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Schach-WM : Thriller ohne Öffentlichkeit

  • -Aktualisiert am

Findiger: Magnus Carlsen (r.) führt in der WM-Partie gegen Anand Bild: AP

Russlands Präsident Putin fordert eine „optimale“ Schach-WM - aber es kommen kaum Zuschauer nach Sotschi. Magnus Carlsen verblüfft derweil mit seiner Dame.

          3 Min.

          Das Ambiente der Schach-WM in Sotschi hat Wladimir Putin persönlich eingefädelt. Als Russlands Präsident vor einigen Wochen den Gouverneur der Region Krasnodar traf, gab er unmissverständlich zu Protokoll: „Es ist von höchster Wichtigkeit, dass die Schachweltmeisterschaft optimal organisiert ist. Haben Sie mich verstanden?“ Zumindest was die Sicherheit betrifft, wirkt die Organisation eher zu perfekt. Gespielt wird im Medienzentrum der letzten Olympischen Winterspiele.

          Obwohl Putin zur Eröffnung nicht selbst angereist ist, sind mehrere Kontrollen zu passieren, bevor man Carlsen und Anand zu Gesicht bekommt. Das wollten während des Eröffnungswochenendes zeitweise nur gut ein Dutzend Zuschauer. Ohne Medienvertreter und die zahlreich angereisten Offiziellen des Weltschachbunds Fide wäre das Bild noch trüber.

          Dabei gab es schon in der zweiten Partie durchaus Spektakuläres zu sehen: Viswanathan Anand erlitt Schiffbruch. Mit einem phantasievollen Turmmanöver brachte Weltmeister Magnus Carlsen Leben in eine bisher vielleicht zu Unrecht als ausgeglichen geltende Stellung. In Zeitnot und schwieriger Stellung übersah Anand den 35. Zug seines Gegners und sah sich zur sofortigen Aufgabe gezwungen. Damit ist der favorisierte Titelverteidiger nach zwei von zwölf angesetzten Partien bereits in Führung. „Ein netter Abschluss des Wochenendes“, twitterte Carlsen anschließend.

          Carlsen war zuletzt anfällig

          Fast auf den Tag genau ein Jahr, nachdem er Anand in dessen Heimatstadt Chennai den WM-Titel abgenommen hat, sitzen sie einander seit Samstag in Sotschi wieder gegenüber. Diesmal ist der Norweger als Titelverteidiger angereist und der Inder als Herausforderer. Die Favoritenrolle besetzt damals wie jetzt Carlsen, der mit 23 Jahren sein Potential auch noch nicht ausgeschöpft haben sollte. Kaum ein Experte hat offen auf einen Sieg des um 21 Jahre älteren Anand getippt. Dabei hatte der Inder die Kandidatenausscheidung im März ebenso überlegen gewonnen wie zuletzt das Turnier in Bilbao. So stark sah man Anand seit Jahren nicht.

          Carlsen hat das Jahr zwar glänzend begonnen und seinen Weltranglistenrekord auf 2889 Elopunkte gesteigert. Bei seinen letzten Turnieren zeigte er sich allerdings anfällig und verlor binnen weniger Wochen drei Partien, darunter eine gegen den deutschen Spitzenspieler Arkadi Naiditsch. Der frühere wWeltmeister Garri Kasparow erinnerte daran, dass sich Michail Botwinnik den WM-Titel gleich zweimal zurückholte: 1958 vom zehn Jahre jüngeren Wassili Smyslow und 1961 von dem sogar um 25 Jahre jüngeren Michail Tal. Wer den höchsten Titel erobern kann, brenne stets heißer als wer Angst hat, ihn zu verlieren, so Kasparow vor dem Match. Anand dagegen könne in Sotschi frei aufspielen. Allerdings hat er seit vier Jahren keine reguläre Partie gegen Carlsen gewonnen.

          Carlsen agierte überlegen

          Im Unterschied zu Carlsen, der wegen der Ukraine-Krise und der aus ihr resultierenden Sanktionen über seine Teilnahme grübelte, hatte Anand keine Bedenken gegen die Ausrichtung in Russland. „Eine Schande“, höhnte der mit Putin und der Fide-Führung auf Kriegsfuß stehende Kasparow über die leeren Plätze auf Twitter. 3500 Rubel, fast 70 Euro, kostet ein Ticket. Lokalen Schachliebhabern ist nun freier Eintritt versprochen. Brett und Publikum sind durch eine Glasscheibe getrennt, die verhindern soll, dass den Spielern Zugvorschläge signalisiert oder zugerufen werden.

          Ihr erster WM-Kampf war eine einseitige Angelegenheit, weil Anand an zwei Tagen nacheinander schlechtere, aber verteidigungsfähige Stellungen mit nur noch wenigen Figuren durch Fehler in der vierten und fünften Stunde verlor. Um fit für eine lange Verteidigung zu sein, soll er während der Vorbereitung zwei Stunden täglich Sport getrieben haben. Weil sein damaliger Bezwinger gerade in vermeintlich langweiligen Stellungen findiger ist als jeder andere, wurde Anand geraten, die Partien schärfer anzulegen. In der Auftaktpartie ist ihm dies ein gutes Stück weit gelungen. Wie zu erwarten eröffnete er als Weißspieler mit dem Damenbauern. Carlsen erwiderte „Grünfeldindisch“.

          Er schien diese Wahl schon am Brett zu bereuen, verbrauchte er doch früh einen großen Teil seiner Bedenkzeit. Carlsen konnte den Trend für sich wenden und erarbeitete sich Gewinnchancen, bis er seinen Turm ein Feld zu weit auf Anands zweite Reihe zog. Mit einem verblüffenden Damenzug auf ein Eckfeld im eigenen Lager zog der Inder daraufhin den Kopf aus der Schlinge und erzwang unmittelbar darauf durch Zugwiederholung ein Remis. Beim Stand von 0,5:1,5 gegen ihn braucht Anand nun bald einen vollen Punkt.

          Notation

          2. Partie (Spanische Partie)

          Weiß: Magnus Carlsen (Norwegen) - Schwarz: Viswanathan Anand (Indien) 1:0

          1.e4 e5; 2.Sf3 Sc6; 3.Lb5 Sf6; 4.d3 Lc5; 5.0-0 d6; 6.Te1 0-0; 7.Lxc6 bxc6; 8.h3 Te8; 9.Sbd2 Sd7; 10.Sc4 Lb6; 11.a4 a5; 12.Sxb6 cxb6; 13.d4 Dc7; 14.Ta3 Sf8; 15.dxe5 dxe5; 16.Sh4 Td8; 17.Dh5 f6; 18.Sf5 Le6; 19.Tg3 Sg6; 20.h4 Lxf5; 21.exf5 Sf4; 22.Lxf4 exf4; 23.Tc3 c5; 24.Te6 Tab8; 25.Tc4 Dd7; 26.Kh2 Tf8; 27.Tce4 Tb7; 28.De2 b5; 29.b3 bxa4; 30.bxa4 Tb4; 31.Te7 Dd6; 32.Df3 Txe4; 33.Dxe4 f3+; 34.g3 h5; 35.Db7 1-0

          Stand: Anand - Carlsen 0,5:1,5

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