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Schach-Weltmeister Magnus Carlsen : „Ich halte mich ein bisschen für einen Revolutionär“

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Große Ehre: Magnus Carlsen ist bereits mit 22 Jahren Weltmeister Bild: REUTERS

Mit nur 22 Jahren wurde Magnus Carlsen durch einen Sieg über Viswanathan Anand Schach-Weltmeister. Nun spricht der Norweger im F.A.Z.-Interview über Nervenflattern, Computerhilfe und das Geheimnis seiner Sekundanten.

          Ein gefragter Mann: Doch der 22 Jahre alte Magnus Carlsen, der mit einem Sieg über den Inder Viswanathan Anand Schach-Weltmeister wird, ist erst nach der Siegerehrung bereit zu Interviews. Der Norweger, der sich für Schach in der Schule einsetzt, gab dabei auch einen kleinen Einblick in sein Privatleben.

          Schön, dass Sie jetzt Zeit haben ...

          Nach den Ereignissen der letzten Tage war ich ziemlich müde und ausgelaugt. Wenn Sie mich unkooperativ fanden, ist das der Grund.

          Das Match ist genau gelaufen, wie Sie es erwartet haben, oder?

          Es war leichter, als ich es hier am Anfang erwartet habe. Ich dachte mir, wenn ich es schaffe, mein bestes Schach zu spielen, wird Anand keine Partie gewinnen. Normalerweise werde ich ihn einige Male unter Druck setzen können, und in ein oder zwei dieser Partien wird er nicht standhalten. So ist es gekommen.

          Auf welche Schwachpunkte Anands haben Sie Ihr Spiel angelegt?

          Nichts Spezielles, außer dass ich in jeder Partie vierzig, fünfzig gute Züge spiele. Das war mein Hauptziel. Vor einem solchen Match arbeitet man sehr viel, und man hat auch schwer dafür gearbeitet, überhaupt so weit zu kommen. Also finde ich es richtig, dass man sich auch am Brett anstrengt. Wenn die Stellung nicht remis ist, soll man kein Remis vereinbaren, man soll es ausspielen. Will man eine WM gewinnen, reicht es nicht, ein oder zwei Stunden gut zu spielen, sondern vier, fünf oder auch sechs Stunden lang.

          Der neue Weltmeister: Carlsen hat Anand (l.) geschlagen

          Hat die größere Energie die größere Erfahrung besiegt?

          Matcherfahrung wird als Faktor überschätzt. Jedes Match hat ein Eigenleben. Anand hatte zwar schon viele solcher Matches, aber das hieß nicht, dass es hier genauso läuft. Am Anfang spielte die Erfahrung eine gewisse Rolle. Während der ersten Partien hatte ich Nervenflattern. Ich war vielleicht nicht bereit. Nach der dritten Partie fühlte ich mich schon reifer.

          Das ganze Match über hörte man von Ihren sportlichen Aktivitäten, Ihren Ausflügen zum Strand oder auf die Bowlingbahn oder dass Sie bis tief in die Nacht Karten spielten. Wie viel haben Sie sich während des Matches eigentlich mit Schach beschäftigt?

          Außer in den Partien selbst nicht all zu viel. Abends habe ich entschieden, was ich am nächsten Tag spiele. Von zwei Stunden vor der Partie bis zehn, fünfzehn Minuten davor habe ich mir Varianten angesehen.

          Sie haben den Kampf von der Computervorbereitung zurück aufs Brett verlagert. Halten Sie sich für einen Revolutionär?

          Ja, ein bisschen. Inzwischen ist es ein Trend, dass Leute aus der Eröffnung eine spielbare Stellung anstreben und nicht gleich einen großen Vorteil. Offensichtlich bin ich im Mittelspiel und Endspiel stärker als die meisten und kann mir ein solches Herangehen erlauben.

          Wie arbeiten Sie überhaupt mit dem Computer?

          Im Idealfall schaue ich mir die Stellungen auf dem Brett an, bevor ich nach Lösungen mit dem Computer suche.

          In den vergangenen Titelkämpfen rüsteten Anand und seine Gegner mit leistungsstarker Hardware auf.

          Mein Ansatz ist anders als der von Anand. Ich denke, ich bin derzeit der bessere Spieler. Also muss er mit Computerhilfe einen Vorteil finden. Ich muss nur seinen Vorteil auf diesem Gebiet ausgleichen oder zumindest nicht zu weit zurückfallen. Aber die Computerarbeit haben meine Sekundanten geleistet, ich habe sie nur angeleitet und ihre Vorschläge überprüft.

          Sie halten Ihre Schachhelfer mit Ausnahme des Norwegers Jon Ludwig Hammer geheim. Wollen Ihre Sekundanten ungenannt bleiben, oder ist das Ihre Entscheidung?

          Vor allem meine. Das soll nicht heißen, dass ich nicht dankbar bin für die großartige Arbeit, die sie geleistet haben. Es ist schön, dass ich schon in einem Jahr wieder einen WM-Kampf habe. Ich will mit dem gleichen Team antreten und darum jetzt nicht zu viel verraten.

          „Wenn er ein Comeback versucht, wunderbar. Wenn nicht, hat Anand allen Grund, mit dem, was er hat, glücklich zu sein.“

          Welche Pflichten bringt es für Sie mit, Weltmeister zu sein?

          Seit einiger Zeit setze ich mich für Schach in der Schule ein. Ich glaube, Schach bringt Kinder in der Schule und im Leben weiter.

          In der Vergangenheit haben Sie die Privilegierung des Weltmeisters kritisiert, der in Ruhe zuschaut, während sich die Konkurrenten abplagen, um Herausforderer zu werden.

          Stimmt. Jetzt brauche ich etwas Zeit, um den Titel zu genießen, und dann werde ich sehen, was meine nächsten Schritte sind.

          Werden Sie Ihr weiteres Leben dem Erfolg am Brett unterordnen, wie es beispielsweise Kasparow getan hat?

          Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt und was nötig ist, damit ich motiviert bleibe. Solange ich motiviert bin, werde ich Erfolg haben. Vor der WM habe ich alles dem Schach untergeordnet. Jetzt freue ich mich, dass ich ausspannen und ein ausgeglicheneres Leben führen kann.

          Anand hat sich noch nicht darüber geäußert, ob er den Titel zurückzuholen versucht und im März zum Kandidatenturnier antritt. Was würden Sie ihm raten?

          Ausruhen und sich Zeit nehmen, um alles zu bedenken. Wenn er ein Comeback versucht, wunderbar. Wenn nicht, hat Anand allen Grund, mit dem, was er hat, glücklich zu sein.

          Sie sind kürzlich ausgezogen, zur Freude Ihrer Landsleute nicht in ein Steuerparadies, sondern Sie wohnen jetzt allein einige Kilometer von Ihrem Elternhaus entfernt. Sieht man Ihrer Wohnung an, dass da ein Schachspieler lebt?

          Sie werden einige Schachbücher sehen. Zum Dekorieren bin ich noch nicht gekommen.

          Haben Sie ein Auto?

          Da müsste ich erst mal den Führerschein machen. Vielleicht im nächsten Sommer.

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