https://www.faz.net/-gtl-7znwx

Schach-Großmeister Caruana : Der Mann hinter Carlsen

  • -Aktualisiert am

Der Großmeister mit seiner Lieblingsfigur: Fabiano Caruana Bild: SvenSimon

Keiner hat so oft gegen den Schach-Weltmeister gewonnen wie Fabiano Caruana. Der 22 Jahre alte Amerikaner, der für Italien am Brett sitzt, gilt als kommender Herausforderer von Magnus Carlsen.

          Fast sieben Stunden selbst gespielt, das abschließende Stechen um Platz eins fürs Online-Publikum kommentiert, Siegerehrung um Mitternacht: Als Fabiano Caruana seine Pflichten als Schachprofi in der Nacht auf Dienstag endlich hinter sich gebracht hatte, waren in Baden-Baden nur noch Bars geöffnet. Ein warmes Essen gab es weit und breit nirgends mehr. Hungrig fiel er ins Bett nach einem Schachtag, den keiner der Beteiligten so schnell vergessen wird.

          Es wäre sogar noch später geworden, hätte Caruana im letzten Spiel des bisher zweitstärksten Einladungsturniers in Deutschland den Tabellenletzten David Baramidze geschlagen. Die Chance war da, aber nur einmal, so der 22-jährige Amerikaner, der seit zehn Jahren für Italien Schach spielt. So teilte Caruana eben Platz drei. Kein Grund zur Enttäuschung für den Weltranglistenzweiten. „Die Organisation war perfekt, ich habe mich von Beginn an wohl gefühlt.“

          Gegen Weltmeister Magnus Carlsen, der am Ende auch das Grenke Masters gewann, hat niemand in den letzten Jahren so oft gewonnen wie Caruana. „Er ist auch nur ein Mensch und macht Fehler. Aber viele halten Carlsen für unbesiegbar und sind eingeschüchtert, wenn sie gegen ihn spielen. Carlsen nutzt diesen Einschüchterungsfaktor auch aus.“ Einer der wenigen außer ihm, die sich von dem Norweger nicht einschüchtern lassen, sei Arkadi Naiditsch. Darum findet es Caruana auch nicht so überraschend, dass ausgerechnet der zuletzt nur als Nummer 38 der Welt geführte Baden-Badener Carlsen schlug und mit ihm um Platz eins stach. Naiditsch zwang den Weltmeister immerhin bis in eine fünfte Stichpartie und hielt sich mit 2:3 sehr gut. Wieweit sich sein deutscher Kollege steigern kann, vermag Caruana nicht vorherzusagen: „Naiditschs Resultate sind wechselhaft. Er ist schon fast zehn Jahre auf diesem Niveau.“

          „Es ist mir erstaunlich gut gelungen, nicht auszuflippen“

          Caruana selbst ist inzwischen einer der stabilsten Spieler. Einen richtigen Ausreißer hatte er im vorigen August - und zwar nach oben. In St. Louis gewann er sieben Partien gegen Weltklassespieler in Folge und hatte am Ende drei Punkte mehr als Carlsen. „Es ist mir erstaunlich gut gelungen, nicht auszuflippen, während fast alle um mich herum ausflippten.“

          Damals kam das Gerücht auf, dass Caruana zehn Jahre nach seinem Wechsel vom amerikanischen zum italienischen Verband wieder für die Vereinigten Staaten antritt. Mit ihm, Hikaru Nakamura und dem neuerdings auch spielberechtigten Filipino Wesley wäre das amerikanische Team Goldanwärter in allen Mannschaftswettbewerben. Caruana bestätigt, dass es Gespräche gab. Er könne sich auch vorstellen, irgendwann einmal zu wechseln. Schließlich fühlt er sich nach wie vor als Amerikaner. Konkret sei es nicht. Zudem hat er im italienischen Team Freunde gefunden und hat vom italienischen Verband einige Unterstützung erfahren.

