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Schach : Friedensmission am Schachbrett

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Weltmeister Carlsen: das Schach-Leben konzentriert sich auf Sotschi, Baku und den Kaukasus Bild: dpa

Armenien und Aserbaidschan sind zwei Großmächte im Schach. Weltverbandspräsident Iljumschinow will helfen, die politisch verfeindeten Nationen einander wieder näherzubringen.

          Wenig mehr als 100 Kilometer Luftlinie trennen die Orte mit den bedeutendsten Schachwettbewerben, die derzeit stattfinden. In Zachkadsor, einem Ferienort nördlich der armenischen Hauptstadt Jerewan, läuft die Mannschafts-Weltmeisterschaft. Jenseits der Grenze im aserbaidschanischen Ort Schamkir messen sich heimische Größen mit Weltmeister Magnus Carlsen und weiteren Top-Ten-Spielern.

          Dass Europameister Aserbaidschan für die WM abgesagt hat, war zu erwarten. Seit dem blutigen Krieg um Nagornyj Karabach in den frühen Neunzigern beschränken sich Schachkontakte zwischen Aserbaidschan und Armenien auf neutralen Boden. Dass ihre Länder verfeindet sind, ist seit Jahren aber weder Spielern noch Funktionären anzumerken. Auf der internationalen Bühne werden Fairplay und Kollegialität gelebt.

          Auf den ersten Blick wirkt Schamkir wie eine Gegenveranstaltung. Ein Einladungsturnier zu Ehren des im vorigen Jahr mit nur 27 Jahren verstorbenen Spitzenspielers Wugar Gaschimow wurde dort allerdings auch schon 2014 in der zweiten Aprilhälfte ausgerichtet. In Armenien wiederum ist die Mannschafts-WM eine von vielen Veranstaltungen zum Gedenken an den Genozid, der am 24. April 1915 begann.

          Weltverbandspräsident Iljumschinow: Schach als Mittel der Verständigung

          Das zeitliche Aufeinandertreffen hat durchaus sein Gutes. So reiste der Präsident des Weltschachbundes, Kirsan Iljumschinow, freilich wegen der geschlossenen Grenze mit Umweg über Georgien, von Schamkir nach Zachkadsor und konnte auf beiden Seiten Gespräche führen. Offizielle Stellungnahmen sind wegen der aufgeladenen Atmosphäre rund um die Erinnerung an den Armenier-Genozid und die im Winter wieder aufgeflammten Kämpfe an der Grenze von Nagornyj-Karabach zwar nicht opportun. Doch auf Nachfrage teilt Iljumschinows rechte Hand Berik Bagalbajew mit, die Gespräche seien sehr gut gelaufen. Man sei sehr optimistisch, dass beim Weltcup im September in Baku die Armenier dabei sein werden.

          Wenn die Sicherheitsvorkehrungen stimmen

          Ihr Spitzenspieler, der in Berlin lebende Lewon Aronjan, hat schon vor Monaten öffentlich gemacht, dass er in Baku antreten möchte, wenn die Sicherheitsvorkehrungen stimmen. Qualifiziert sind fünf weitere Armenier, zwei von ihnen mit amerikanischem Pass, darunter der 14 Jahre alte Samuel Sevian. Der derzeit jüngste Großmeister der Welt zeigte vor zwei Wochen bei der amerikanischen Meisterschaft eine gewaltige Probe seines Talents durch einen Schwarz-Sieg gegen Wesley So. So ist nicht irgendwer, sondern führt nach vier Runden in Schamkir das Feld vor Carlsen an.

          Wenn armenische Großmeister in Baku Schach spielten, wäre das ein symbolisch wertvoller Schritt auf dem schweren Weg zur Normalisierung zwischen den beiden Nationen. Für Iljumschinow wäre es sein größter Erfolg als Präsident des Weltschachbundes seit der Anerkennung durch das IOC. Seine Beziehungen im Kaukasus sind allseits gut und ungleich besser als die seines Widersachers Garri Kasparow, der als Sohn einer Armenierin in Baku aufwuchs, seine Familie während der Ausschreitungen 1990 nach Russland evakuierte und den Führern in Baku und Jerewan auch als Streiter für Zivilgesellschaft und Demokratie suspekt ist.

          In Armenien ist Schach Pflichtfach an Grundschulen

          Unter Iljumschinow konzentriert sich das offizielle Schach-Leben zunehmend zwischen der südrussischen Stadt Sotschi, wo die vergangenen Einzel-Weltmeisterschaften der Männer und Frauen stattfanden, und Baku. Dort wird ein Jahr nach dem Weltcup 2016 die Schacholympiade folgen. Bei der übernächsten Schacholympiade 2018 ist dann Georgien mit Batumi an der Reihe. In Armenien ist Schach seit 2011 Pflichtfach an den Grundschulen. Aserbaidschan und Georgien ziehen nach, so gut es geht. Armeniens Präsident Sersch Sarkissjan steht zugleich an der Spitze des Schachverbands. Auch der aserbaidschanische Staatschef Ilham Alijew schmückt sich mit Schacherfolgen seiner Landsleute und weiht alle paar Monate eine neue Schachschule ein.

          Sportlich steht man den führenden Schachnationen Russland und Ukraine kaum noch nach. Aserbaidschan ist Europameister. Armenien hat schon dreimal die Schacholympiade gewonnen, die einen noch höheren Stellenwert als die Mannschafts-WM besitzt. In Zachkadsor haben die Ukrainer mit einem Sieg gegen die nominelle Nummer eins, Russland, losgelegt - und wurden gleich darauf von Aronjan und Co. auf den Boden zurückgeholt.

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