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Schach-Großmeister Jan Gustafsson : „Im Pokern ist mehr zu holen als im Schach“

  • -Aktualisiert am

Gustafssons Arbeitsplatz: Im Prinzip ist das Brett ein Relikt aus alten Tagen Bild:

Großmeister Jan Gustafsson ist einer der besten deutschen Schachprofis - und ein Nachtmensch. Doch die goldenen Zocker-Jahre sind vorüber. Nun bereitet er sich mit dem Nationalteam auf die Olympiade in Dresden vor.

          6 Min.

          Jan Gustafssons Denkfabrik ist nicht sehr groß, nur ein paar Quadratmeter. Das Arbeitszimmer in seiner Eppendorfer Wohnung ist zugleich sein Wohnzimmer. Ein weißes Ledersofa steht darin, ein Bücherregal, vollgestopft mit Romanen, Schach- und Pokerliteratur. Fernseher, Stereoanlage, Lautsprecher, DVD-Hüllen. Ein Stuhl, ein Schreibtisch, darauf zwei Aschenbecher, zwei Schachteln Gauloises - und Gustafssons Trainingsgeräte: zwei Bildschirme, die ihn per Internet mit der Schach- und Pokerwelt verbinden und ihm Zugriff auf eine Datenbank mit mehreren Millionen Schachpartien bieten. Jan Gustafsson ist Schachprofi, 29 Jahre alt, Großmeister und Mitglied der deutschen Nationalmannschaft, die in der kommenden Woche bei der Schach-Olympiade in Dresden antritt. Sein Jurastudium wartet auf Fortsetzung, wohl vergebens.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Warum wird ein Hamburger Jung nicht Fußballer beim HSV, wie sich das gehört, sondern Schachprofi?

          Das hat sich so ergeben. Mein Vater hat mir das Schachspielen beigebracht, als ich zehn war. Ein Jahr später sind wir aus Spanien nach Hamburg zurückgekommen, ich bin in den Schachklub und hatte relativ schnell Erfolg. Ich habe in der zehnten Mannschaft angefangen und mich bis zur ersten vorgearbeitet. Ich war deutscher Jugendmeister und kam in die Förderprogramme des Deutschen Schach-Bundes. So ging es immer weiter.

          Heute ist der Computer das Medium, auf dem sich die Figuren bewegen

          Sie haben Teile Ihrer Kindheit in Spanien verbracht?

          Ja, wir sind auf dem Mittelmeer rumgesegelt. Mein Vater war ein sehr guter Segler. Als ich sechs war, ist die ganze Familie losgezogen, und wir sind ein paar Jahre auf einem Elf-Meter-Schiff durchs Mittelmeer gesegelt, Spanien, Frankreich, Türkei, Italien, Griechenland, dann war ich noch zwei Jahre auf einer spanischen Schule, und als ich elf war, sind wir nach Hamburg zurückgekommen.

          Wann haben Sie gemerkt, dass Sie das Zeug zum Großmeister haben?

          Ich habe nie geplant, Großmeister zu werden oder Schachprofi, aber wenn man faul ist und irgendwann merkt, da kannst du sogar ein bisschen Geld damit verdienen, dann ist das ganz verlockend. Es ist ein angenehmer Lebensstil, man kann ausschlafen, reisen.

          Sie würden keine Verantwortung für das übernehmen, was Sie vor 12 Uhr von sich gäben, sagen Sie. Hört sich nach extremem Morgenmuffel an.

          Vor zwölf bin ich selten wach. Das ist sehr verbreitet unter Schachspielern, das sind fast alle Nachtmenschen. Wenn man keinen Grund hat, morgens früh aufzustehen, und keinen Grund, abends früh ins Bett zu gehen, dann verschiebt sich alles in den Morgen. Das ist nichts, worauf ich stolz bin, aber es ist halt so.

          Sie seien ein hervorragender Internet-Schachspieler, heißt es. Was hat es damit auf sich?

          Man kann als Schachspieler viel Zeit im Internet verbringen, man kann in dieser Welt leben, kann spielen, chatten, analysieren, Informationen sammeln. Das kann zur Sucht werden. Ich bin allerdings davon abgekommen, ständig im Internet zu spielen, das bringt einen schachlich nicht weiter. Ich zeige Ihnen mal, wie das geht.

          Gustafsson wählt sich im Internet in einen Schach-Server ein, klickt ein paarmal und hat irgendwo auf der Welt einen Gegner gefunden. Spielzeit eine Minute. Nicht pro Zug, sondern für die ganze Partie. Das virtuelle Schachbrett erscheint auf dem linken Schirm, Gustafsson zieht die erste Figur mit der Maus nach vorn, wie von Zauberhand zieht der Gegner. Ein Zug jagt den nächsten, und als noch zwölf Sekunden auf der Uhr stehen, sagt Gustafsson: Jetzt hat er sich ein bisschen verrannt, und zwei Blitzzüge später gibt der Gegner auf. Ein schneller Sieg.

          Hat Schach durch die Technisierung sein Flair, seinen Zauber verloren?

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