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Schach : Erst Anand, dann eine Armee von Kindern

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Nachwachsende Großmeister: Schach ist in Indien weit mehr als nur ein Spiel Bild: REUTERS

In Indien, dem Mutterland des Schachs, wird nach Anands Verlust des WM-Titels spekuliert, welche frühreifen Genies dem Norwegen Carlsen gefährlich werden könnten.

          Nach der Schach-WM stellt Indien nicht mehr den Weltmeister, sondern Norwegen. Doch der nächste Viswanathan Anand - in einem einseitigen Finale gegen den jungen Magnus Carlsen unterlegen - lässt im Mutterland des Schachs wahrscheinlich nicht lange auf sich warten.

          Während des Matches zwischen Anand und Magnus Carlsen wurde in Chennai auch ein Open organisiert. Der 14 Jahre alte Aravindh Chithambaram gewann es vor zwanzig Großmeistern. „In drei Monaten wird Aravindh selbst Großmeister sein“, prophezeit sein Trainer Ramachandran Ramesh, der während der WM als Live-Kommentator fürs Fernsehen und Internet arbeitete. Aravindhs Vater ist gestorben, seine Familie kommt nur knapp über die Runden. Doch seinen Lieblingsschüler trainiert Ramesh kostenlos. Seine Schachakademie hat mehr als genug Schüler aus zahlungskräftigen Familien. Viele Inder investieren derzeit in eine Schachausbildung ihrer Kinder.

          Aravindhs Idol heißt indessen nicht Anand, sondern Magnus Carlsen, dem er während der WM auch die Daumen hielt. Ähnlich wie beim neuen Weltmeister liegt seine Stärke nicht in der Eröffnung, sondern im Endspiel.

          Nie Respekt zeigen

          Als Carlsen im August nach Chennai reiste, um sich am Spielort umzusehen, stellte er sich einer Jugendauswahl des Bundesstaats Tamil Nadu im Simultanschach. Auch Aravindh war dabei und erspielte sich gegen sein Vorbild eine Gewinnstellung. Als alle anderen Partien beendet waren, bot Aravindh aus Rücksichtnahme und Respekt ein Remis an. Carlsen nahm erleichtert an und bedankte sich mit einem Rat: Am Brett nie Respekt zu zeigen - auch nicht gegen einen Spieler seines Kalibers.

          Keine Domäne für Jungs: auch für Mädchen steht das Schachbrett bereit

          Bei dem Simultanspiel unterlag der Weltranglistenerste gegen einen Zehnjährigen namens Ram Arvind. „Es war kein Glückstreffer. Ram hat Carlsen wirklich überspielt“, betont Ramesh. Seine Schüler Ram und Aravindh hält er für die größten Schachtalente Indiens und auf dem Weg an die Weltspitze. Den einen Inder hat Carlsen also besiegt, aber es ist damit zu rechnen, dass bald die nächsten auf ihn warten werden.

          Wie Musik und Mathematik ist Schach eine abgegrenzte Domäne, in der es nicht auf Lebenserfahrung ankommt, sondern auf abstraktes Denken. Das erlaubt es Talenten, früh zu glänzen. Das erste Wunderkind des Schachs war José Raúl Capablanca. Als Zwölfjähriger besiegte er den kubanischen Landesmeister in einem Match und wurde später Weltmeister. Den ersten Hype löste 1920 Samuel Reshevsky aus. Als Achtjähriger tingelte er bereits auf Simultantournee durch die Vereinigten Staaten.

          Schach als Schulfach: In Indien wachsen Talente nach und werden ausgebildet

          Seit einem Vierteljahrhundert kommen immer jüngere Spieler nach oben - so gesehen ist Carlsen, der am 30. November auch gerade einmal 23 Jahre alt wird, nur die Spitze einer globalen Entwicklung. Der wichtigste Grund dafür ist der Computer. Wissen, das früher mühsam aus Büchern und Zeitschriften gesammelt wurde, kann man sich nun mit wenigen Knopfdrücken aneignen. Am Bildschirm lassen sich Partien vielfach schneller als mit Brett und Figuren nachspielen oder auf den kritischen Punkt bringen.

          Von Carlsen ist allerdings bekannt, dass er sich quer durch die Schachbibliothek seines Vaters las. Erst als er schon annähernd das Niveau eines Großmeisters besaß, begann er, mit einer sogenannten Partiedatenbank zu arbeiten. In diesem Punkt der technischen Hilfe war also auch dieser frühreife Meisterspieler eher ein Spätzünder.

          Das Vorbild: der junge Norweger Carlsen wird von vielen jugendlichen Spielern bedrängt

          Wer aber wird nun der nächste Magnus Carlsen? Norwegen verweist auf Aryam Tari. Der Sohn iranischer Einwanderer ist 14 und auf dem Weg zum Großmeistertitel. Bei der Schacholympiade 2014 in Tromsö wird Tari erstmals im norwegischen Team spielen. Für eine Prognose, wie weit er es bringen kann, ist es natürlich noch zu früh - was bei Spielern dieses Alters auch kein Wunder ist. Die jüngsten Weltklassespieler sind derzeit der Italiener Fabiano Caruana, 21 Jahre alt, der auf Rang sechs liegt, und der Niederländer Anish Giri, sogar erst 19, auf Rang zwanzig. In Giris Alter war Carlsen schon zumindest zeitweise die Nummer eins.

          Ferien im Schachinternat in Peking

          Russland ist zwar noch die führende Schachnation, doch die Talentförderung hängt dort mehr von Zufällen und vom Einkommen der Eltern ab. China hat dagegen ein geradezu brutales Ausleseverfahren: Im ganzen Land werden Turniere für Sieben- und Achtjährige organisiert. Sieger, die unter den strengen Augen der Talentspäher bestehen, werden zum Test nach Peking eingeladen. Ist auch diese Auslese geschafft, werden die Kinder ihren Familien regelrecht abgekauft: Sie müssen fortan bis auf ein paar Wochen Ferien im Schachinternat in Peking trainieren. Dafür erhalten die Familien ein monatliches Stipendium ausbezahlt. Mit Anfang zwanzig wird in China nochmals ausgesiebt. Wer dann nicht Nationalspieler ist, bekommt einen guten Job vermittelt. Alles in allem Bedingungen, die in europäischen Ländern zum Beispiel unvorstellbar sind.

          Indisches Straßenvergnügen: Schach mit Helm

          Die steilste Karriere, nimmt man das riesige Reservoir aus China, erwarten viele von Wei Yi. Der 14-Jährige sorgte für Furore, als er im August mit Jan Nepomnjaschtschi und Alexei Schirow zwei Spieler der erweiterten Weltklasse aus dem Weltcup warf. Wei scheiterte erst gegen Schachrijar Mamedscharow, aktuell immerhin die Nummer zehn der Welt - und das auch erst nach ausgeglichen verlaufenen Partien im Stechen. Kürzlich hat er einen Rekord gebrochen: Nie zuvor hatte ein Spieler seines Alters schon über 2600 Elopunkte. Zum Vergleich: In Deutschland wäre Wei damit bereits Nationalspieler. Auf Carlsen und die anderen aus dem Kreis der Besten in der Welt dürfte also noch eine ganze Menge zukommen.

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