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Schachgroßmeister Naiditsch : „Nach sechs Stunden sitzt man da wie ein Zombie“

  • Aktualisiert am

Das Duell der Köpfe: Magnus Carlsen (l.) gegen Viswanathan Anand Bild: dpa

Arkadi Naiditsch war schon mit 15 Jahren Großmeister. Der beste deutsche Schachspieler im Gespräch über den WM-Kampf zwischen Carlsen und Anand, mentale Herausforderungen und seinen Schulabbruch.

          3 Min.

          Der in Riga geborene Arkadi Naiditsch ist derzeit der beste Schachspieler Deutschlands und die Nummer dreißig der Welt. Schon im Alter von fünfzehn Jahren wurde er Großmeister.

          Wer ist derzeit der beste Schachspieler der Welt?

          Magnus Carlsen, keine Frage. Talent wird dabei aber überschätzt, das macht vielleicht fünf oder zehn Prozent aus, in der Weltspitze hat allerdings jeder dieses Talent, das macht also nicht den Unterschied. Carlsen ist jung, psychologisch sehr stark, er arbeitet ausgesprochen hart, ist ehrgeizig, er kann kämpfen - und er hat durchschnittlich sehr viel Glück.

          Wie meinen Sie denn das?

          Schauen Sie sich die sechste Partie dieser WM an: Carlsen macht einen Riesenfehler, und Anand nimmt das Geschenk einfach nicht an - das ist doch Wahnsinn. Bei jedem anderen hätte Anand das vermutlich ausgenutzt, nun aber schien sein Blick wie vernebelt. Wer sich die Karriere von Carlsen anschaut, der wird viele dieser Momente finden.

          Sie haben Carlsen bei der Schacholympiade im August in Tromsø besiegt - war das auch Glück?

          Die Unterschiede zwischen den Top 50 der Welt sind nicht so groß, zumindest nicht in einer Partie. Vielleicht kann man das mit dem 100-Meter-Lauf vergleichen: Usain Bolt läuft 9,6 Sekunden und stellt alle anderen in den Schatten, obwohl sie teilweise nur Hundertstelsekunden langsamer sind. Unser Bolt heißt Carlsen, er ist absolut der König. Aber in einer Partie kann alles passieren.

          Wie haben Sie den Carlsen-Code entschlüsselt?

          Schach ist ein sehr kompliziertes Spiel, es beinhaltet genauso psychologische wie sportliche Momente. Wir haben zum Beispiel mehr als sechs Stunden gespielt, das ist nicht ganz einfach. An diesem Tag passte für mich fast alles, Carlsen hat mich vielleicht unterschätzt. Er stand am Anfang besser, dann habe ich die Partie drehen können, stand besser und habe auf Sieg gespielt. Carlsen hat das verunsichert, ich persönlich habe ihn in Tromsø das erste Mal überhaupt nervös gesehen, dann hat er Fehler gemacht.

          Partien über sechs Stunden, permanente Konzentration, der Gegner direkt gegenüber und das Bewusstsein, keine Schwäche zeigen zu dürfen - was macht das mit dem Körper?

          Ich bin danach sehr müde, sehr, sehr müde. Die ersten Stunden nach einer Partie sitzt man eigentlich nur da wie ein Zombie und versucht sich zu erholen.

          Wie weit denken Sie voraus in einer Partie?

          Im Schach gibt es Möglichkeiten ohne Ende, ich habe Tausende Partien gespielt, und keine war wie die andere. Es gibt Situationen, in denen man die kommenden zwei oder drei Züge berechnet, es gibt aber auch Stellungen, in denen man versucht, zwanzig oder gar dreißig Züge in die Zukunft zu schauen. Wir haben große Datenbänke, die uns helfen. Daraus baue ich mir dann einen Matchplan zusammen für die Eröffnungsphase, später spielt dann aber nicht nur die Berechnung, sondern auch das Gefühl eine Rolle.

          Schachgroßmeister Arkadi Naiditsch: „Ich liebe das Leben ein bisschen zu sehr“

          Was fehlt Ihnen zur absoluten Spitze?

          Definitiv Disziplin. Ich liebe das Leben ein bisschen zu sehr, ich finde, das Leben hat viel zu bieten. Es ist einfach unglaublich schwer, einen Alltag zu führen, wie es die besten zehn der Welt machen: Sie essen, wenn sie essen müssen; sie schlafen, wenn sie schlafen müssen; sie trainieren acht Stunden täglich über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Diese Hingabe, diese Kompromisslosigkeit ist fast schon unmenschlich. Ich habe vor kurzem geheiratet, ich habe Freunde, ich gehe gern aus, ich lebe also ein ganz normales Leben - aber für den Profisport ist es vielleicht doch zu freizügig.

          Können Sie heute vom Schach leben?

          Ja, man kann besser davon leben, als es die meisten vermuten würden. Schach ist für mich kein Hobby, das ich nebenher betreibe, es ist mein Beruf, ich bin Profisportler. Ich kann mir ein relativ gutes Auto leisten, ich lebe in Baden-Baden, ich kann mich nicht beschweren.

          Es hat sich gelohnt, dass Sie mit siebzehn die Schule abgebrochen haben?

          Ja, weil ich weiß, dass ich gut bin, wenn ich Schach spiele, dass ich mich wohlfühle, wenn ich am Brett sitze. Wenn ich noch einmal leben dürfte, würde ich noch einmal Schach spielen, ich wäre vielleicht ein bisschen disziplinierter. Ansonsten möchte ich nichts verändern. Ich musste mich damals einfach entscheiden: Schule oder Schach! Beides ist unmöglich. Wer acht Stunden täglich im Unterricht sitzt, schafft es sicher nicht in die Weltspitze.

          Noch ein Tipp: Wer wird Weltmeister in diesem Jahr?

          Wenn der junge Anand noch einmal spielen könnte, der mit 25 oder 30 Jahren, dann würde ich auf ihn setzen. Damals war er viel stärker als heute. Jetzt ist dieser Mann 44 Jahre alt, ihm fällt es schwer, eine Weltmeisterschaft über so viele Tage zu spielen. Carlsen erholt sich schneller, ist frischer im Kopf. Hinzu kommt, dass er vermutlich noch immer an diese sechste Partie denkt, in der er diesen Titelkampf hätte verändern können. So etwas fesselt die Gedanken, hält einen in der Nacht wach. Ich gebe ihm wenig Chancen, noch einmal zurückzukommen.

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