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Schach-WM : Routinier gegen Abstauber

  • -Aktualisiert am

Duell der Generationen und Stile: Anand gegen Carlsen Bild: AFP

Weltmeister Anand gegen Herausforderer Carlsen – das ist ein Schachduell der Generationen und der Spielstile. Der junge Norweger gilt als Favorit. Doch Anand genießt Heimvorteil.

          Weltmeister Viswanathan Anand ist Inder, sein Herausforderer Magnus Carlsen Norweger, und keiner der beiden spricht mehr als ein paar Brocken Russisch. In Wahrheit ist die russische Dominanz im Schach geschrumpft, aber nicht gebrochen. Schon bei der WM 2010 schaffte es kein Russe ins Finale. Beim bereits für März angesetzten Kandidatenturnier wird der Verlierer dieser WM dafür auf sieben russischsprachige Mitbewerber treffen.

          Eine Zäsur könnte der Wettkampf in Chennai eher auf andere Art werden: Carlsen wird zugetraut, das Schach für lange Zeit zu dominieren – wie zuletzt Garri Kasparow in den späten achtziger- und neunziger Jahren. Dieser sieht seinen wahren Nachfolger denn auch nicht im gegenwärtigen Weltmeister oder in dessen Vorgängern Kramnik und Topalow, sondern in dem Norweger, den er ein Jahr lang selbst coachte und als 19-Jährigen an die Spitze der Weltrangliste führte.

          Inzwischen hat Carlsen, der wenige Tage nach dem Match 23 Jahre alt wird, 2870 Elopunkte und damit 95 Zähler mehr als Anand, der nur noch auf Rang acht geführt wird. Statistiker haben daraus eine Chancenverteilung von etwa 90 zu 10 errechnet. Oder dass der Wettkampf gar nicht über alle zwölf Partien geht sondern vorzeitig mit 6,5:4,5 oder 6,5:3,5 für Carlsen endet.

          Schneller Brüter: Magnus Carlsen

          Auch die letzten Begegnungen sprechen klar für ihn. Im Juni in Moskau demütigte er Anand in zwei Stunden. Vor einem Jahr brauchte er in Bilbao kaum länger, um den Inder förmlich an die Wand zu spielen. So schnell gibt es auf höchstem Niveau selten einen Sieger, wenn kein grober Patzer geschehen ist. Beide Siege hatten gemeinsam, dass die von Carlsen gewählte Aufstellung als harmlos galt. Offensichtlich traf er jeweils wunde Punkte in Anands Spielverständnis. Gemeinhin ist der Inder auf als kritisch geltende Abspiele gut vorbereitet. Doch Carlsen sucht seine Chancen selten da, wo sich der Mainstream bewegt. Er ist nicht einmal besonders darauf aus, aus dem Weißvorteil des ersten Zuges ein Eröffnungsplus zu erspielen. In gängigen Varianten läuft er Gefahr, seinem Gegner Probleme zu stellen, die dieser schon zuhause gelöst hat. Carlsen verlagert den Kampf lieber aus der Vorbereitung ans Brett.

          Carlsens Coolness wir hochgeschätzt

          Dazu kommt ein ungebändigter Kampfgeist. Am letzten WM-Kampf, den Anand als hoher Favorit gegen Boris Gelfand erst im Stechen für sich entscheiden konnte, kritisierte Carlsen, dass mehrere Partien viel zu früh unentschieden endeten. Aus Stellungen, die andere längst remis geben, holt er selbst oft noch einen Sieg heraus. Spielerkollege Anish Giri charakterisiert ihn als „Abstauber“.

          Noch Weltmeister, aber nicht mehr der Weltbeste: Viswanathan Anand

          Hochgeschätzt wird auch Carlsens Coolness. Nerven zeigte er allerdings gerade, als es am wichtigsten war: Bei der Kür des Herausforderers im März in London verlor er zwei seiner letzten drei Partien. In einer der dramatischsten Stunden der Schachhistorie hatte er Glück, dass auch Kramnik die Kontrolle verlor und nicht an ihm vorbeizog. Augenfällig ist der Altersunterschied von 21 Jahren zwischen den abseits des Bretts befreundeten Finalisten. Anand hat mit fast 44 seine besten Jahre hinter sich. Wie bei seinem Knaller gegen Aronjan im Januar sieht man ihn nur noch selten. Sein erster Platz in Baden-Baden im Februar war sein erster Turniersieg seit 2008.

          Ein Energiebündel am Brett

          Carlsen eilt indessen von Erfolg zu Erfolg. Der bekennende Langschläfer knabbert während der Spiele Nüsse und schlürft Orangensaft. Er geht regelmäßig in den Fitnessraum, spielt Fußball, Basketball und Tennis, geht laufen und schwimmen. Am Brett macht ihn das zu einem Energiebündel.

          Sein größter Unsicherheitsfaktor ist das Klima. Carlsen hat noch nie ein Turnier in den Tropen bestritten. Als der Weltverband das Match ohne Ausschreibung nach Indien vergab, störte ihn nicht so sehr, dass anderswo vielleicht mehr als 1,9 Millionen Euro Preisgeld möglich waren. Chennai im November bedeutet feuchte Schwüle. Im Hyatt Hotel, wo er und sein Team wohnen und gespielt wird, laufen ununterbrochen die Klimaanlagen. Um jedes Risiko für seinen Körper zu minimieren, hat Carlsen sogar einen eigenen Koch mitgebracht.

          Anand ist in Chennai zuhause. Ob daraus ein Heimvorteil erwächst, wird davon abhängen, wie er mit den hohen Erwartungen seiner Landsleute zurecht kommt. Für ihn spricht seine Zweikampferfahrung. Wie vor seinen letzten Titelkämpfen trainierte er in Bad Soden und trieb gezielt Sport. Mag seine Motivation in der Turnierarena auch nicht mehr die höchste sein – sobald sein Titel auf dem Spiel steht, zeigte sich Anand stets in Form.

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