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Schach wird weitergespielt : Das Coronavirus setzt nicht alle matt

Herausfordererturnier: Der chinesische Großmeister Ding Liren ist einer von acht Schachspielern, die weiterspielen. Bild: dpa

Die Schwachwelt trotzt Kritik und Absagen: Das Kandidatenturnier um die Rolle des Herausforderers von Weltmeister Magnus Carlsen findet wie geplant statt. Online wird derweil mehr Schach gespielt denn je.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Nicht alle Sportereignisse liegen auf Eis. Das Schachkandidatenturnier beginnt trotz der Corona-Epidemie an diesem Dienstag in Jekaterinburg (hier zu verfolgen). In Russland sind erst ein paar Dutzend Infektionsfälle gemeldet. Wer aus einem stark betroffenen Land anreist, wird in der auf der sibirischen Seite des Urals liegenden Stadt allerdings sofort in Quarantäne gesteckt. So darf ein spanischer Reporter sein Hotelzimmer bis auf weiteres nicht verlassen.

          Der chinesische Großmeister Wang Hao hat seine Trainer daher vorsorglich zu Hause gelassen. Während der kommenden knapp drei Wochen will er online mit ihnen kommunizieren. Selbst kam Wang um die Zwangsisolation herum, weil er sich zuletzt in Japan aufhielt, das von Russland nicht als Corona-Krisengebiet eingestuft wird. Doch der zweite chinesische Teilnehmer, Ding Liren, musste sich schon vor zwei Wochen in Moskau einfinden und dort in Quarantäne unterbringen lassen, bevor er am Montag nach Jekaterinburg weiterreisen durfte.

          Besondere Bedingungen

          Teimur Radschabow forderte den Weltschachbund auf, das Turnier zu verschieben. Als dies abgelehnt wurde, verzichtete der Aserbaidschaner auf die Teilnahme. Ernsthafte Chancen, Herausforderer von Weltmeister Magnus Carlsen zu werden, dürfte sich Radschabow ohnehin nicht ausgerechnet haben. 2013 sponserte sein Land das Kandidatenturnier, um ihm eine Chance auf den WM-Titel zu verschaffen. Damals wurde er mit zwei Punkten Rückstand Letzter.

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          Seinen Platz an seinen Landsmann Schachrijar Mamedscharow abzutreten, erlaubte das Reglement nicht. Dafür rückt Maxime Vachier-Lagrave nach. Der Franzose hatte alle Qualifikationshürden knapp verfehlt. Weil sein Terminkalender 2019 zu voll war, fehlte ihm in entscheidenden Momenten die Kraft. Beim Weltcup unterlag er im Halbfinale Radschabow, das Erreichen des Finales hätte die Qualifikation bedeutet. Im Grandprix wurde Vachier-Lagrave Dritter, die ersten beiden waren fürs Kandidatenturnier vorgesehen.

          Auch nach dem Kriterium der Weltranglistenzahl war er der Erste, der nicht zum Zug kam. Zumal er schon vor zwei Jahren ähnlich knapp das Kandidatenturnier verpasst hatte, brach in den sozialen Medien eine spontane Kampagne für Vachier-Lagrave los. Das Ausrichterland solle anstelle des chancenlosen Kirill Alexejenko den Franzosen für die Wildcard nominieren, zumal sich mit Alexander Grischtschuk und Jan Nepomnjaschtschi zwei weitere Russen qualifiziert hatten. Vachier-Lagrave schlug ein Match mit Alexejenko vor. Doch darauf ging der Russische Schachverband nicht ein und hielt an Alexejenko fest, der aktuell zwei Elopunkte unter der 2700-Marke geführt wird.

          Vachier-Lagrave dagegen hatte zeitweise 2819 Elopunkte und war schon Weltranglistenzweiter. In Jekaterinburg gilt er als einer der Favoriten neben dem letzten WM-Herausforderer Fabiano Caruana und dem Weltranglistendritten Ding Liren. Auf beide trifft er gleich in den ersten beiden Runden an diesem Dienstag und Mittwoch. Dass er nachnominiert wurde, erfuhr er bei der Rückkehr aus dem Urlaub. „Auch wenn ich so kurzfristig dabei bin, habe ich darauf seit langem gewartet, also werde ich jetzt keine Extrawünsche anmelden“, schreibt Vachier-Lagrave in seinem Blog. Russland machte ihm zur Auflage, wegen medizinischer Untersuchungen bis vorigen Donnerstag anzureisen, was er auch tat. Vorher reiste er von Paris nach Marseille für ein in letzter Minute organisiertes Trainingscamp mit seinem Sekundanten Étienne Bacrot. Während die anderen sieben Kandidaten spätestens im Dezember mit ihrer Vorbereitung begonnen hatten und sich nun nur auf einen zusätzlichen Gegner einstellen mussten, blieb Vachier-Lagrave gerade mal eine Woche oder ein Tag pro Gegner.

          Das Eröffnungsrepertoire des Mathematikers ist besonders ehrgeizig und von Hauptvarianten gespickt, was viel Arbeit bedeutet. Als ihm vor einigen Jahren während einer Turnierpartie sein Computer gestohlen wurde, warf ihn das für lange Zeit zurück. Genau wie Carlsen gehört er dem starken Jahrgang 1990 an und verbringt einen guten Teil seiner Freizeit damit, Fußball, Basketball und Tennis zu verfolgen. Insofern helfen ihm die coronabedingten Absagen, sich in Jekaterinburg auf seine Partien zu konzentrieren.

          Online mehr denn je Schach

          Auch das Schachgeschehen ruht großteils. Die Senioren-WM in Prag wurde am Donnerstag abgebrochen. Die Schachbundesliga hat vor dem Wochenende die Saison auf Eis gelegt. Das größte Open der Welt über die Ostertage in Karlsruhe ist abgesagt. Die Planungen für das gleichzeitige Weltklasseturnier mit Carlsen, Caruana und Vachier-Lagrave unter den zehn Eingeladenen gehen aber weiter. Ob Publikum zugelassen wird, muss ja noch nicht entschieden werden. Die Schachliebhaber sind ohnehin online dabei.

          Online wird auch mehr denn je gespielt. Schachserver melden in den letzten Tagen Rekorde. Auch Wettkämpfe werden ins Internet verlegt, wie etwa ein Trainingsturnier des chinesischen Verbands für seine WM-Kandidaten Wang und Ding. Der Weltschachbund hat fürs Festhalten an der Durchführung des Kandidatenturniers einige Kritik eingesteckt. Die zusätzliche Aufmerksamkeit, während ein Großteil des Sports in Zwangspause ist, verspricht, dass dieses Gambit aufgehen wird.

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