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Schach-WM : Carlsen löst Anand als Weltmeister ab

  • -Aktualisiert am

Der neue Schach-Weltmeister ist Norweger: Carlsen (rechts) besiegt Anand Bild: AFP

Herausforderer Carlsen zeigt wenig Respekt und holt sich den WM-Titel im Schach von Viswanathan Anand. Spannend ist ihr Zweikampf nur bis zur Hälfte. Eine Überraschung ist der eindeutige Ausgang aber nicht.

          Als die WM entschieden war, als sich der Norweger Magnus Carlsen am Freitag durch ein Remis gegen den indischen Titelverteidiger Viswanathan Anand die Krone geholt hatte, begann die Zeit der Höflichkeiten. In seinem ersten Statement als neuer Schachweltmeister zollte Carlsen seinem Gegner Tribut. „Vishy ist einer der Größten aller Zeiten. Ich bin sehr froh, dass ich gegen ihn obenauf bleiben konnte.“

          Am Brett hatte der 22 Jahre alte Norweger viel weniger Respekt gezeigt. Er gönnte Viswanathan Anand, der mit 43 Jahren alt genug ist, sein Vater zu sein, nicht einmal einen Sieg. Anand sagte, „mein Spiel in diesem Match war eine große Enttäuschung.“ An seiner Matchstrategie habe es nicht gelegen, „ich habe es nicht geschafft, die Strategie umzusetzen. Meine Chancen hingen davon ab, ob ich lange Partien ohne allzu viele Fehler überstehe. Aber vergeblich.“ Seine erste Niederlage in der fünften Partie sei ein schwerer Schlag gewesen, von dem er sich nicht rechtzeitig erholte. Am folgenden Tag verlor er gleich noch einmal. „Meine Fehler kamen nicht von allein. Magnus hat sie provoziert. Glückwunsch an ihn.“

          Spannend war ihr Zweikampf damit nur bis zur Hälfte. Eine Überraschung ist der eindeutige Ausgang nicht. Das 6,5:3,5 ist einer der deutlichsten WM-Siege der vergangenen hundert Jahre und entspricht ziemlich genau den Erwartungen aufgrund von Carlsens um 95 Elopunkte höheren Weltranglistenzahl. Es fehlte wenig, und das Match wäre 7:3 für Carlsen ausgegangen.

          Nach der achten Partie war Anand kritisiert worden, weil er nicht die schärfste Eröffnung Sizilianisch wählte. In der zehnten Partie am Freitag ließ er sich nicht lumpen. Doch die Stellung schien Carlsen zu liegen. „So lange ich nichts riskiere, wollte ich auf Gewinn spielen.“ Er sammelte langsam aber sicher Vorteile. Im 30. Zug ließ er einen gewinnträchtigen Springerzug aus. „Ich dachte, mein Zug gewinnt auch leicht, aber ich habe etwas Einfaches übersehen.“

          Der Titelverteidiger musste eine klare Niederlage hinnehmen

          Anand konnte sich durch Figurentäusche befreien, in dem entstehenden Springerendspiel waren die Chancen aber praktisch ausschließlich bei Carlsen. Im 46. Zug dachte der Norweger eine halbe Stunde nach. „Die Varianten wurden so kompliziert, dass ich entschied, ein Remis zu sichern.“ Als Anand im 65. Zug mit seiner letzten Figur Carlsens letzten Bauern schlug, war die Punkteteilung perfekt.

          Für seine Jugend bevorzugt der Norweger ein überraschend trockenes, technisches Schach. Damit hat er am meisten Erfolg. Mitreißende Partien sah man in Chennai selten. So richtig brannte das Brett nur in der neunten Partie. Alle Figuren Carlsens außer seinen Bauern standen auf der eigenen Grundreihe. Sein einziger Trumpf war ein vorgerückter Bauer. Dieser reichte ihm, um Anand den Ehrentreffer zu verwehren.

          Entspannung bei Carlsen, Anspannung bei Anand

          Enorme Beachtung fand das Match in Indien und Norwegen. Auch deutsche Medien berichteten mehr als zuletzt. Doch in Russland und Westeuropa blieb die Resonanz geringer als erwartet. Der Weltschachbund hatte die Ausrichtung ohne Ausschreibung nach Indien vergeben.

