https://www.faz.net/-gtl-73plh

SC Magdeburg : Aufbruch mit Hindernissen

  • -Aktualisiert am

Durchschlagskraft am Kreis: Der SC Magdeburg strebt in kleinen Schritten nach oben Bild: picture alliance / dpa

Trainer Frank Carstens kam zum SC Magdeburg, als den Handball-Bundesligaklub 1,2 Millionen Euro negatives Eigenkapital drückten. Innerhalb von drei Jahren hat der Traditionsverein seine Verbindlichkeiten deutlich gesenkt - und strebt in kleinen Schritten wieder nach oben.

          3 Min.

          Frank Carstens hat sich damals im Winter 2009 genau überlegt, ob der Wechsel vom betulichen, aber gut betuchten TSV Burgdorf zum heruntergewirtschafteten SC Magdeburg die große Chance oder das große Risiko seines Lebens sein würde.

          Als Handballtrainer hatte Carstens bis dahin vor allem im Regionalen gearbeitet, sich dann als Jahrgangsbester des Trainerlehrgangs 2009 einen Namen gemacht und mit dem Aufsteiger aus Burgdorf ein paar Ausrufezeichen gesetzt. Man muss auch wissen, dass gute deutsche Handballtrainer eine rare Spezies sind, um zu verstehen, warum der ruhmreiche SC Magdeburg auf Carstens kam. Der SCM steckte mitten in der schwierigen Sanierung, als er die Fühler nach Carstens ausstreckte.

          „Wir waren faktisch insolvent“

          Die Altlasten aus der Hochpreis-Ära des ehemaligen Managers Bernd-Uwe Hildebrandt drohten den Traditionsklub aus Sachsen-Anhalt zu ersticken. „Wir waren faktisch insolvent“, sagt Geschäftsführer Marc-Henrik Schmedt rückblickend. Doch seit Schmedt zusammen mit dem ehemaligen Profi Steffen Stiebler die Geschäfte führt und Carstens die Mannschaft betreut, geht es wieder aufwärts mit den Magdeburgern. Die drei Männer stehen für den neuen SCM: in kleinen Schritten zurück zu alter Stärke. Carstens sagt: „Das Etikett Traditionsklub war es damals nicht allein, das mich bewogen hat, hier zu unterschreiben. Ich hatte einfach ein gutes Bild vom Klub. Da wurden keine Luftschlösser gebaut. Die Gesundung steht über allem. Diesen Weg wollte ich mitgehen.“ Die ruhmreiche Vergangenheit und die daraus abgeleiteten Erwartungen habe er „vom ersten Tag an“ gespürt, sagt der 41 Jahre alte Coach: „Da habe ich schon mal geschluckt. Ich kam ja als unbekannter Trainer.“

          Assistent des Bundestrainers: der Magdeburger Coach Frank Carstens

          1,2 Millionen Euro negatives Eigenkapital drückten den SCM zu Beginn der Saison 2009/2010. Schmedt und sein Team haben die Verbindlichkeiten auf 450.000 Euro gesenkt. In zwei Jahren sollen die Altlasten abgetragen sein; Überschüsse erzielt die GmbH jetzt schon - die Hälfte davon fließt in den Kader, die andere in die Schuldentilgung. Schmedt kam 2010 von der Landesinvestitionsbank Sachsen-Anhalt. Er will nicht nur Sparkommissar sein: „Bei unserer Historie muss es unser Ziel sein, in zwei bis drei Jahren um die Champions-League-Qualifikation mitzuspielen.“

          Carstens’ Augen strahlen bei solchen Sätzen. Zu gern würde er mit dem SCM an die großen Erfolge wie den Triumph in der europäischen Königsklasse 2002 anknüpfen. Allerdings ist der Weg in dieser Saison, in der die kreuzbandverletzten Rückraumschützen Jure Natek und Fabian van Olphen bald zurückkehren, steiniger als erwartet: Jüngst verlor der SCM 24:26 gegen die HSG Wetzlar - eine unerwartete Niederlage. Mutig hatten Carstens und Schmedt vor der Saison den fünften Platz als Saisonziel angegeben. Das zu erreichen hieße, einen der großen fünf aus Kiel, Mannheim, Berlin, Hamburg und Flensburg hinter sich zu lassen. Da war Wetzlar eine böse Überraschung für das Team, das heute Abend in der dritten Runde des DHB-Pokals beim Ligakonkurrenten Frisch Auf Göppingen (20.15 Uhr) antritt.

