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Schach-WM : Das Ende der Ära Anand

  • -Aktualisiert am

Die Ruhe des Führenden: Magnus Carlsen ist in Chennai ganz entspannt Bild: REUTERS

Das neunte Duell bei der Schach-WM ist mitreißend. Weltmeister Anand gibt einen großen Vorteil aus der Hand und verliert. Herausforderer Carlsen braucht nur noch einen halben Punkt zum WM-Titel.

          2 Min.

          Der Schock saß. Als Viswanathan Anand aufgab, klatschten nur wenige Hände und verstummten sofort wieder. Dabei hatten die indischen Zuschauer gerade die mitreißendste und interessanteste Partie des Matches um den Titel des Schach-Weltmeisters erlebt. Nur eben mit schlechtem Ausgang für ihren Landsmann. Nach dieser Niederlage steht es aus Sicht des Titelverteidigers 3:6. Dreimal müsste er nun in Folge gewinnen, um den Verlust seines Titels an Magnus Carlsen vielleicht noch abzuwenden.

          Dabei hatte es lange so ausgesehen, als könnte Anand dem Kampf in der neunten WM-Partie noch einmal eine Wende geben. Mit zwei Punkten Rückstand (3:5) brauchte er eine Stellung, in der er seine Angriffsstärke ausspielen konnte. Nachdem er in seinen vorigen Weißpartien gegen eine „Berliner Mauer“ genannte Spanischvariante nichts herausgeholt hatte, wechselte er vom Königsbauern zum Damenbauern. Im Publikum brach spontan Jubel aus. Ein scharfes Abspiel von „Nimzowitsch-Indisch“ lieferte Anand genau das Gewünschte. Auch auf der Uhr hatte er bald eine halbe Stunde mehr Bedenkzeit.

          „Aus der Eröffnung bekamen wir eine extrem unbalancierte Stellung, in der ich ernsthaft Gefahr lief, mattgesetzt zu werden“, sagte Carlsen nach der Partie. „Ich musste mich der Situation anpassen und ein Gegenspiel finden.“ Auf die Frage, an welchem Moment er Angst hatte, erwiderte er: „Die ganze Zeit.“

          Die Rollen waren klar verteilt: Weiß marschierte am Königsflügel auf, Schwarz hatte eine Bauernmehrheit auf der anderen Seite. Entscheiden würde, wer seinen Trumpf zuerst durchbringt. Nur die Computer sahen Carlsen im Vorteil. Fast alle Experten waren überzeugt, dass Anands Angriff durchdringen würde. Er hatte so viele Figuren auf den schwarzen König gerichtet, dass es geradezu nach Matt roch.

          Der Norweger nutzt einen schweren Fehler von Viswanathan Anand (rechts)
          Der Norweger nutzt einen schweren Fehler von Viswanathan Anand (rechts) : Bild: REUTERS

          Während Anand über seinen 23. Zug nachdachte, wurde klar, wie schwierig es tatsächlich war. Carlsen baute seine ganze Verteidigung auf einen weit vorgerückten Bauern. „Für mich war es nicht schwierig, ich hatte sowieso immer nur einen Zug“, schilderte er hinterher die Schlussphase. Stillsitzen konnte der 22 Jahre alte Norweger nicht mehr. Er zog sich in den Ruheraum zurück, kam wieder ans Brett. Vier- oder fünfmal wiederholte sich das, bis Anand nach 45 Minuten endlich seine Dame zog.

          Laut Weltklassespieler Peter Swidler, der die Partie für ein russisches Publikum im Internet kommentierte, hätte er mit einem weiteren Damenzug gute Gewinnchancen behalten. Doch Anand wählte einen direkten Weg, der einen vermeintlich brillanten Sieg versprach.

          Der Inder ist kurz davor, als Titelverteidiger entthront zu werden
          Der Inder ist kurz davor, als Titelverteidiger entthront zu werden : Bild: AP

          Dabei nahm er in Kauf, dass Carlsen einen seiner Bauern in eine zweite Dame verwandelt. Sie kann und muss sich sofort opfern, um ein Schachmatt abzuwenden. Bei richtigem Spiel wäre nun ein Remis wahrscheinlich gewesen. Doch für einen Moment glaubte Anand, einen Gewinn entdeckt zu haben. „Kaum hatte ich den Springer gezogen, sah ich, dass seine Dame nach e1 kann.“

          Die stärkste schwarze Angriffsfigur zog aufs Ausgangsfeld des weißen Königs. Das war das Ende der Partie und gewissermaßen des Wettkampfs. „Das Ende einer Ära“, twitterte der englische Großmeister Nigel Short. „Aber wenigstens hat Vishy am Ende einen Kampf gezeigt.“ Carlsen reicht an diesem Freitag mit Weiß ein Remis, dann ist er Schachweltmeister.

          Notation - Schach-Weltmeisterschaft in Chennai

          9. Partie (Nimzowitsch-Indisch):

          Weiß: Viswanathan Anand (Indien) - Schwarz: Magnus Carlsen (Norwegen): 0:1

          1.d4 Sf6; 2.c4 e6; 3.Sc3 Lb4; 4.f3 d5; 5.a3 Lxc3+; 6.bxc3 c5; 7. cxd5 exd5; 8.e3 c4; 9.Se2 Sc6; 10.g4 0-0; 11.Lg2 Sa5; 12.0-0 Sb3; 13.Ta2 b5; 14.Sg3 a5; 15.g5 Se8; 16.e4 Sxc1; 17.Dxc1 Ta6; 18.e5 Sc7; 19.f4 b4; 20.axb4 axb4; 21.Txa6 Sxa6; 22.f5 b3; 23.Df4 Sc7; 24.f6 g6; 25.Dh4 Se8; 26.Dh6 b2;27.Tf4 B1D+; 28.Sf1 De1

          Stand: Carlsen - Anand 6:3

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