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Viktor Kortschnoi ist tot : Eine schachliche Urgewalt

Viktor Kortschnoi ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Unser Foto zeigt ihn im März 2006 in seiner Wahlheimat in der Schweizer Stadt Wohlen. Bild: Picture-Alliance

Viktor Kortschnoi war der stärkste Schachspieler, der niemals Weltmeister wurde. Er imponierte weit über das Spiel auf den 64 Feldern hinaus. Ein Nachruf.

          Einmal durfte ich gegen Viktor Kortschnoi in einer Turnierpartie antreten, während des traditionsreichen Schachturniers auf der Isle of Man, mitten im Meer vor Großbritannien. Kortschnoi, schon über siebzig Jahre alt damals, kam im grauen Anzug mit Krawatte, setzte sich, nahm direkten Blickkontakt auf - und signalisierte gleich zu Beginn, dass hier keiner sitzt, der im Alter milde geworden wäre, der Schach ruhiger spielt wie das so viele andere im Alter tun. Er zog zügig, nach einer längeren, forcierten Abfolge suchte er wieder Blickkontakt, so, als würde er sagen und fragen wollen: Mehr kommt nicht von Ihnen?

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Die Partie ging ziemlich schnell zu Ende, er gewann sie glasklar, eine äußerst einseitige Angelegenheit. Meine Frage danach, ob wir - also genaugenommen er - noch analysieren wollen, quittierte er mit der knappen Antwort: „Wenn Sie das nächste Mal gegen einen Großmeister spielen, bereiten Sie sich besser vor.“

          Schach-WM 1978 Anatoli Karpow gegen Viktor Kortschnoi - es ging um mehr als um Schach.

          Klare, undiplomatische Worte zeichneten ihn aus, sie spiegelten im Grunde seinen kompromisslosen Spielstil bis ins hohe Alter. Sein Spitznahme „Viktor der Schreckliche“ hatte viel mit seinem Temperament zu tun, sagen die, die ihn lange kannten.

          Schach mit politischer Dimension

          Seine Kompromisslosigkeit ergab sich gleichwohl  auch aus einem Lebenslauf, der viele Härten beinhaltete. Im Jahr 1976 floh der Ausnahmespieler aus der damaligen Sowjetunion, deren System er kritisierte. Die Führung in Moskau bezeichnete ihn daraufhin als Verräter; seine Frau und sein Sohn durften das Land nicht verlassen. Zwei Jahre später und kurz bevor Kortschnoi seinen Weltmeisterschafts-Zweikampf gegen den damaligen, aus Russland stammenden Champion Anatoli Karpow antrat, wollte die Sowjet-Armee seinen Sohn zum Militärdienst einziehen. Er weigerte sich, wollte fliehen, landete aber schließlich für zwei Jahre im Gefängnis.

          Der WM-Wettkampf im Jahr 1978 war darum viel mehr als ein Duell um die Schachkrone. Es ging auch um Politik, auf der Seite Karpows stand das gesamte russische Schach-Establishment, auf Kortschnois Seite stand Kortschnoi. Kortschnoi verlor.

          Gelobt von Kasparow

          Er zog sich aber nicht zurück, sondern trat beim nächsten Mal wieder an. Im weltweiten Ausscheidungs-Wettbewerb, aus dem zu jener Zeit noch der Herausforderer des Weltmeisters hervorging, besiegte er im Finale den damaligen deutschen Spitzenspieler Robert Hübner. Gegen Karpow reichte es aber auch zu Beginn der achtziger Jahre nicht - deswegen galt Kortschnoi vielen später als der stärkste Schachspieler des zwanzigsten Jahrhunderts, der nie Weltmeister wurde. Garri Kasparow schrieb denn auch einmal anerkennend: „In der Geschichte kann man keinen anderen Spieler finden mit seiner lebenslangen Disziplin, Energie und Bissigkeit.“ Kasparow ist keiner, der häufig lobt.

          Kortschnoi verlor schließlich in den achtziger Jahren einen weiteren WM-Kampf, diesmal gegen Kasparow. Er spielte allerdings auch nach seinem Ausscheiden aus der unmittelbaren Weltspitze stets weiter - und erfolgreich. Auch im Alter von deutlich über siebzig Jahren gehörte er gemessen an seiner Spielstärkezahl noch zu den hundert besten Schachspielern der Welt. Selbst ein Schlaganfall vor wenigen Jahren hielt ihn nicht von seinem liebsten Spiel ab.

          Viktor Kortschnoi, der am 23. März 1931 in Sankt Petersburg geboren wurde und der in ärmlichen Verhältnissen als Sohn eines Russisch-Lehrers und einer Klavierlehrerin aufwuchs, ist nun gestorben. Er wurde 85 Jahre alt. Seine Autobiografie trägt den Titel „Schach ist mein Leben“.

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