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Schwimmerin Sarah Köhler : Neue Reize gegen den alten Trott

  • -Aktualisiert am

Flink unterwegs mit neuer Technik: Sarah Köhler Bild: dpa

Sarah Köhler stellt ihre Technik um und kann das Wasser jetzt „richtig anfassen“. Das ist mühsam und nicht ohne Risiko. Doch bei der WM lohnt sich der Aufwand schon.

          Rund 35 Züge pro Minute, etwa 2000 pro Stunde. Man gibt schnell auf, möchte man ausrechnen, wie viele Kraularmzüge Sarah Köhler wohl in zehn Jahren Leistungssport gemacht hat. Warum die Mühe? Weil die Schwimmerin seit einigen Monaten versucht, ihre Technik auf eine ökonomischere Variante umzustellen. Also das, was sich in Abermillionen Versuchen perfektioniert hat, neu zu denken – und auszuführen. Sarah Köhler ist im vergangenen Sommer von Heidelberg nach Magdeburg gewechselt. Weil dort ihr Freund Florian Wellbrock trainiert, aber auch, um neue Reize zu setzen, wie es in der Sportlersprache heißt. Und im Zuge dessen habe sie gemeinsam mit Trainer Bernd Berkhahn einfach mal „den ganzen Schwimmerkörper umgemodelt“, wie die WM-Zweite über 1500 Meter Freistil sagt. Dieses Silber ist die bislang einzige Medaille für den Deutschen Schwimmverband (DSV) bei den Beckenwettbewerben der Weltmeisterschaft in Gwangju. Und damit, dass Köhler dieses Edelmetall holt, hatte selbst ihr Trainer nicht unbedingt gerechnet.

          Sarah Köhler hatte dem DSV schon bei den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro 2016 eine von nur sieben Finalteilnahmen beschert, gehörte im Jahr darauf jedoch zu den Leidtragenden der harten Normen für die Weltmeisterschaften in Budapest. Stattdessen schwamm sie wenig später bei der Universiade über 1500 Meter Freistil als erste Deutsche unter 16 Minuten, brach über 400 Meter zudem den 18 Jahre alten deutschen Rekord von Anke Möhring. Möhring ist es auch, die jene zweitälteste Bestmarke hält, die Köhler an diesem Samstag im Finale über 800 Meter Freistil angreifen möchte: Diese 8:19,53 Minuten aus dem Jahr 1987 liegen genau eine Sekunde über Köhlers Bestzeit.

          Seit diesen Rekorderlebnissen hakte Köhler immer neue Ziele auf ihrer Liste ab. Im Dezember 2017 gab es mit Gold (800 Meter) und Silber (400 Meter) die ersten internationalen Erfolge, die erste Medaille auf der Langbahn kam bei der EM in Glasgow dazu. Doch diese Silbermedaille über 1500 Meter konnte nur schwer über den verpassten, eigentlich angepeilten Podiumsplatz über 800 Meter hinwegtrösten. Neue Reize mussten also her. In Magdeburg haben sie deshalb die wöchentlichen Umfänge um ein Drittel, also gut 20 Kilometer, erhöht und das Krafttraining ausgebaut, an der Rumpfkraft gearbeitet, daran, die immer wieder Probleme bereitende Schulter zu stärken. Die größte Schwierigkeit aber bereitet die Umstellung der Technik, genauer gesagt: des Armzuges.

          „Es geht darum, dass sie das Wasser richtig anfassen kann“, erklärt Berkhahn. Dazu muss der Winkel des zuvor immer gestreckten Arms angepasst werden, um dann mit weniger Kraft den maximalen Vortrieb zu erreichen. „Wir versuchen, dass ich ein bisschen lockerer mit den Armen bin und nicht so verkrampft schwimme“, sagt Köhler. Nun ist es aber so, dass das Lernen im Alter sehr viel schwerer fällt als in Kindheit und Jugend. Dass Sarah Köhler sich selbst als wenig geduldig bezeichnet, macht die tägliche Arbeit nicht einfacher. „Am liebsten sollte es direkt klappen“, sagt die 25-Jährige. Stattdessen falle sie immer wieder in den alten Trott zurück. Im Wettkampf, wenn die Frequenzen höher werden, könne sie das neue Muster noch nicht „eins zu eins abrufen“. So wie in den beiden 1500-Meter-Starts bei der WM. Ihr Silber-Rennen hatte sich „schlimm“ angefühlt, sagte Köhler. „Das frustriert dann schon manchmal.“

          „Wir haben unheimlich viele Baustellen aufgemacht“, sagte Berkhahn wenige Wochen vor der WM. Tatsächlich schien auch der Trainer überrascht davon, dass Köhler, die in der Vorwoche bereits Gold mit der Freiwasserstaffel gewinnen konnte, über die 1500 Meter ihren deutschen Rekord um rund zehn Sekunden verbessern konnte: „Für mich war es das Ziel, Sarah bis zur WM an ihre Bestzeit heranzuführen.“ Berkhahn, gleichzeitig Teamchef der deutschen Schwimmer, muss es ohnehin ratlos stimmen, dass jene Schwimmerin, die gerade so große Veränderungen mitmacht, in Gwangju in Rekordzeiten zu Silber schwimmen konnte, während die eigentlich bestens vorbereiteten Medaillenkandidaten Franziska Hentke und Florian Wellbrock deutlich unter ihren Möglichkeiten geblieben sind. Die neue Sarah Köhler bekommt an diesem Samstag noch einmal die Möglichkeit, zu zeigen, was sie gelernt hat.

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