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Leichtathletik : Aufräumen nach russischer Art

Sieger in Athen: Juri Borsakowski, Olympiasieger von 2004, soll die russische Leichtathletik retten Bild: Picture-Alliance

Der ehemalige Mittelstreckler Juri Borsakowski könnte neuer Cheftrainer der russischen Leichtathleten werden. Auf ihnen wartet die schwere Aufgabe, eine Zukunft nach den Dopingskandalen zu managen.

          3 Min.

          Die Leichtathletik braucht dringend neue Gesichter. Eines könnte das von Juri Borsakowski sein. Er soll Cheftrainer des angeschlagenen russischen Leichtathletik-Verbandes werden. Der Olympiasieger über 800 Meter von 2004 unterhielt als Läufer das Publikum damit, dass er meist die erste Runde seines Rennens verbummelte und auf der Gegengeraden der zweiten gen Spitze zu spurten begann. Manchmal, wie bei den Sommerspielen von Athen, ging das gut. Borsakowski gewann auch die Hallen-Weltmeisterschaft 2001 in Lissabon sowie die Europameisterschaft 2012 in Helsinki; bei den Olympischen Spielen von Peking und von London schied er im Halbfinale aus. Bei Weltmeisterschaften gewann er zweimal Silber und zweimal Bronze. Nach russischen Zeitungsberichten haben sich Verband und Regierung noch nicht für ihn entschieden; im Rennen ist auch Natalia Iwanowa, ehemalige 400-Meter-Läuferin und Trainerin in Moskau.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der Posten wurde am Freitag vakant. Flankiert von einer Reihe aktueller Doping-Fälle, musste Walentin Maslakow gehen, der siebzig Jahre alte Cheftrainer des Verbandes. 1968 war er Sprinter in der sowjetischen Auswahl bei den Olympischen Spielen von Mexiko. In der Woche seines Rücktritts waren eine Handvoll Geher aufgeflogen, darunter drei Olympiasieger; am Wochenende folgten die Siebenkämpferin Tatjana Tschernowa und Hindernis-Olympiasiegerin Julia Zaripowa. Als „mannhaft“ lobte Verbandspräsident Walentin Balachnitschew den Rücktritt; für die Doping-Bekämpfung sei Maslakow gar nicht zuständig und übernehme dennoch die Verantwortung. Damit dürfte Balachnitschew umrissen haben, wie er seinen eigenen Rücktritt verstanden wissen will, der am 17. Februar bei einer Sitzung des Verbandspräsidiums bevorsteht.

          Forderung des Sportministers

          Ausgelöst, vermutlich sogar verlangt hat die Rücktritte Sportminister Witali Mutko. Noch im Sommer beklagte er die mangelnden Erfolge der russischen Leichtathleten; sie hatten bei der Europameisterschaft in Zürich lediglich drei Titel gewonnen und lagen damit im Medaillenspiegel hinter Großbritannien (12), Frankreich (9) und Deutschland (4) gleichauf mit den Niederlanden. Nun sieht er, seit Russland systematisches Doping und Korruption vorgeworfen wird und die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und der Weltverband IAAF mit groß angelegten Kontrollen und Ermittlungen darauf zu reagieren scheinen, den Ruf des russischen Sports gefährdet. Am Tag vor Maslakows Rücktritt hatte Mutko angekündigt, einen Anti-Doping-Beauftragten der russischen Regierung zu berufen.

          Man weiß gar nicht, woher die Leichtathletik, insbesondere die russische, all die neuen Gesichter, all die unbelasteten Vorkämpfer eines sauberen Sports nehmen soll, welche als Anti-Doping-Beauftragter oder an der Spitze des Leichtathletik-Verbandes den unbedingten Erfolg von Putins Reich mit sportlichem Anstand verbinden. Wer soll einem Sport, in dem Kindern und Jugendlichen schon zu Anfang ihrer sportlichen Laufbahn eingebleut wird, dass selbst mittelmäßige Leistungen nur mittels muskel- und blutbildender Substanzen erreichbar sind, eine Basis von Fairness und Sauberkeit geben? Auch an der Spitze des Weltverbandes, in dem Schatzmeister Balachnitschew derzeit seit Amt ruhen lässt, angeblich bis zu jenem Tage, an dem sein Ruf wiederhergestellt ist, wird vertrauenerweckendes Personal gesucht.

          Wirren in der IAAF

          Vor der Weltmeisterschaft in Peking ist im August ein neuer Präsident zu wählen. Das ist nicht nur aus Altersgründen dringend nötig. Der Sohn des 81 Jahre alten IAAF-Präsidenten Lamine Diack, Papa Massata Diack, war offenbar gemeinsam mit Balachnitschew daran beteiligt, der russischen Marathonläuferin Lilija Schobukowa einen Teil der 450.000 Dollar zurückzuerstatten, die sie zur Vermeidung einer Doping-Sperre in bar beim russischen Verband in Moskau abgeliefert hatte. Warum sollte sich jemand an der Rückerstattung von Geld beteiligen, wenn er nichts mit dessen Einnahme zu tun hat? Papa Massata Diack bewegt sich zudem in einer Grauzone von Beratung und Vermarktung, in der er Ländern wie Qatar anbietet, ihnen gegen Zahlung einiger Millionen Dollar etwa die Leichtathletik-Weltmeisterschaft zu vermitteln. Die WM wird 2019 in Doha am Golf stattfinden. Kandidaten für die Nachfolge Diacks sind Sebastian Coe und Sergej Bubka; der eine ehemaliger Rekord-Läufer und Gesicht sowohl der Bewerbung von London 2012 als auch des Organisationskomitees jener Spiele, der andere ehemaliger Rekord-Stabhochspringer und Präsident des Nationalen Olympischen Komitees seiner Heimat Ukraine.

          Während des Wartens auf den personellen Neubeginn hat die IAAF schon mal mit dem Aufräumen begonnen. Die Sperren für die Russinnen Tschernowa und Zaripowa seien die jüngste Illustration der Robustheit ihres Anti-Doping-Programms, teilt der Verband aus Monte Carlo mit. Julia Zaripowa sei, wie die Geher in der vergangenen Woche, aufgrund von Unregelmäßigkeiten in ihrem sogenannten biologischen Pass aus dem Verkehr gezogen worden. Mit diesem indirekten Beweis seien inzwischen mehr als vierzig Top-Athleten überführt worden. Tatjana Tschernowa fiel bei der Neu-Analyse von Proben von der Weltmeisterschaft 2009 in Berlin auf; damit sind gibt es nun sieben aktuelle Doping-Fälle von der WM 2005 in Helsinki und 2009 in Berlin, vier betreffen weißrussische, drei russische Athleten.

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