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Schach-Kandidatenturnier : Warum Russlands Ansehen auf dem Spiel steht

  • -Aktualisiert am

Ding lacht: Nach dem Sieg gegen Caruana ist der Chinese zurück. Bild: Lennart Ootes/Fide

In Jekaterinburg läuft derzeit das Kandidatenturnier für die Schach-Weltmeisterschaft. Dabei geht es nicht nur um die Chance auf mehrere Millionen Euro.

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          Zu Beginn des Kandidatenturniers zeigte der Weltschachbund (Fide) stolz einen mit mehr als 2000 Gästen nahezu bis auf den letzten Platz besetzten Konzertsaal. Es war die Eröffnungsfeier am Montagabend, gestaltet von Musikern und Tänzern des Moskauer Bolschoi-Theaters, und halb Jekaterinburg wollte dabei sein. Nur eine Frau rechts in der ersten Reihe fiel auf. Sie trug als Einzige einen Mundschutz. Das Foto verschwand schnell von der Fide-Website, erzählte es doch eine ganz andere Geschichte als von höchstmöglichen Sicherheitsvorkehrungen gegen Ansteckungen mit dem Coronavirus. Auf der Schach-Website LiChess läuft das Turnier seitdem nicht als „Candidates“, sondern unter dem Titel „Covidates“.

          Den acht Großmeistern, von denen einer über die Weihnachtstage in Dubai gegen Magnus Carlsen um den WM-Titel und wahrscheinlich mehrere Millionen Euro Preisgeld spielen soll, war die Teilnahme an der Eröffnungsfeier freigestellt. Keiner von ihnen hatte Lust auf ein Bad in der Menge. Doch unter den 2000 Gästen waren so gut wie alle Offiziellen, Medienvertreter und Kommentatoren, die mit den Spielern in den Turniersaal dürfen. Andere Zuschauer sind ausgeschlossen.

          Erklärungsnot könnte drohen

          Am Freitag wurde die sechste Corona-Infektion in Jekaterinburg registriert. Der Swerdlowsker Regierungsbezirk hat alle Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern in geschlossenen Räumen untersagt. Verschärft sich die Lage weiter, droht Erklärungsnot. Während der Eröffnungsfeier kam die Meldung, dass der Kreml alle internationalen Sportveranstaltungen bis auf weiteres abgesagt hat. Nur das Kandidatenturnier darf noch stattfinden. Dass es zu Ende gebracht wird, daran hängt nicht nur das Ansehen der Fide, sondern auch das Russlands. Steht doch mit Arkadij Dworkowitsch der frühere stellvertretende Ministerpräsident an der Spitze der Schachspieler.

          Den WM-Kandidaten wird vor und nach jeder Partie von einem Arzt in den Rachen geschaut und die Temperatur gemessen. Als das Thermometer bei Fabiano Caruana 37,1 Grad anzeigte, holte sich der Mediziner erst Erlaubnis von oben, bevor er den Amerikaner antreten ließ. Vom Händeschütteln vor dem ersten Zug und am Ende der Partie, sonst Pflicht, sind die Spieler freigestellt. Caruana vermeidet es. Die Russen Alexander Grischtschuk, Jan Nepomnjaschtschi und Kirill Alejenko haben sich auf die Begrüßung mit Ellenbogencheck verständigt. Mit Mundschutz kam noch keiner ans Brett, aber die Kameraleute tragen ihn. Weil kaum Reporter es in das östlich des Urals gelegene Jekaterinburg geschafft haben, sind die Übertragungen wichtiger denn je. Rekordzahlen vermeldet der Livestream in chinesischer Sprache: Etwa eine Million Online-Zuschauer pro Runde, und das obwohl Schach bei weitem nicht das beliebteste Brettspiel in China ist.

          Die Kommentatorin ist die Frau, die bei der Eröffnungsfeier rechts in der ersten Reihe saß. Hou Yifan, die weltbeste aktive Schachspielerin, trägt auch während sie die Züge ihrer Kollegen erläutert den Mundschutz. Allerdings sind bisher keine Interviews in englischer Sprache mit ihr bekannt. Man wüsste jetzt gern, was Hou über das bisher völlig aus der Rolle fallende Spiel von Ding Liren sagt.

          Ihr sonst so solider Landsmann, der voriges Jahr eine Serie von 100 Turnierpartien ohne Niederlage hinlegte, verlor seine beiden ersten Partien. Beide Male brachte ihn ein natürlich aussehender Doppelzug seines f-Bauern in Schwierigkeiten. Seine Bezwinger Wang Hao und Maxime Vachier-Lagrave, der dank des Verzichts eines Corona-geängstigten Kollegen nachnominiert wurde, liegen nun zusammen mit Nepomnjaschtschi mit jeweils zwei Punkten aus drei Runden in Führung. Manche schrieben Ding schon vorzeitig ab, bevor er in der dritten Runde auf Caruana traf, der vor zwei Jahren das Kandidatenturnier in Berlin gewann und seit seinem überlegenen Sieg im Januar in Wijk aan Zee als klarer Favorit gilt. Fast ohne Bedenkzeit zu verbrauchen, brachte der Amerikaner ein verblüffendes Bauernopfer und bald noch ein zweites. Dings König stand offen, und es wimmelte von Zügen, die schnell in den Abgrund führten. Jeder hätte verstanden, wenn er nun auf Sicherheitsschach geschaltet hätte, doch Ding suchte und fand die stärksten Züge. Als Caruana erstmals nachdachte, brachte er anscheinend etwas durcheinander. Sein Angriff verpuffte, Ding verwertete den materiellen Vorteil. Selbst für ihn ist alles wieder drin. Und Caruana steht nicht allein vorn, sondern mitten im Feld.

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