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Schach : Jede Menge unverbrauchter Ideen

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Die neue Nummer eins: Magnus Carlsen könnte im Schach eine neue Ära einleiten Bild: AFP

Magnus Carlsen und Garri Kasparow bestimmen das Profischach: Der neunzehn Jahre alte Norweger steht ab 1. Januar an der Spitze der Weltrangliste und könnte eine neue Ära einleiten - dank seines Mentors Garri Kasparow.

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          Vom 1. Januar an führt Magnus Carlsen die Schachweltrangliste offiziell an. Inoffiziell steht er bereits seit November vorne. Vor vier Wochen ist er neunzehn Jahre alt geworden und hat seine Spitzenposition bei einem Turniersieg in London bestätigt.

          Als Carlsen im Februar begann, mit Garri Kasparow zu trainieren, setzten sie sich als erstes Ziel, die Nummer eins zu werden. Das ist sozusagen die offizielle Version. Doch es besteht kein Zweifel, dass der Russe Carlsen zum Weltmeistertitel führen soll. Es ist eine Staffelübergabe mit Verzögerung. Zwanzig Jahre lang hat Kasparow seinen Sport dominiert, sich aber im März 2005 vom Profischach zurückgezogen. Er wollte nicht länger auf eine sportliche Gelegenheit warten, den WM-Titel, den er viereinhalb Jahre zuvor an Wladimir Kramnik verloren hatte, wieder zu erspielen.

          Bis zu seinem Rücktritt führte Kasparow die Weltrangliste an. Seitdem wechselte die Führung mehrmals. Carlsen verspricht wieder Stabilität. Das zu Ende gegangene Jahrzehnt könnte als Interregnum in die Schachgeschichte eingehen, als Zeit des Übergangs zwischen der Ära Kasparow und der Ära Carlsen.

          Der Mentor: Schach-Legende Garri Kasparow

          In London trug der Norweger am Brett Hemden und Sakkos mit Logos neuer Sponsoren. Vier Millionen norwegische Kronen, knapp eine halbe Million Euro, zahlen Arctic Securities und die Kanzlei Simonsen bis Ende 2011. Das Geld ist praktisch komplett für Kasparow bestimmt. Der Russe unterstützt Carlsen aber nicht nur aus finanziellen Motiven. Schach soll wieder international für Schlagzeilen gut sein. Das gehe nur mit einem im Westen geborenen Star, glaubt Kasparow.

          Kasparow waren die Schlagzeilen zum Nostalgieduell peinlich

          Ihre zunächst geheim gehaltene Zusammenarbeit wurde im September bekannt. Ihre damaligen Trainingssitzungen in Oslo dienten ausnahmsweise der Vorbereitung beider. Carlsen flog anschließend nach China. Kasparow stand vor einem Schaukampf mit Anatoli Karpow in Valencia. Dass dieses Nostalgieduell mehr mediale Aufmerksamkeit als jeder andere Schachwettbewerb 2009 bekam, fand Kasparow peinlich und ungerecht. Die Schlagzeilen hätte verdient gehabt, was sein Schüler zur gleichen Zeit in Nanking leistete: Carlsens Resultat dort entsprach 3002 Elopunkten. Weltrekord.

          Carlsen redete sein Ergebnis ein wenig herunter. Seine Gegner seien durch den großen Namen des Mannes, der hinter ihm steht, eingeschüchtert gewesen. Vor jeder Runde berät ihn Kasparow, wie die Partie am besten anzulegen ist. „Er spürt, in welcher Stimmung meine Gegner sind und welche Eröffnung sie wählen werden. Ich kann das gar nicht“, sagt Carlsen.

          Carlsen hat Zugriff auf Kasparows Datenbank

          Er hat unbeschränkten Zugriff auf Kasparows legendenumwobene Datenbank. Sie enthält noch jede Menge unverbrauchte Eröffnungsideen. Eine Variante, mit der Carlsen in Nanking gegen den damals noch die Weltrangliste anführenden Wesselin Topalow ein Remis erreichte, schlummerte bereits seit 1995 in Kasparows Arsenal. Seit er Carlsen betreut, sucht Kasparow wieder in den aktuellen Partien nach neuen Ideen wie zu der Zeit, als er selbst noch aktiv war. Fast täglich findet er Ergänzungen für seine und damit auch für Carlsens Datenbank.

          Nicht nur in Carlsens Eröffnungen spiegelt sich der Einfluss des Mentors. Er spielt weniger pragmatisch, strebt dynamischere Stellungen an und sucht intensiver nach optimalen Lösungen - ganz wie der Maximalist Kasparow. „Mit ihm zu arbeiten ist viel inspirierender als alleine oder mit anderen, weil er einfach so viel weiß“, schwärmt Carlsen. Kasparow sagt: „Mein Ziel ist, dafür zu sorgen, dass er hart arbeitet.“ Carlsen wurden die Schachregeln im Alter von fünf Jahren vom Vater beigebracht, doch das Spiel reizte ihn erst, als er fast zehn war. Das nächste Lebensjahrzehnt brachte dann aber Erfolg auf Erfolg, Großmeister ist er seit 2004.

          Das Fachmagazin „New in Chess“ wollte von Kasparow wissen, ob er sich in dem 27 Jahre jüngeren Norweger wiedererkennt: „Nein, wir sind sehr verschieden. Aber es macht es produktiver, dass sein Schachtalent anders ist als meines. Es erleichtert meine Arbeit, weil wir uns nicht überschneiden. Er lernt von mir etwas, was er nicht von Natur aus schon in sich hat.“ Ein herausragender Stratege mit einem feinen Positionsgefühl sei Carlsen längst. Mit dem dynamischen Schliff, den sein Spiel nun kriegt, bleibe für seine Gegner kein sicherer Hafen mehr.“ Sein Charakter steht vor einer neuen Prüfung, weil er nun als Favorit in alle Turniere geht. Nun erwartet er zu siegen, und in dieser Erwartung wird er siegen.“

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