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Schachboxen-Selbstversuch : Der Plan wird aus dem Kopf geprügelt

Kampf der Fäuste, Kampf der Köpfe – die meisten Duelle enden durch abgelaufene Denkzeit Bild: LAIF

Zweimal zwei Minuten im Ring, dreimal drei Minuten am Brett. Das ist die Kurzversion einer Sportart, die als Aktionskunst begann. Unser Reporter tritt gegen den durchtrainierten Schriftsteller Helmut Kuhn an.

          Wenn man die Leber genau trifft, dauert es ein paar Sekunden, und es zieht ein bestialischer Schmerz durch den ganzen Körper.“

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          (Gehwegschäden, Seite 18)

          Runde vier. Helmut Kuhn feuert drei Schläge zum Kopf, ich ziehe die Arme ein Stück zu hoch. Sein Leberhaken sitzt perfekt. Kurz passiert nichts, dann ein stechender Schmerz. Meine Fäuste sinken Richtung Boden, neben dem Boxring hebt Iepe Rubingh seine Faust und beginnt zu zählen. „Eins, zwei...“ Bei jeder Zahl schnellt ein Finger in die Höhe. Ich blicke auf das Schachbrett, das neben dem Ring aufgebaut ist. Jetzt irgendwie die Runde überstehen! Noch ein paar Züge, dann ist er schachmatt. Rubingh, der Erfinder des Schachboxens, ruft: „Fünf, sechs ...“

          Ein paar Wochen vorher, das erste Telefonat mit Helmut Kuhn. Ob er bereit wäre, zu einem Schachboxkampf anzutreten? „Wenn Sie glauben, dass Sie das überleben.“ Überleben? „Naja, ich wiege 110 Kilo und boxe seit zehn Jahren“, sagt Kuhn. Als Jugendlicher war er deutscher Meister im Gewichtheben, heute ist er Schriftsteller, als Ghostwriter schrieb er für Murat Kurnaz das Buch „Fünf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantanamo“, über das John Le Carré urteilte: „Der mitfühlendste, ehrlichste und würdevollste Bericht über die Schande Guantanamo, den es je gegeben hat.“

          Im vergangenen Jahr veröffentlichte Kuhn den Roman „Gehwegschäden“, in kurzen Geschichten porträtiert er darin Berlin. Der Protagonist des Romans, Thomas Frantz, ist freier Journalist, wie Kuhn, und Schachboxer, wie Kuhn. „25 Prozent sind autobiographisch“, sagt der Autor. Ob die Schachbox-Kapitel, die sich durch das Buch ziehen, dazugehören? „Auf jeden Fall.“

          „Die Idee ist, einen perfekten Körper und einen perfekten Geist zu erlangen. Die Kluft zwischen Intelligenz und Kraft zu überwinden.“ (Seite 150)

          Ein Schachboxkampf besteht aus elf Runden, sechsmal vier Minuten Schach und fünfmal drei Minuten Boxen, immer abwechselnd. Das Ziel: Knockout oder schachmatt. „Die meisten Entscheidungen fallen aber, weil beim Schach die Zeit abläuft“, sagt Kuhn. Zwölf Minuten hat man für alle Züge. Endet das Schachspiel unentschieden, entscheidet die Punktewertung im Boxen. „Das sind nicht einfach zwei Sportarten, die nichts miteinander zu tun haben“, sagt Kuhn. „Man muss sich intelligent durchschlagen, wie im Leben auch.“

          „Er ist geerdet in seinem Intellectual Fight Club, dieser Freimaurerloge unter der Stadt.“ (Seite 151)

          In Berlin-Mitte führt eine Treppe am Ende eines langen Flurs unter die Stadt. Säcke hängen von der Kellerdecke, ein kleiner Boxring ist dahinter zu erkennen. Der kubanische Trainer Jesus wärmt sich schon auf, er hat mehr als 350 Kämpfe in den Fäusten, außerdem war er Trainer von Kämpfern, die gegen Holyfield, Botha und Klitschko angetreten sind. Jetzt lebt er von den 400 Euro, die er als Trainer des Schachbox-Vereins verdient. „Mehr können wir ihm leider nicht zahlen“, sagt Kuhn.

          Eine Stunde zuvor sitzt der 51 Jahre alte Schriftsteller im Kapuzenpulli am Tisch eines Cafés, neben ihm steht eine alte Sporttasche. Dann kommt Iepe. Der Erfinder des Schachboxens nimmt die Kopfhörer aus dem Ohr, er trägt Vollbart und eine goldene Brille. Iepe Rubingh, 38, ist Aktionskünstler, 2010 sorgte der Holländer in Berlin für Aufsehen, als er den viel befahrenen Rosenthaler Platz in ein Kunstwerk verwandelte. Fahrradfahrer leerten gleichzeitig auf der Kreuzung Farbe aus, Autos verteilten sie auf dem ganzen Platz.

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