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Schach-Olympiade : Wenn die Bauern marschieren

152 Länder, 1300 Spieler und 17.600 Figuren – und auch für Wladimir Kramnik gibt es einen Platz in Dresden Bild: dpa

Die Schach-Olympiade in Dresden leidet unter dem Ende des Kommunismus. Die Sowjetunion alimentierte einst diesen staatstragenden Sport, nun fehlt das Geld. Große Firmen werben zwar gerne mit dem Schachmotiv, doch als Sponsoren engagieren sie sich nicht.

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          Am Donnerstag, Punkt 15 Uhr, haben sich am Dresdner Elbufer 508 Bauern im Gleichschritt nach vorn bewegt. Es war keine Demonstration gegen bröckelnde Milchpreise oder gegen die EU-Bürokratie, sondern der Beginn der 38. Schacholympiade. „Wir spielen eine Sprache“, so heißt das Motto dieser Mannschafts-WM, die mit 152 Ländern, 1300 Spielern und 17.600 Figuren Rekorde aufstellt - und durchaus dem olympischen Motto entspricht, das in ihrem Namen mitschwingt, seit sie 1924 im Rahmenprogramm der „richtigen“ Olympischen Spiele von Paris erstmals organisiert worden war.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Unter Schachspielern ist die zweijährliche Veranstaltung die vielleicht beliebteste, wegen der Partys und der globalen Begegnungen. Sie führt namenlose Durchschnittsspieler aus Palästina oder Puerto Rico mit den Weltbesten zusammen - 28 der 32 Topspieler sind am Start. Fast die gesamte Prominenz ist vertreten, vom 17-jährigen norwegischen Wunderkind Magnus Carlsen bis zum 77-jährigen Altmeister Viktor Kortschnoi an Brett eins der Schweiz. Selbst Wladimir Kramnik ist nur zwei Wochen nach seiner Niederlage im zehrenden WM-Kampf gegen Viswanathan Anand in Dresden am Start, quasi als Regeneration. „Ich mag die Atmosphäre der Olympiaden sehr“, sagt der Russe, „man kann daraus während eines solchen Turniers Kraft schöpfen.“ Anand sucht die Kraft allerdings daheim in Indien.

          Olympiabotschafter aber keine Sponsoren

          Während das echte Olympia durch verschärfte Normen den alten Amateurgeist weitgehend verabschiedet hat, um belächelte „Exoten“ fernzuhalten von Bobbahnen und Schwimmbecken, darf bei der Schacholympiade jeder dabei sein, wenn er nur unter den Besten seines Landes ist. Es ist eine liebenswert anachronistische Idee - mit fraglicher Zukunft. „Es wird immer schwerer, eine solche Veranstaltung auf die Beine zu stellen“, sagt Robert von Weizsäcker, der Präsident des Deutschen Schach-Bundes. Denn Schach leidet unter dem Ende des Kommunismus. „Die Sowjetunion stabilisierte das Schach“, sagt Weizsäcker, „weil sie Schach zum staatstragenden Kulturgut erklärte und staatlich finanzierte.“ Seit dem Ende der Sowjetunion, die während ihres Bestehens 23 von 25 Olympiaden gewann, stehe das Weltschach „vor dem großen Problem, den Sport mit den Gesetzen des Marktes zu vereinbaren. Die Finanzierung wird ein immer größeres Thema.“ Gerade in Dresden.

          Nicht nur auf dem Holzbrett: Der Schachgroßmeister aus dem deutschen Team, Jan Gustaffson, bereitet sich am Computer auf die Schach-Olympiade vor

          Es fiel den Organisatoren zwar leicht, allerlei „Olympiadebotschafter“ zu finden, von Mike Krüger bis zu den Klitschko-Brüdern, von Felix Magath bis zum Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff - aber Sponsoren fand man kaum. Vielleicht hätte man Wallraff, der als getarnter türkischer Gastarbeiter und „Bild“-Reporter Missstände aufdeckte, besser nicht als Botschafter, sondern als Undercover-Agent im Organisationskomitee beschäftigt. Er hätte herausfinden können, warum statt eines durch Sponsoren gedeckten Etats, wie vom Lokalpolitiker Dirk Jordan bei der Bewerbung 2005 versprochen, die Olympiade nun nur dadurch stattfinden kann, dass der größte Teil aus Steuergeldern bezahlt wird. Schon vor einem Jahr musste Dresden einen Fehlbetrag von 1,9 Millionen Euro durch Aufnahme ins städtische Sportstättenbudget ausgleichen - Geld, für das man sonst Hallen bauen oder Bäder sanieren könnte. Erst spät wurde ein Hauptsponsor gefunden, der aber kaum mehr als ein Zehntel des Gesamtetats decken wird.

          „Schach lässt sich einfach nicht so schön medial verkaufen“, weiß der Wirtschaftsprofessor Weizsäcker. „Das Spiel verschließt sich dem, der nicht selbst Schachspieler ist. Für den sitzen da zwei und schieben Holz übers Brett.“ Zugleich aber gehe „von diesem uralten Brettspiel etwas Faszinierendes aus, fast etwas Mystisches“, schwärmt der Sohn des Alt-Bundespräsidenten. „Dieser Kosmos, dieses kreative Spektakel, dieses abstrakte Tun, so beobachte ich immer wieder, fasziniert die Menschen, auch die jungen.“ So ist es auch kein Wunder, dass „große Firmen mit Schachmotiven werben“. Nur als Schach-Sponsor zeigen sie kein Interesse.

          „Es fehlt ein Boris-Becker-Effekt im Schach“

          „Es fehlt ein Boris-Becker-Effekt im Schach“, klagt Carsten Hensel, der deutsche Manager von Kramnik. Wo soll er herkommen? „Wir sind nicht die Sowjetunion oder China“, beteuert Weizsäcker. „Wir selektieren nicht mit Kneifzangen, wir sind ein freies Land, hier kann sich jeder frei entscheiden. Wir können nur Angebote machen und hoffen, dass sich Talente zeigen, die uns weit und breit fehlen.“ Und wenn das deutsche Schach einst doch einen Becker fände, dann trüge wohl auch dessen Nachname einen russischen Klang - und der populäre Effekt bliebe fraglich. Neben dem Hamburger Jan Gustafsson besteht das deutsche Team aus Arkadi Naiditsch und Daniel Fridman, die beide aus Lettland stammen, David Baramidze, der aus Georgien kam, und dem gebürtigen Russen und zwischenzeitlichen Israeli Igor Chenkin, der sich mit fast 40 Jahren in Deutschland einbürgern ließ, weil er dort finanziell bessere Bedingungen vorfand - nicht gerade eine Investition in den eigenen Nachwuchs.

          Probleme macht auch die mangelnde Transparenz im Internationalen Schachbund (Fide), dem offiziellen Veranstalter der Olympiade. „Es ist schwer zu durchschauen, wie die Fide zu Beschlüssen kommt“, sagt Weizsäcker, der dem deutschen Schach sportpolitisch „wieder mehr Gewicht verschaffen will“. Die Forderungen der Fide-Funktionäre trugen nicht zur Kostendämpfung der Olympiade bei. Seine angeforderte Suite und Limousine konnte Fide-Präsident Kirsan Iljumschinow bisher aber noch nicht nutzen. Auf dem Weg zum Moskauer Flughafen am Mittwoch erlitt er einen Autounfall und musste ins Krankenhaus.

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