Kämpfen gegen Russinnen? : Leonie Eberts moralisches Dilemma mit Florett
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Kampf im Inneren: Leonie Ebert Bild: REUTERS
Die deutsche Fechterin Leonie Ebert könnte bei den Olympischen Sommerspielen in Paris einen Coup landen. Ihren größten Kampf hat sie jedoch mit ihrem Gewissen.
„Von meinen Werten her bin ich mit der Situation nicht zufrieden“, stellt Leonie Ebert klar. Die 23 Jahre alte Florettfechterin aus Würzburg befindet sich vor der anstehenden Olympia-Qualifikation in einem Dilemma. Kämpft sie auf der Fechtbahn gegen russische Konkurrentinnen, verstößt sie gegen ihren eigenen moralische Kompass. Kämpft sie nicht, verliert sie ihre Chancen, in Paris 2024 auf der ganz großen Bühne zu fechten – und das mit realistischen Medaillenchancen.
Leonie Ebert rangiert in der aktuellen Weltrangliste des Internationalen Fechtverbandes (FIE) auf Platz vier. Bei den Europameisterschaften im vergangenen Juni in Antalya gewann sie gegen stärkste Konkurrenz den Titel. Leonie Ebert setzte sich im Finale gegen die zweimalige Weltmeisterin Arianna Errigo aus Italien durch und hatte zuvor deren Teamkollegin, die frühere Titelträgerin Alice Volpi im Halbfinale besiegt. Zudem gewann sie gemeinsam mit Anne Sauer, Leandra Behr und Kim Kirschen Bronze im Teamwettbewerb.
Den größten Kampf ficht die für den FC Tauberbischofsheim kämpfenden Sportsoldatin, die als Hauptgefreite in der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Mainz angestellt ist, derzeit in ihrem Inneren aus. „Wie gehe ich damit um?“ lautet die Frage, die sie vor dem Florett-Weltcup am Wochenende in Plowdiw (Bulgarien) umtreibt. Von der FIE fühlt sie sich dabei im Stich gelassen.
Der vom russischen Oligarchen Alisher Usmanow lange Jahre geführte und immer noch finanziell abhängige Verband hatte frühzeitig eine Entscheidung für die mögliche Rückkehr russischer Sportler getroffen. Wenn auch unter der Bedingung der Einzelfall-Prüfung. Damit hatte der Verband zunächst einen Proteststurm der Athleten und die kurzfristige Absage des Weltcups in Posen ausgelöst. Auch die im Rahmen der European Games angesetzte Europameisterschaft im Juni in Krakau ist fraglich.
„Wir müssen uns vorbereiten, als wäre alles normal“, sagt Ebert, die die „herausfordernde Situation“ in ihrer Kampfsportart beklagt – und sich darüber ärgert, dass es von der sportlichen Führung keinen Handlungsleitfaden gibt. Die Entscheidung wird auf die einzelnen Athletinnen abgewälzt: „Es ist gerade eine stressige Phase“.
„Ein Boykott ist keine Option“
Stand jetzt sind am Wochenende in Plowdiw die ukrainischen Fechterinnen gemeldet, die russischen noch nicht. Doch bei ihnen wird einzeln geprüft, ob sie teilnahmeberechtigt sind, ob sie sich womöglich für den Krieg in der Ukraine ausgesprochen haben? „Faktisch sind so gut wie alle russischen Fechter Armeeangehörige“, sagt Leonie Ebert: „Sie haben alle schon Fotos von sich in Uniform gepostet. Die Frage ist: Wie reagiert der Weltverband?“
Lässt er einzelne Russinnen antreten, würden sich die Ukrainer zurückziehen. „Die Ukrainer sind die Leidtragenden“, steht für Ebert fest. Die aber dennoch kämpfen würde. „Wenn ich meinen Traum von Olympia verfolgen will, habe ich keine andere Wahl“. Als politische Demonstration anzusehende Sympathie-Bekundungen wie ein blau-gelbes Zeichen an der Kleidung wäre dabei noch nicht mal erlaubt.
Ein Nebeneffekt der volatilen Ausgangslage sind die ungeklärten Fragen bezüglich der Doping-Kontrollen bei russischen Sportlern. Leonie Ebert wägt ihre Argumente sorgfältig ab, so wie sie sich auch im Rahmen der Biebricher Schlossgespräche in der vergangenen Woche nachdenklich zeigte. Sie kommt aber dennoch zum Schluss für Olympia: „Fechten ist mein Beruf. Ein Boykott ist keine Option.“ Zehn Jahre ihres Lebens hat sie in diesen Traum investiert.
Schon bei den Spielen in Tokio 2021 konnte sie einmal reinschnuppern – qualifizierte sich als einzige deutsche Fechterin überhaupt und erreichte immerhin das Achtelfinale. Dort verlor sie noch knapp gegen Volpi, die sie ein Jahr später bei der EM schon besiegen konnte. Die Zeit spricht dafür, dass die Fränkin in Frankreich 2024 einen großen Coup landen könnte – doch das unauflösbare Dilemma, in das sie der Fechtverband gestürzt hat, kämpft mit.