ Auch Elisabeth Pähtz hatte väterlichen Antrieb, und bei ihr sah die Kindheit laut einem Interview so aus, dass man „in den Ferien nicht an den Strand von Mallorca, sondern zum Turnier nach Gelsenkirchen“ fuhr. Aber irgendwann nahm sie es nicht mehr so verbissen, und warum auch? Und vielleicht auch, weil man ihr schon mit 14 das Gefühl gab, ein Star zu sein.

          Heute, mit 23, beteuert Elisabeth Pähtz also, sie wolle angreifen. Zugleich beschäftigt sie sich schon mit dem, was sie tun wird, wenn die Bundeswehr sie im April aus dem Nest wirft. „Ich wäre gern Grundschullehrerin, ich kann gut mit Kindern“, sagt die Dame mit dem Hut. „Aber vielleicht studiere ich auch Sportpsychologie.“ Sie wäre für sich selbst ein interessanter Fall.

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