https://www.faz.net/-gtl-16jvp

Schach : Diplomaten im Kampf gegen den Filz

  • -Aktualisiert am

Gegen Chaos und Korruption im Weltschachbund: Anatoli Karpow macht mit seinem einstigen Rivalen Garri Kasparow gemeinsame Sache Bild: AFP

Anatoli Karpow und Garri Kasparow, ehemals schärfste Gegner am Brett, wollen gemeinsam den Weltschachbund erneuern. Auch den Deutschen Robert von Weizsäcker unterstützen die beiden russischen Ausnahmespieler.

          3 Min.

          Ihre Rivalität bestimmte die Schach-Agenda der achtziger Jahre. Heute sitzen sie auf der gleichen Seite und bestreiten mit vereinten Kräften eine schachpolitische Partie: Anatoli Karpow will den in Chaos und Korruption abgesunkenen Weltschachbund (Fide) erneuern. Sein vielleicht wertvollster Strippenzieher dabei heißt Garri Kasparow. Freunde sind die ehemaligen Weltmeister, seit der nach einer Anti-Putin-Demonstration verhaftete Kasparow von Karpow im Gefängnis besucht wurde. Dieser Tage sehen die beiden einander fast täglich. Vorigen Freitag erklärte Kasparow dem höchsten Gremium des Russischen Schachverbands mit flammenden Worten, warum Karpow die Nominierung als Kandidat für die Fide-Präsidentschaft verdient. Am Montag gaben sie, assistiert vom neuen Weltranglistenersten Magnus Carlsen, eine Dinnerparty in New York, um von Wall-Street-Größen Geld für Karpows Kampagne zu sammeln. Und an diesem Freitag werden beide zu einem schachpolitischen Gespräch im Berliner ARD-Hauptstadtstudio erwartet.

          Dem deutschen Schach ist Karpow seit den siebziger Jahren verbunden. Als noch nicht abzusehen war, dass ihn sein eigener Verband nominieren würde, hat der Deutsche Schachbund (DSB) das prominenteste Mitglied der Schachvereinigung 1930 Hockenheim vorsorglich als eigenen Kandidaten für die Fide-Präsidentschaft aufgestellt. Im Gegenzug unterstützen Karpow und Kasparow nun Robert von Weizsäckers Bewerbung um den Vorsitz in der Europäischen Schachunion (ECU), die ihr Sekretariat beim Schachbund in Berlin hat. Dass sich der Präsident des von Finanzsorgen und Mitgliederrückgang geplagten nationalen Schachbunds international engagiert, kommt überraschend. Es war nicht seine eigene Idee, räumt von Weizsäcker ein, zumal er als Professor für Volkswirtschaftslehre an der TU München eigentlich ausgelastet sei. Der Anstoß kam von Kasparow, der ihn vor einigen Wochen anrief.

          Schach als Türöffner in der Politik

          Die ECU plagen ähnliche Probleme wie die Fide, so von Weizsäcker: „Es ist nicht transparent, nicht demokratisch und nicht glaubwürdig.“ Das organisierte Schach habe zuletzt mehr den Funktionären gedient als den Spielern. Um das zu ändern, kandidiere er mit einem Team prominenter Großmeister: dem früheren WM-Herausforderer Nigel Short, dem bosnischen Spitzenspieler Ivan Sokolov und dem früheren WM-Kandidaten und heutigen Juristen Johann Hjartason. Eine Mehrheit für transparente Verhältnisse ist unter den europäischen Verbänden eher zu erreichen als weltweit. ECU und Fide wählen ihre Präsidenten beide Anfang Oktober bei der Schacholympiade in Chanty-Mansijsk. Die Veranstalter in der sibirischen Ölstadt stehen allerdings auf Seiten des amtierenden Fide-Präsidenten, Kirsan Iljumschinow aus Kalmückien, und des Spitzenfunktionärs des Russischen Schachverbands, Arkadi Dworkowitsch. Viele Delegierte aus ärmeren Ländern werden die Reise nur antreten, wenn der Kandidat, dem sie ihre Stimme versprechen, die Rechnung übernimmt.

