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Große Aufregung im Schach : „Parasitäre Motive“

  • -Aktualisiert am

Matt im Gerichtssaal: Schachpromoter Ilja Merenzon bekommt recht. Bild: Imago

Der umstrittene Promoter Merenzon will exklusiv Schachpartien übertragen. Einen unliebsamen Konkurrenten hat der russische Veranstalter nun verklagt – mit zweifelhaftem Erfolg.

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          Seit Jahren versucht der russische Schachpromoter Ilja Merenzon mit seinem Unternehmen World Chess durchzusetzen, dass er als Veranstalter Partien exklusiv zeigen kann. Internetseiten, die die Züge von ihm organisierter WM-Kämpfe und Kandidatenturniere ohne Verzögerung übertrugen, verklagte er. Ein Handelsgericht in Moskau und ein Bezirksgericht in New York wiesen seine Klagen zurück. In Paris bekam Merenzon nun erstmals recht. Der Website „ArtdesEchecs.fr“ habe „aus niedrigen parasitären Motiven“ die Früchte von Merenzons Investitionen ausgebeutet, schloss die Dritte Kammer der ersten Sektion des Tribunal Judiciaire de Paris und verurteilte den Betreiber der Website zu einer Zahlung von 50.000 Euro Schadensersatz und 15.000 Euro Gerichtskosten. Merenzons Firma World Chess feiert das als Durchbruch: „Im ersten Urteil seiner Art hat das Gericht erkannt, dass Schachveranstalter ein Eigentumsrecht besitzen und daher die Liveübertragung der Partien exklusiv monetarisieren können und dass darin der wesentliche kommerzielle Wert einer Schachveranstaltung besteht.“

          Das Pariser Urteil lancierte er zunächst über russische Medien. World Chess hat zwar eine englische Postanschrift, die kürzlich von London nach Milton Keynes verlegt wurde, doch Mitarbeiter und Telefonnummern sind ebenso russisch wie die Investoren rund um den Milliardär Igor Rybakow. Von ihnen will Merenzon im Mai 2019 sechs Millionen amerikanische Dollar erhalten haben. Seit Jahren kündigt er an, World Chess an eine Börse zu bringen.

          Stillschweigen vereinbart

          Im Unterschied zu Schachseiten, die Merenzon früher verklagte, hat sich „ArtdesEchecs.fr“ nicht verteidigt. Diese Website bestand nur kurze Zeit und bot kaum Inhalte. Während des WM-Finales 2018 zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana übertrug sie fünf von zwölf Partien mit Kommentaren von Fabien Libiszewski. „Ich wurde korrekt honoriert, aber ich habe nie wieder von meinem Auftraggeber gehört“, sagt der französische Großmeister. Ob jemand für das von ArtdesEchecs.fr angebotene Abomodell bezahlte, weiß Libiszewski nicht.

          Anders als es den Anschein erweckt, steckt hinter der Website kein französisches Unternehmen, sondern ein Mann mit dem Namen Alexander Andreytschenko – mit Büroanschrift in der südrussischen Stadt Belgorod. In russischen Schachkreisen ist Andreytschenko unbekannt. Auf Nachfragen per E-Mail reagierte er nicht. Merenzon teilt mit, dass er mit den Verantwortlichen der Website nach dem Urteil einen Vergleich geschlossen und Stillschweigen vereinbart habe. Dass „ArtdesEchecs.fr“ nur betrieben wurde, damit World Chess einen Rechtsstreit führen und ein günstiges Gerichtsurteil erwirken kann, bestreitet Merenzon vehement. Im Widerspruch zur Pressemitteilung von World Chess behauptet der russische Promoter, „der Präzedenzfall ist mir egal, weil wir die Rechte an künftigen Veranstaltungen nicht haben“.

          Als Organisator glänzte Merenzon meistens nur beim Design. Seine Liveübertragungen waren so schwach, dass sie zuletzt kaum noch Zuschauer anlockten. Die Organisation der WM-Kämpfe und Kandidatenturniere hat ihm der Weltschach-Verband (Fide) inzwischen weggenommen.

          World Chess veranstaltete zuletzt nur noch den Fide-Grandprix der Männer und betrieb die Spielplattform Fide Online Arena auf Grundlage der vom früheren Fide-Präsidenten Kirsan Iljumschinow abgeschlossenen Verträge. Manche glauben, dass Merenzons Firma in Wahrheit Iljumschinow gehöre. Das wird von beiden bestritten. Der neuen Fide-Führung ist er inzwischen lästig. „Merenzon tritt überall so auf, als ob er die geschäftlichen Interessen der Fide vertritt“, sagt ein Funktionär, der nicht namentlich genannt werden will. Ende Juni hat das Fide-Council Präsident Arkadi Dworkowitsch beauftragt, rechtliche Schritte in Angriff zu nehmen, um die Zusammenarbeit mit World Chess zu beenden.

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