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WM-Kandidatenturnier : Showdown am Schachbrett

  • -Aktualisiert am

Ist er der WM-Herausforderer von Magnus Carlsen? Sergej Karjakin. Bild: dpa

Sergei Karjakin und Fabiano Caruana kämpfen im direkten Duell um die Rolle des Herausforderers von Weltmeister Magnus Carlsen. Die Spannung ist groß – weil auch ein Altmeister noch mitmischt.

          Schachweltmeister Magnus Carlsen scheint mit seiner Prognose, wer sein nächster Herausforderer wird, recht zu behalten. Beim Kandidatenturnier im ehemaligen Moskauer Telegrafenamt kommt es mit der direkten Begegnung in der Schlussrunde an diesem Montag (14.00 Uhr MESZ) zwischen Sergei Karjakin und Fabiano Caruana, die er bereits im Vorfeld als Favoriten genannt hatte, zum Showdown.

          An den beiden momentan mit je siebeneinhalb Punkten aus dreizehn Partien Führenden kann niemand mehr vorbeiziehen. Der frühere Weltmeister Viswanathan Anand liegt zwar nur einen halben Punkt hinter dem Duo. Doch selbst bei einem Remis und einem Sieg von Anand über Peter Swidler – alle drei Spieler hätten dann acht Punkte – würde der indische Altmeister nicht Carlsens Herausforderer. Dann würde der direkte Vergleich der drei herangezogen, und Caruana hätte die Nase vorne. Spielten Karjakin und Caruana remis, und Anand siegt nicht, entscheidet nur der direkte Vergleich der beiden untereinander. Dann würde der Russe das Kandidatenturnier gewinnen.

          Ein drittes WM-Duell zwischen Anand und Carlsen hätten sich nach dem einseitigen Verlauf der letzten beiden Aufeinandertreffen aber auch nur wenige herbeigesehnt. Auf Caruana, 23 Jahre alt, haben vor dem Kandidatenturnier viele getippt. Er hat Carlsen in den vergangenen Jahren öfter geschlagen als jeder andere. Für das WM-Match im November in New York wäre er die Traumbesetzung. Caruana ist in einem Vorort von New York aufgewachsen und hatte dort seinen ersten Trainer und seine ersten Erfolge.

          Er trat zwar zwischenzeitlich für Italien an, ist aber im vergangenen Jahr zum amerikanischen Verband zurückgekehrt, weil er dort für sein Ziel, Weltmeister zu werden, mehr Unterstützung bekommt. Karjakin ist aus dem gleichen Motiv bereits 2009 von der Ukraine zu Russland gewechselt und von der Krim nach Moskau gezogen.

          Auch Fabiano Caruana macht sich noch Hoffnungen auf den Sieg in Moskau.

          Vor dem Turnier hatten ihn – außer Carlsen – nur wenige auf der Rechnung. Der 26 Jahre alte Russe ist derzeit nicht in den Top Ten. Doch vor dem finalen Duell hat er die beste Ausgangslage. Den direkten Vergleich gegen Caruana darf er mit Weiß beginnen. Enden beide punktgleich auf Platz eins, läge Karjakin dank einer mehr erzielten Gewinnpartie vorn. Zünglein an der Waage spielt aber womöglich Anand, wenn er seine letzte Partie gewinnt. Den folgenden Dreier-Vergleich würde Caruano als Sieger hervorbringen – Spannung pur also.

          Der Russe Karjakin ist am Brett nervenstark wie kaum ein anderer. Und er ist besonders gut darin, seine Chancen zu nutzen. Das unterscheidet ihn von Lewon Aronjan, Anish Giri und Peter Swidler. Jeder von ihnen hätte in Moskau leicht mehr Punkte erzielen und vorne liegen können. Bei Aronjan haben einmal mehr, wenn viel auf dem Spiel steht, die Nerven versagt. Bis zur neunten Runde lag der Armenier mit Wohnsitz in Berlin mit vorne, dann verlor er zweimal. Giri behielt zwar die Kontrolle, setzte aber in entscheidenden Momenten nicht nach. Der 21 Jahre alte Niederländer nepalesisch-russischer Herkunft remisierte bisher alle seine Partien.

          Altmeister Viswanathan Anand (links) hat keine Chance mehr auf ein abermaliges Duell mit Carlsen.

          Gänzlich anders läuft das Turnier für Anand, der viermal gewann, aber auch dreimal verlor. Der Inder hat seine Chance auf ein drittes WM-Duell gegen Carlsen vielleicht am Freitag verspielt, als er dem Amerikaner Hikaru Nakamura geradewegs in die Vorbereitung lief und sich nach nur 26 Zügen geschlagen gab. Nur zwei Tage zuvor war er in der gleichen Eröffnung, „Englisches Vierspringerspiel“, von dessen Landsmann Caruana besiegt worden.

          Während sich Anand auf prinzipielle Hauptvarianten verlässt, wollen die Spieler der jüngeren Generation vor allem niemandem in die Heimanalyse laufen. Ihre Vorbereitung zielt darauf ab, die Stellung etwas besser zu verstehen oder ihrem Gegner mehr Möglichkeiten zum Fehlermachen zu geben. Dazu gehört ein breites Repertoire an Spielweisen. Wild sind im Spitzenschach nicht die Jungen, sondern die Alten. Anand ist ebenso wie Wesselin Topalow, der als einziger Teilnehmer außer Form ist, ein ausgeprägter Taktiker und Angriffsspieler. Die junge Generation kennzeichnet eher, dass sie stilistisch nicht festgelegt ist. Angreifen oder verteidigen, scharfe oder technische Stellungen beherrschen Caruana und Co. gleichermaßen. Wer alles kann, lässt sich auch nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Nervenstärke will erarbeitet werden.

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          Und sie leben sehr solide. Kein Alkohol, keine Partys, dafür öfter mal in den Fitnessraum. Physisch ist der Allroundsportler Carlsen freilich allen voraus. Karjakin schläft nach eigener Auskunft jede Nacht mindestens neun Stunden. Nicht in seiner Wohnung, sondern im fünf Fußminuten entfernten Four Seasons Hotel. Weil der Geburtstag seiner Frau auf einen Spieltag fiel, habe er sie nicht gesehen, sondern habe ihr am Telefon gratuliert.

          Karjakin und Caruana berichten übereinstimmend, dass sie mit dem Abschalten und Umstellen auf die nächste Partie keine Probleme haben. An den Abenden nach den Partien folgen beide einer Routine bei einem Spaziergang mit ihrem Sekundanten und einem Abendessen am fixen Ort. Dort bekomme er jeden Abend einen Glückskeks, erzählt Caruana. Obwohl er nicht abergläubisch sei, schaue er stets nach, was drinstehe. Am besten gefiel ihm folgender Ratschlag: „Ich soll mich nicht zum Sklaven meiner Gefühle machen.“

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