          „Es ist nicht transparent, nicht demokratisch und nicht glaubwürdig”: Robert von Weizsäcker will die Europäische Schachunion verbessern

          Karpows Bewerbung wäre chancenlos, hätte er nicht mit knapper Mehrheit die russische Nominierung erhalten. Als sich Iljumschinows Anhänger vor der Abstimmung in der Minderheit sahen, boykottierten sie die Sitzung. Dworkowitsch will den Beschluss mit rechtlichen Mitteln zu Fall bringen. Macht hat er, denn er zählt zum engsten Führungsteam um Präsident Medwedjew. Mit Iljumschinow vereinen ihn geschäftliche Interessen: Dworkowitschs Frau Sumrud Rustamowa hält Vorstands- und Aufsichtsratsposten in Unternehmen, denen auch der Fide-Präsident verbunden ist. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger bedient sich Iljumschinow nicht aus den Kassen des Weltverbands, sondern schüttet eigenes Geld über den Funktionären aus. Für den russischen Multimillionär und Provinzgouverneur ist Schach sowohl Türöffner in der Politik als auch Sprungbrett für oft undurchschaubare Geschäfte. Höchste Fide-Wettbewerbe fanden in Libyen, Iran und als unsicher geltenden Orten im Kaukasus statt, oder ihre Ausrichtung wurde für Schmiergelder verhökert. Unter seiner Führung kam es zu einer Vielzahl willkürlicher Regeländerungen, die Spieler und Sponsoren verprellt haben.

          Wenn Karpow und Kasparow den Kalmücken nun als Zerstörer des Schachs brandmarken, haben sie auch etwas gutzumachen. Als Kasparow 1994 die in Thessaloniki geplatzte Schacholympiade kurzfristig in Moskau organisierte, brachte er Iljumschinow als Sponsor erstmals ins Spiel. 1995 konnte der damals außerhalb Russlands nahezu Unbekannte beim Fide-Kongress in Paris über Nacht Nachfolger des wegen Veruntreuung zurückgetretenen Florencio Campomanes werden, weil Karpow eigens anreiste, um sich für ihn stark zu machen. Und von den Millionen, die Ijumschinow seitdem ins Schach butterte, kassierte kein Spieler so viel wie Karpow.

          Weitere Themen

          BVB ohne Kapitän Reus nach Mailand

          Champions League : BVB ohne Kapitän Reus nach Mailand

          Beim schweren Spiel gegen Inter Mailand muss Borussia Dortmund auf Marco Reus verzichten. Der Kapitän fehlte beim Abflug nach Italien. Ein zuletzt ausgebooteter Spieler ist jedoch wieder im Kader.

          Topmeldungen

          Sicherheitszone in Syrien : Kramp-Karrenbauer auf Konfrontationskurs

          Die Verteidigungsministerin fordert eine internationale Schutzzone in Nordsyrien – und schließt auch den Einsatz deutscher Soldaten dabei nicht aus. Damit irritiert sie die SPD und vor allem Außenminister Maas. Die Kritik lässt nicht lange auf sich warten.

          Google Pixel 4 XL im Test : Unter dem Radar

          Google probiert im Pixel 4 einen neuen Sensor aus. Mit Hilfe von Radartechnologie lasst sich das Smartphone berührungslos steuern. Auch die Kamera überzeugt mit einer neuen Funktion.
          Armutszuwanderung: Der Versuch, Kinder von Migranten durch Kinderstuben und Auffangklassen besser zu integrieren, gelingt nicht immer. Es ist vor allem schwer, die Eltern einzubeziehen.

          Ein Lehrer berichtet : Integration durch die Schule?

          Anspruch und Wirklichkeit entlang des A-40-Äquators: In Duisburg sollen die Eltern von Einwandererfamilien stärker in den Bildungsprozess ihrer Kinder einbezogen werden. Funktioniert das? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.