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Frankfurter Radklassiker : Verkettung unglücklicher Umstände

Hatte anstrengende 218 Kilometer im strömenden Regen zu absolvieren: Radprofi John Degenkolb aus Oberursel Bild: dpa

Eigentlich ist das Radrennen in Frankfurt etwas für John Degenkolb, den Schlechtwetterspezialisten und Lokalmatador. Doch ein Defekt am Rad seines Anfahrers durchkreuzt seine Pläne.

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          John Degenkolb hat es noch krachen hören, aber bevor er das Malheur erkannte, war die Chance vertan. Weil die Lücke einfach zu groß war. „Ich bin sie ja noch fast zugefahren, aber ganz nach vorne hat es nicht mehr gereicht“, sagte der 28 Jahre alte Oberurseler Radprofi in Diensten von Trek Segafredo. Und so musste sich der Lokalmatador von „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ damit abfinden, dass ihm der Norweger Alexander Kristoff (Katjuscha Alpecin) und dessen junger deutscher Teamgefährte Rick Zabel nach 218 nasskalten Kilometern auf der Zielgeraden am Opernplatz die beiden ersten Plätze wegschnappten.

          „Rang drei ist erster Linie ein Erfolg, wo man sagen kann: „Ich bin zurück“, sagte Degenkolb, der vor exakt einem Jahr in Frankfurt sein Comeback gegeben hatte, nachdem ihn eine Autofahrerin beim Training über den Haufen gefahren und schwer verletzt hatte. Und das wichtigste sei doch, jetzt beim Heimrennen wieder auf dem Podium zu stehen. Aber da schwang doch auch ein bisschen Ärger über eine verpasste Chance mit. „Es wäre schon mehr drin gewesen“, sagte der Klassikerspezialist und schilderte die aus seiner Sicht entscheidenden letzten Meter so: „Ich lag in günstiger Position, alles war vorbereitet für einen Supersprint. Aber da ist meinem Anfahrer Jasper Stuyven die Kette runter gesprungen.“ Der Antritt ging ins Leere. Aus und vorbei.

          Aber Degenkolb vergaß trotz der leisen Enttäuschung nicht zu erwähnen, dass eben auch die Konkurrenz an diesem Tag sehr gute Arbeit geleistet hatte. Dass der Norweger Kristoff in Frankfurt sein persönliches Triple vollendete – er gewann schon 2014 und im Vorjahr –, war keine große Überraschung. Auch wenn der Norweger einräumte, eigentlich nicht in Topform zu sein, was er besonders im Taunus gespürt habe. Aber das hatte er bei seinen Siegen zuvor auch schon gesagt. Die Entdeckung des Tages war vielmehr Rick Zabel. Der Sohn von Erik Zabel, der einst bei der Tour de France sechsmal das Grüne Trikot erobert und in Frankfurt wie Kristoff dreimal gewonnen hat, bereitete seinem Kapitän der Weg. „Rick war heute der entscheidende Mann“, sagte Kristoff voller Anerkennung, „er hat mich auf den letzten Runden geführt.“ Und der 23 Jahre alte Jungprofi genoss diesen zweiten Platz, auch wenn er im Ton bescheiden blieb: „Ich bin superglücklich. Einer meiner besten Erfolge.“ Und eine der härtesten Prüfungen dazu.

          Dominanter Seriensieger: Alexander Kristoff (vorne) gewann schon zum dritten Mal hintereinander in Frankfurt. Bilderstrecke

          Aber das galt für alle. „Es war auf jeden Fall mein kältester Sieg hier“, sagte Kristoff augenzwinkernd, und der ist als Norweger nicht gerade verwöhnt. Temperaturen um die zehn Grad Celsius, Regen und vor allem ein tückischer Schmierfilm auf der Straße – das waren Bedingungen, die hohe Anforderungen an die Leidensfähigkeit und die Steuerkünste der 160 Radprofis stellten. Ein echter Härtetest. So mancher Radprofi verlor da die Bodenhaftung und schlitterte unfreiwillig über den seifigen Asphalt. Und oben am „Bergriesen“ der Taunustour, dem 850 Meter hohen Pass unterhalb des Feldbergs, zeigte das Thermometer gerade mal vier Grad, noch dazu mit peitschendem Regen. Kein Wunder, dass diese widrigen Bedingungen ihre Opfer forderten.

          Darunter ein ganz Prominentes. Peter Sagan, der slowakische Weltmeister in Diensten des deutschen Rennstalls Bora hansgrohe, einer der großen Favoriten, hatte knapp 60 Kilometer vor dem Ziel genug vom miesen Wetter. Der schillernde Radprofi im Regenbogentrikot stieg entkräftet vom Rad und nahm im Begleitfahrzeug Platz. Jens Zemke, der Sportliche Leiter von Bora, sorgte später für Aufklärung. „Nach der dreiwöchigen Rennpause nach Paris-Roubaix hat es für Peter nicht mehr gereicht, bei diesem schweren Rennen zu bestehen. Es war wirklich brutal heute.“ Auch Andre Greipel und Marcel Kittel, die beiden deutschen Topsprinter, konnten 55 Kilometer vor dem Ziel im Taunus nicht mehr mithalten und verabschiedeten sich aus dem Favoritenkreis.

          Plädoyer für den Radsportort „Frankfurt“

          Es war eigentlich ein Rennen wie gemacht für den bekennenden Schlechtwetterspezialisten Degenkolb. Der hatte noch kurz vor dem Rennen gesagt: „Gottseidank, dass es regnet. Das ist mein Wetter.“ Und im Grunde lief es ja nach Plan. Bei der langen Jagd nach sieben Ausreißern, sogar im Dreirunden-Finale rund um die Alte Oper. Bis zum bitteren Schluss die Kette riss. Jetzt hat Degenkolb immerhin seine Frankfurter Sammlung komplett. 2011 hat er gewonnen, Zweiter ist er auch schon geworden, und jetzt kommt noch Platz drei hinzu. Was in diesem Jahr, in dem nach der Aufwertung im internationalen Rennkalender nahezu die komplette Klassiker-Elite am Start war, durchaus aller Ehren wert ist. Und wie es sich für einen Local Hero gehört, betrieb Degenkolb auch verbal noch einmal Werbung für „sein“ Frankfurt. „Wir können froh sein, dass wir so ein tolles Rennen in Deutschland haben. Das ist Radsport auf höchstem Niveau, wie bei den großen Klassikern. Ich bin jedes Mal wieder von der Atmosphäre geflasht, dass trotz des miesen Wetters so viele Leute kommen. Ich bin stolz, so ein Rennen mein Heimrennen nennen zu können.“

          Claude Rach von der einflussreichen französischen Amaury Sport Organisation (Aso), die in diesem Jahr als Veranstalter von „Rund um den Finanzplatz“ ihre Premiere gab und angetreten ist, um Frankfurt wieder zu höchster internationaler Geltung zu verhelfen, zeigte sich jedenfalls angetan. „Hier in Frankfurt wird Radsport gelebt. Das ist für uns Ansporn, künftig noch engagierter und motivierter zu Werke zu gehen.“

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