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Schach-Weltmeisterschaft : Ein Königreich der großen Ideen und furchtbaren Fehler

Herausforderer gegen Weltmeister: Vishwanathan Anand will es gegen Magnus Carlsen noch einmal wissen. Bild: AP

Rauchende Köpfe und Computer: Das Duell bei der Schach-WM spitzt sich zu. Anand schlägt sich wacker gegen Carlsen, noch hat der Inder eine Chance.

          Das Ergebnis komplexer Denkprozesse kann eine wissenschaftliche Theorie sein oder ein Computerchip. Es kann aber auch das schnöde Verschieben einer Holzfigur auf einem Spielbrett sein. Man nennt das Schach. 64 Felder, 32 Figuren, Millionen Möglichkeiten. „Schach“, sagt der Stuttgarter Mathematik-Professor Christian Hesse, „ist eine geistige Kampfsportart und ein Resonanzboden für Ästhetik, Leidenschaft und intellektuelles Heldentum, ein Königreich voller Ideen und Emotionen, Schach ist gebündelte Kreativität und wunderbare Harmonie zwischen logischen und paradoxen Elementen.”

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Anfang des Jahres saß Magnus Carlsen in einer Talkshow des norwegischen Fernsehens. Ihm gegenüber Bill Gates. Zwei Genies. Der eine Schach-Weltmeister, der andere - wenn man so will - Computer-Weltmeister. Talkmaster Fred Skavlan hatte seinen beiden Gästen vor der Sendung eine Partie Schach vor laufenden Kameras vorgeschlagen, Gates war einverstanden, und auch Carlsen hatte nichts dagegen, was seine Hochachtung vor dem Microsoft-Gründer bewies, gewöhnlich mag er es nicht, mit Dilettanten ein Spiel zu spielen, dessen Komplexität sie nicht einmal im Ansatz überblicken. Aber bei Gates machte Carlsen eine Ausnahme, wie er es zuvor schon bei Facebook-Gründer Mark Zuckerberg getan hatte.

          Gates durfte die weißen Steine führen, er zog den Königsbauern nach vorn und drückte die Uhr. Carlsen antwortete mit dem Springer. Zack. Gates überlegte und zog ebenfalls den Springer. Carlsen zack. Gates überlegte. Carlsen zack. Gates lächelte. Carlsen nicht. Dann zack, zack. Matt. Die Partie dauerte 71 Sekunden, auf Carlsens Uhr waren zwölf Sekunden abgelaufen. Gates lächelte. Carlsen auch. „Gates spielt besser als Zuckerberg“, sagte er. Immerhin.

          Schach ist ein Kampfsport, und Carlsen ist ein Kämpfer

          Magnus Carlsen, Norweger, 23 Jahre alt, nimmt sein Spiel ernst, auch gegen einen Hobbyspieler wie Bill Gates. Es geht ihm ums Gewinnen, je schneller er die Stellung und den Gegner knackt, desto besser, Geschenke werden nicht gemacht. Nicht von Carlsen. Schach ist ein Kampfsport, und Carlsen ist ein Kämpfer.

          Seit zwei Wochen verteidigt er seinen WM-Titel in Sotschi in Russland gegen den Inder Viswanathan Anand, dem er im vergangenen Jahr in dessen Heimatstadt Chennai den Titel abgenommen hat. Für den 44 Jahre alten Anand war die Niederlage damals ein Fiasko; Carlsen, das jugendliche Genie, hatte den Meister des Spiels 6,5:3,5 besiegt, ihn vorgeführt, gedemütigt, der Norweger hatte drei Partien gewonnen, sein Gegner keine einzige.

          Von dieser Niederlage, unkten viele, würde sich Anand nicht mehr erholen. Aber dann, nach Wochen der Vorbereitung, spielte sich der Inder wieder souverän durch das Kandidatenturnier in Chanty-Mansijsk in Russland und qualifizierte sich für die neue Chance in Sotschi. Wieder WM. Wieder Carlsen gegen Anand, wieder Jung gegen Alt. Wieder ein Gemetzel? Es sollte anders kommen.

          Schach ist Logik. Problemlösung. Wissenschaft.

          Beim Schach geht es darum, in die Zukunft zu schauen, das ist, was die Spieler auf der Bühne versuchen, und das ist, woran die Analysten im Hintergrund arbeiten, wenn sie die Computerprogramme starten und Millionen Möglichkeiten durchspielen lassen. Schach ist Logik. Problemlösung. Wissenschaft. Aber auf der Bühne ist es auch Psychodrama, weil es unter Zeitdruck stattfindet und in der Inszenierung eines Zweikampfes.

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