          In St. Louis gewann Fabiano Caruana sieben Partien gegen Weltklassespieler in Folge: „Es ist mir erstaunlich gut gelungen, nicht auszuflippen“

          Seit er elf ist, wohnt er indessen weder im einen noch im anderen Land. Um ihn näher zu Trainern und Turnieren zu bringen, übersiedelten seine Eltern damals mit ihm von New York nach Madrid, dann nach Budapest und weiter ins Tessin. Inzwischen wohnen sie wieder in einem Vorort nördlich von Madrid. Spanisch versteht Caruana nur ein bisschen, Kontakte zur spanischen Schachszene habe er eigentlich nicht. Das Leben zu Hause beschreibt er als sehr ruhig. Die meiste Zeit sei er ohnehin unterwegs auf Turnieren oder mit seinem in Belgien lebenden Trainer Wladimir Tschutschelow zusammen.

          Manchmal trainiert er auch mit anderen Kollegen, weil er es nützlich findet, unterschiedliche Meinungen zu hören, doch die Namen behält er für sich. „Ich versuche so viel wie möglich an meinem Spiel zu arbeiten.“ Er sei recht diszipliniert. Mühe, sich zu motivieren, habe er selten.

          Selbst Schach-Großmeister spielen Fußball

          „Dieses Leben hat sich so ergeben. Es ist halt Teil des Jobs.“ Am Freitag beginnt schon sein nächstes Turnier in Zürich. Binnen wenig mehr als einem Monat wird er auf 25 lange Partien auf höchstem Niveau kommen. Carlsen hatte die gleichen Einladungen, wollte sich das volle Programm jedoch nicht zumuten. Caruana sieht kein Problem. „Heute bin ich müde, aber wenn es losgeht, werde ich bereit sein.“

          Außerdem erwarten ihn nach Zürich zwei Monate Pause. Dann will der drahtige 1,70-Meter-Mann wieder öfter schwimmen oder ins Fitness-Center gehen. Eigentlich spiele er auch gern Fußball, aber dafür fehle ihm oft der Anschluss. Während des Turniers in Wijk aan Zee gehen die Großmeister traditionell kicken. Caruana wollte mit, aber er habe den Treffpunkt nicht gekannt.

          Das vorige Kandidatenturnier hat er denkbar knapp verpasst. Über den nächsten WM-Zyklus besteht noch keine Klarheit. Caruana rechnet damit, dass wieder acht Kandidaten einen Herausforderer ermitteln und dass er als Anwärter mit der derzeit höchsten Weltranglistenzahl keine weitere Qualifikation benötige. „Das System ist nicht optimal. Aber damit sich etwas ändert, müssen wohl Sponsoren auftreten.“

          Weitere Themen

          Finale auf neutralem Rasen Video-Seite öffnen

          Copa Libertadores : Finale auf neutralem Rasen

          Das Spiel zwischen den argentinischen Klubs River Plate und Boca Juniors um die Krone des südamerikanischen Vereinsfußballs war wegen zahlreichen Krawallen nach Madrid verlegt worden.

          Topmeldungen

          Warnstreik : Deutsche Bahn stellt bundesweit Fernverkehr ein

          Im Fernverkehr rollt wegen des Warnstreiks an diesem Montagmorgen kein Zug mehr. Auch im Regionalverkehr in Hessen, Bayern und NRW sowie im S-Bahn-Verkehr in Berlin und Frankfurt geht nichts mehr.

          Protest in Frankreich : Wilde Gesten in gelben Westen

          Hat der Aufruhr in Frankreich einen Gesamtwillen? Die Gelbwesten fordern Macrons Rücktritt und zugleich die Einlösung seiner Wahlversprechen: Ein französisches Paradox.

          TV-Kritik: „Anne Will“ : Die Macht der Netzwerke

          Anne Will versuchte zu erklären, wie sich Annegret Kramp-Karrenbauer durchsetzen konnte. Vieles dürfte ungewiss bleiben, nur eines scheint klar: Netzwerke bleiben für Politiker unerlässlich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.