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Wirbel im Schach : Die Reizfigur soll fortbleiben

  • -Aktualisiert am

Hat mit Kritik nie hinter dem Berg gehalten: Arkadi Naiditsch, der in Deutschland zur Spitze gehören würde. Bild: Picture-Alliance

Zehn Jahre lang war er die Nummer eins im deutschen Schach: Die Funktionäre des Deutschen Schachbundes lehnen eine Rückkehr von Großmeister Arkadi Naiditsch dennoch ab.

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          Als Deutschland 2011 Europameister wurde, spielte Arkadi Naiditsch am Spitzenbrett. Bis auf Platz 18 der Weltrangliste brachte er es. Zweimal besiegte er den heutigen Weltmeister Magnus Carlsen. Zehn Jahre lang war er die Nummer eins im deutschen Schach. Sportlich war er unumstritten. Mit den Funktionären lag er im Dauerclinch. Weil er vom Deutschen Schachbund nie die Förderung bekam, die er sich erhoffte, zog er 2015 nach Baku und spielte fortan für Aserbaidschan.

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          Inzwischen ist sein Vertrag mit dem dortigen Schachverband ausgelaufen, und Naiditsch möchte wieder unter deutscher Flagge spielen. Gegenüber dem Schachblog „Perlen vom Bodensee“ machte der 35 Jahre alte Großmeister bekannt, dass ihn der Deutsche Schachbund abgelehnt hat, ohne ihm eine Begründung zu nennen. Auf Nachfrage der F.A.Z. teilte Präsident Ullrich Krause mit: „Wir haben im Präsidium über den Antrag beraten und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass wir in einer Gesamtschau der sportlichen und persönlichen Bewertungskriterien dem Wunsch von Arkadi Naiditsch nicht entsprechen. Das Ergebnis wurde ihm danach mitgeteilt. Wir haben eine starke Nationalmannschaft.“

          Um einen Platz im Nationalteam gehe es ihm jetzt gar nicht, erklärte Naiditsch. Der gebürtige Rigaer kam als Kind nach Dortmund und wurde im Alter von 19 Jahren eingebürgert. Seit 25 Jahren ist er ununterbrochen Mitglied in deutschen Schachvereinen. „Dass sie mir jetzt verbieten, unter deutscher Flagge zu spielen, ist krass. Ich nehme mir einen Anwalt und lasse erst mal prüfen, ob sie es mir verbieten dürfen“, kündigte Naiditsch an.

          Einhelliges Echo

          In seinem Mail-Austausch mit Schachbund-Präsident Krause ging es in erster Linie um die Kosten eines Verbandswechsels. 2015 kassierte der Schachbund für ihn 30.000 Euro Ablöse. Der Verband Aserbaidschans habe nun in zwei Briefen klargestellt, dass er ablösefrei zurückkehren dürfe. Dazu fallen noch Transfergebühren beim Schach-Weltverband an, doch die seien von Krause nie thematisiert worden. Nötigenfalls zahle er diese Gebühren aus eigener Tasche, betont Naiditsch.

          Von den Vorstandsmitgliedern, die nun gegen ihn entschieden haben, kennt er niemanden persönlich. Mit keinem von ihnen ist er in der Vergangenheit aneinandergeraten. Etwa fünf Minuten dauerte sein einziges Telefonat mit dem Präsidenten des Schachbundes. Krause antwortete der F.A.Z., er habe mit zehn Personen gesprochen, die früher mit Naiditsch zu tun hatten. Was sich daraus für die „persönlichen Bewertungskriterien“ ergab, darüber hüllt er sich in Schweigen. Ein Profi scheint nicht unter den von Krause Befragten gewesen zu sein, das Echo dafür einhellig.

          „Habe sicher viele Fehler gemacht“

          Naiditsch nahm nie ein Blatt vor den Mund, wenn er Ehrenamtlichen vorwarf, dass sie den von ihm professionell ausgeübten Sport bewarben und organisierten, als wäre Schach ein Hobby. Als einer der von ihm angegriffenen Funktionäre, der frühere Richter und Bundesspieldirektor Ralph Alt, dem damaligen deutschen Spitzenspieler 2011 eine Abmahnung schickte, glaubte er zunächst „an einen schlechten Scherz“. Naiditsch zahlte und sagte rückblickend: „Ich habe immer gesagt, was ich denke, aber ich habe nie an die Form gedacht und hätte vieles besser ausdrücken können. Ich habe sicher viele Fehler gemacht.“

          Einen Manager hatte er nie. Kein Team, wie es aus seiner Sicht nötig ist, um überhaupt eine realistische Chance zu haben, sich unter den besten zehn der Welt zu etablieren. Bei seinen aserbaidschanischen Teamkollegen Schachrijar Mamedscharow und Teimur Radschabow, mit denen er seit Kindestagen befreundet ist, sah er die professionelle Förderung, die er vermisste. In Baku hielten es Naiditsch und seine damalige Frau, die israelische Spitzenspielerin Yuliya Shvaiger, allerdings nur ein Dreivierteljahr aus. Um seinen Vertrag zu erfüllen, reichte es ohnehin, seine Einsätze für das Nationalteam Aserbaidschans zu absolvieren.

          Zunächst übersiedelten sie nach Budapest, wo die Firma Chess Evolution ihren Sitz hat. Naiditsch gründete sie vor zehn Jahren gemeinsam mit polnischen und französischen Spielerkollegen als Verlag. Inzwischen produziert sie auch elektronisches Spielzubehör und gehört ihm allein. Von Budapest zog das Paar weiter nach Israel. Nach der Scheidung hat sich Naiditsch in Thessaloniki eingerichtet. Wenn er während der Pandemie schon fast keine Turniere bestreiten könne, wolle er wenigstens am Meer und bei schönem Wetter leben.

          „Das sehe ich ganz sportlich“

          Derzeit beschäftigt ihn der Umzug seiner Firma nach Griechenland. Während Weltklasseturnieren wie kürzlich in Wijk aan Zee oder in der vergangenen Woche online die Meltwater Champions Chess Tour kommentiert er die Spiele auf Twitch. Dauerhaft auf der Streamingplattform sein Geld zu verdienen, wie es der amerikanische Profi Hikaru Nakamura vormacht, schwebe ihm allerdings nicht vor. „Corona geht vorbei. Ich will wieder spielen.“

          Damit meint er auch irgendwann wieder für Deutschland. Nach zuletzt schwächeren Resultaten wäre Naiditsch derzeit die Nummer vier, doch Matthias Blübaum, Alexander Donchenko und Liviu-Dieter Nisipeanu haben aktuell nur ein bis zwei Dutzend Elopunkte mehr. „Das sehe ich ganz sportlich. Wenn die anderen Spieler mich nicht wollen, was ich nicht glaube, oder wenn man das Team verjüngen will, akzeptiere ich das.“

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