          Doch einzelne Rückschläge sollen das große Ganze in der Landeshauptstadt nicht mehr gefährden. Schmedt und Carstens stehen für eine neue Solidität, die dem SCM in den turbulenten Jahren 2007 bis 2010 völlig abging. Da galt „hire and fire“ auf allen Positionen; das treue und sachkundige Publikum in der Bördelandhalle wandte sich mit Grausen ab. Der Tiefpunkt war in der Saison 2009/2010 erreicht: Rang elf, die schlechteste Plazierung, seit der SCM in der Bundesliga spielt. Nur noch 4.300 Fans kamen im Schnitt. Für diese Saison hat Schmedt allein 3000 Dauerkarten verkauft. Mit den drei Millionen Euro, die der SCM für seine Handballprofis ausgibt, befindet sich der Klub im oberen Drittel der Bundesliga.

          2013 kommt Nationalspieler Haaß

          Carstens hat dafür gesorgt, dass die traditionell abwehrstarke Mannschaft das Publikum wieder begeistert. Trotz einer Flut von Verletzungen wurde der SCM in der vergangenen Spielzeit Siebter und qualifizierte sich für den neuen EHF-Pokal. Carstens sagt: „Viele Spieler, für die wir uns interessieren, sagen, sie wollen im Europapokal spielen. Auch deswegen müssen wir es anbieten können.“ Auf dem Transfermarkt haben die Magdeburger zuletzt vergleichsweise spektakulär zugegriffen In Stefan Kneer und Moritz Schäpsmeier kamen im Sommer zwei deutsche Nationalspieler vom TV Großwallstadt. Für 2013 schnappte sich Schmedt den Göppinger Nationalspieler Michael Haaß. Dem SCM kommt eben zugute, dass Carstens als Assistent des Bundestrainers Martin Heuberger arbeitet.

          Ein Nationalspieler für Magdeburg: Rückraum-Ass Stefan Kneer

          Mit der Bördelandhalle, dem Nachwuchsinternat und den ausgeprägten Spitzensportstrukturen in der Stadt verfügte der SCM über „beispielhafte Rahmenbedingungen“, sagt Carstens schwärmerisch. Trainer und Manager wissen, dass ihr Klub aus einer großen Brache herausragt, was die Sportspiele betrifft. „Dynamo Dresden, die Eisbären Berlin und wir sind nun mal die sportlichen Aushängeschilder des Ostens“, sagt Schmedt. Dass die Erwartungen in Magdeburg groß sind, spüren die beiden Macher jeden Tag. Carstens sagt: „Die Leute hier fragen ja nicht, ob wir bald wieder Champions League spielen, sondern wann.“

          Weitere Themen

          Rhein-Derby vor leeren Rängen Video-Seite öffnen

          Düsseldorf gegen Köln : Rhein-Derby vor leeren Rängen

          Am Wochenende trifft Fortuna Düsseldorf auf den 1. FC Köln. Doch auch das Rhein-Derby muss in dieser Saison ohne die Fans stattfinden. Doch auch als Geisterspiel sei das Aufeinandertreffen der beiden Vereine etwas Besonderes, wie beide Trainer beteuerten.

          Die Mainzer Not im Keller wird größer

          1:1 bei Union Berlin : Die Mainzer Not im Keller wird größer

          Der Düsseldorfer Sieg passt dem FSV gar nicht ins Konzept im Kampf gegen den Abstieg. Trotz eigener Führung und langer Überzahl gelingt den Mainzern dazu bei Union Berlin nur ein Unentschieden.

          Topmeldungen

          Unser Autor: Martin Benninghoff

          F.A.Z.-Newsletter : School’s out forever?

          Corona sorgt nicht nur für entkräftete Eltern und Lehrer: Die Gefahr, dass Bildungsdefizite mancher Kinder größer werden, wächst mit jedem Tag. In China spitzt sich die Hongkong-Frage am Donnerstag zu. Der F.A.Z. Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.