          Anands Aufstieg und seine fünf WM-Siege lösten dort einst einen Schach-Boom aus. Er basiert vor allem auf öffentlichen Subventionen: Großmeister stehen auf den Gehaltslisten staatlicher Unternehmen. Starke Junioren erhalten Universitätsstipendien. Tausende Schachlehrer tingeln von Schule zu Schule. Mancher fürchtet, dass die Party nach Anands Abgang vorbei ist.

          Carlsen - Anand, 10. Partie, Sizilianisch

          0,5: 0,5: 1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. Lb5+ Sd7 4. d4 cxd4 5. Dxd4 a6 6. Lxd7+ Lxd7 7. c4 Sf6 8. Lg5 e6 9. Sc3 Le7 10. O-O Lc6 11. Dd3 O-O 12. Sd4 Tc8 13. b3 Dc7 14. Sxc6 Dxc6 15. Tac1 h6 16. Le3 Sd7 17. Ld4 Tfd8 18. h3 Dc7 19. Tfd1 Da5 20. Dd2 Kf8 21. Db2 Kg8 22. a4 Dh5 23. Se2 Lf6 24. Tc3 Lxd4 25. Txd4 De5 26. Dd2 Sf6 27. Te3 Td7 28. a5 Dg5 29. e5 Se8 30. exd6 Tc6 31. f4 Dd8 32. Ted3 Tcxd6 33. Txd6 Txd6 34. Txd6 Dxd6 35. Dxd6 Sxd6 36. Kf2 Kf8 37. Ke3 Ke7 38. Kd4 Kd7 39. Kc5 Kc7 40. Sc3 Sf5 41. Se4 Se3 42. g3 f5 43. Sd6 g5 44. Se8+ Kd7 45. Sf6+ Ke7 46. Sg8+ Kf8 47. Sxh6 gxf4 48. gxf4 Kg7 49. Sxf5+ exf5 50. Kb6 Sg2 51. Kxb7 Sxf4 52. Kxa6 Se6 53. Kb6 f4 54. a6 f3 55. a7 f2 56. a8=Q f1=Q 57. Dd5 Qe1 58. Dd6 De3+ 59. Ka6 Sc5+ 60. Kb5 Sxb3 61. Dc7+ Kh6 62. Db6+ Dxb6+ 63. Kxb6 Kh5 64. h4 Kxh4 65. c5 Sxc5

          Endstand: Carlsen – Anand 6,5:3,5

          Die Schach-Weltmeister seit 1886

          Wilhelm Steinitz (Österreich/USA) 1886-1894
          Emanuel Lasker (Deutschland) 1894-1921
          José Raúl Capablanca (Kuba) 1921-1927
          Alexander Aljechin (Russland) 1927-1935/1937-1946
          Max Euwe (Niederlande) 1935-1937
          Michail Botwinnik (UdSSR) 1948-1957/1958-1960/1961-1963
          Wassili Smyslow (UdSSR) 1957-1958
          Michail Tal (UdSSR) 1960-1961
          Tigran Petrosjan (UdSSR) 1963-1969
          Boris Spasski (UdSSR)  1969-1972
          Robert Fischer (USA) 1972-1975
          Anatoli Karpow (UdSSR) 1975-1985/1993-1999
          Garri Kasparow (UdSSR/Russland) 1985-1993
          Alexander Chalifman (Russland) 1999-2000
          Viswanathan Anand (Indien)  2000-2002
          Ruslan Ponomarjow (Ukraine) 2002-2004
          Rustam Kasimdschanow (Usbekistan) 2004-2005
          Wesselin Topalow (Bulgarien) 2005-2006
          Wladimir Kramnik (Russland) 2006-2007
          Viswanathan Anand (Indien) 2007-2013
          Magnus Carlsen (Norwegen) 2013-

          Von 1993 bis 2006 war die Schach-Welt in zwei rivalisierende Verbände gespalten. In Konkurrenz zum Weltverband Fide gab es Weltmeister im sogenannten klassischen Schach:

          Garri Kasparow (Russland) 1993-2000
          Wladimir Kramnik (Russland) 2000-2006

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