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Rugbyspieler Wilkinson : Vom „Kühlschrank“ zum „goldenen Fuß“

Weg damit: Wilkinson verleiht dem Spiel der Engländer eine gewisse Leichtigkeit Bild: REUTERS

Noch kann England nicht auf seinen Star-Kicker verzichten: Bei der Rugby-WM in Neuseeland verleiht Jonny Wilkinson dem Spiel eine gewisse Leichtigkeit - auch dank der Vorarbeit der „schweren Jungs“.

          2 Min.

          Er ist schon so etwas wie ein Veteran im Rugby, 32 Jahre alt und deutlich gezeichnet vom jahrelangen Kampf um den ovalen Ball. Der Mann sei inzwischen regelrecht zusammengeflickt, schrieb die Zeitung „Observer“ salopp über Jonny Wilkinson. Er kann tatsächlich eine beachtliche Krankenakte vorlegen. Demnach gibt es offenbar kaum eine Körperstelle, die noch nicht lädiert war. Ob Schulter oder Oberarm, Meniskus oder Leiste, Adduktoren oder Niere: überall Verletzungen. Wilkinson musste leiden, auch für das Vaterland. Er hat Zwangspausen einlegen müssen und ist trotz immer wieder zurückgekehrt. Und offensichtlich kann England immer noch nicht auf ihn verzichten. Auf den Mann mit dem „goldenen Fuß“, auf den Kickspezialisten, der Spiele alleine entscheiden kann. Schon bei der Ouvertüre der Weltmeisterschaft in Neuseeland wurde das deutlich. Zwar patzte auch Wilkinson beim mühevollen 13:9 gegen Argentinien einige Male, er brachte es aber immerhin doch auf acht Punkte; das war mehr als die halbe Miete für England.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Wilkinson ist kein Koloss, er ist im Rugby in der Regel nicht im dichten Gedränge zu finden, wo hünenhafte Kerle um das Ei rangeln. Er wiegt etwa 90 Kilogramm, mancher Stürmer im Rugby – auch in seiner eigenen Mannschaft – bringt 20 oder 30 Kilogramm mehr auf die Waage. Sein besonderes Gefühl im Fuß aber, seine Fähigkeit, den Ball durch die Malstangen zu treten, selbst aus größeren Distanzen, machten aber auch aus einem „Leichtgewicht“ wie Wilkinson einen globalen Star im Rugby.

          Sein internationaler Aufstieg ist eng mit dem Jahr 2003 verbunden, mit Englands WM-Triumph in Australien: 20:17 im Finale gegen Australien. Und natürlich machte Wilkinson den Erfolg mit einem Kick perfekt. Er ist von der Queen geehrt worden, und neben einem Orden gab es auch lukrative Verträge für Wilkinson. In Frankreich, beim RC Toulon, soll er derzeit eine Million Euro im Jahr verdienen. Das belegt die wachsende Kommerzialisierung im Rugby.

          Er klagt nicht, sondern lobt andere

          Wilkinson verleiht dem englischen Spiel – zumindest an seinen guten Tagen – eine gewisse Leichtigkeit. Allerdings würde das nicht funktionieren ohne die Vorarbeit der „schweren Jungs“, die für die Balleroberung zuständig sind. Zu dieser Spezies gehört Mike Tindall, der Kapitän der Engländer, der kürzlich Zara Phillips heiratete, die älteste Enkelin Königin Elisabeths. Der robuste Tindall, wegen seines Körperbaues auch „Kühlschrank“ genannt, befindet sich stets im Nahkampf – und im besten Fall gelangt dann der Ball zum „Verbinder“, zu Wilkinson also. Der „Verbinder“ organisiert das Spiel, er muss seine Nebenleute in der sogenannten Dreiviertelreihe einsetzen – schnelle, trickreiche Spieler, die sich auf das Pass-Spiel verstehen. Doch Männer wie Wilkinson haben noch eine andere Option: einen Raumgewinn durch einen Kick zu erzielen.

          Punkte sammelt Wilkinson mit Straftritten oder Dropkicks – bei der WM 2007 beispielsweise, als die Engländer im Finale Südafrika 6:15 unterlagen, kam er auf insgesamt 67 Punkte. Ein zuverlässiger Profi also, der bei Straftritten stets einem speziellen Ritual folgt: gebeugte Knie, Hände vor der Brust, fast eine Art Meditation vor dem Schuss. Das ist Wilkinsons Stil, ein prägendes Element im englischen Rugby.

          England hatte vor der WM das traditionelle europäische Sechs-Nationen-Turnier gewonnen; das nährte die Hoffnungen auf ein schwungvolles Auftreten in Neuseeland. Wilkinson war dabei manchmal nur eingewechselt worden, ohne jedoch darüber zu klagen. Statt dessen lobte er den Mann, der ihn ersetzte, den sechs Jahre jüngeren Toby Flood, wie Wilkinson in Frimley, Surrey, geboren. Aber Wilkinson kann sich solches Wohlwollen auch leisten: Er weiß ja, dass er England immer noch nützen kann. In den Momenten vor allem, in denen das Spiel der Rauhbeine ruht. Und Wilkinson, ganz fixiert auf sich, auf den Ball und die Stangen, seine Spezialität zelebrieren kann. England wird daraus in den kommenden Wochen noch Profit schlagen.

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