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Schach-Star Carlsen : Ein bisschen Gott, ein bisschen Schlange

  • -Aktualisiert am

Genie am Schachbrett: Magnus Carlsen strebt den Weltmeistertitel an Bild: dpa

Als Schach-Wunderkind nervte Magnus Carlsen die arrivierten Stars. Jetzt ist der Norweger erwachsen und kämpft in London um die Chance, Weltmeister Anand herausfordern zu dürfen.

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          Es wurde ordentlich gelästert damals über Magnus Carlsen. „Das kleine Arschloch“, hieß es, habe wohl eine allzu antiautoritäre Erziehung genossen und führe sich deshalb so auf. Tatsächlich war der kleine Magnus kein gewöhnliches Schach-Wunderkind, das sich im Turniersaal wie ein Erwachsener benimmt. Als er schon fast Großmeister war, kam er noch immer mit Donald-Duck-Heften ans Brett, knabberte Nüsse, schlürfte Orangensaft und flegelte auf dem Stuhl herum wie ein ungezogener Junge. Er nervte die arrivierten Stars aber nicht nur mit seinem Auftreten, sondern auch mit seinem Spiel. Eine solches Talent hatte es noch nie gegeben.

          Mit sechs Jahren hatte der Sohn eines IT-Managers und einer Chemikerin gelernt, die Figuren zu ziehen. Er fand es mühsam. Das Spiel war dann zwei Jahre lang kein Thema für ihn, bis er es wiederentdeckte und völlig in seinen Bann geriet. Von da an verschlang er schon am Frühstückstisch die Schachbücher seines Vaters. Bis er in die dritte Klasse ging, habe er kein einziges Mal Hausaufgaben gemacht, erinnert sich Magnus Carlsen. Es gab Wichtigeres: Schach.

          „Es war für mich immer Spaß, nie Arbeit“, sagt er. Dass seine Familie und seine Trainer ihn seine Leidenschaft stets ausleben ließen, hält er für den entscheidenden Grund, warum er so stark geworden ist. Mit 13 wurde er Großmeister, mit 19 die Nummer eins der Welt. Nicht einmal Schach-Genies wie Bobby Fischer oder Garri Kasparow hatten sich so rasant entwickelt. Dabei, betont Carlsen, habe er sich eigentlich nie große Ziele gesetzt.

          Höchste Elo-Zahl der Geschichte

          Der inzwischen 22 Jahre alte Norweger hat heute mit 2872 eine Elozahl, die kein Schachspieler vor ihm je erreicht hat. Er hat schon 60 Punkte Vorsprung vor seine ärgsten Rivalen. In das WM-Kandidatenturnier, bei dem vom nächsten Freitag an im Londoner Savoy Place der Herausforderer von Weltmeister Viswanathan Anand ermittelt wird, geht er als hoher Favorit.

          Garri Kasparow, der Carlsen ein Jahr lang trainierte, lobt sein Talent in höchsten Tönen - und ist gleichzeitig entsetzt über seine Disziplinlosigkeit. Wenn nicht gerade ein Turnier ansteht, verbringt Carlsen seine Zeit zu Hause in Haslum, einem Vorort von Oslo. Tagelang trainiert er nicht. Doch sobald er sich dem Spiel zuwendet, kann er alles andere vergessen.

          Durstig und erfolgshungrig: Magnus Carlsen bei einem Turnierspiel gegen den Niederländer Anish Giri im Januar in Wijk aan Zee

          Sein Benehmen am Brett ist längst tadellos. Für Aufregung sorgt er auf andere Weise. So entrüstete sich die halbe Schachwelt über Carlsen, als er sich 2011 weigerte, am Kandidatenturnier teilzunehmen, teils aus Protest gegen wiederholte Änderungen im WM-Regelwerk durch den Weltschachbund, teils wegen des damaligen K.-o.-Modus mit kurzen Zweikämpfen, den er ablehnte. Dieses Mal tritt er an.

          Und das Format in London ist mittlerweile maßgeschneidert für Carlsen, der kaum über Zweikampferfahrung im K.-o.-System verfügt, aber ein Rundenturnier nach dem anderen gewinnt. In London trifft jeder der acht Teilnehmer je einmal mit Weiß und einmal mit Schwarz auf jeden der Konkurrenten. Bei 14 Partien innerhalb von 18 Tagen kann Carlsen auch seine Fitness zugute kommen. Sein Trainingslager für London hat er nach Gran Canaria verlegt, um Sonne zu tanken und draußen Sport zu treiben, vor allem Strandläufe, Tischtennis und Schwimmen. Er mag auch Beachvolleyball, Basketball, Tennis und stemmt Gewichte. Während des Turniers in Wijk aan Zee spielt er jedes Jahr mit seinen Kollegen Fußball. „Er läuft nicht viel, aber er schießt jede Menge Tore“, sagt Großmeister Anish Giri, der Carlsen außerdem „unglaublich starke Nerven“ bescheinigt.

          Erholung mit Computer-Spiel

          Erfahrene Großmeister wie der Russe Wladimir Kramnik, auf den Carlsen in London trifft, erkennen die Favoritenrolle des Norwegers beim Kandidatenturnier an. „Carlsen ist nicht Gott“, sagt Kramnik mit bekannt trockenem Humor. „Er ist nahe dran, aber Gott ist er nicht.“ Also hätten auch die anderen eine Chance.

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