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Rugby-WM : Blutige Schrammen, gebrochene Rosen

Neuseeland macht den Weg frei und zieht ins Halbfinale ein Bild: AFP

Australien, Neuseeland, Frankreich und Wales stehen im Halbfinale der Rugby-WM. Im Viertelfinale gibt es bittere Momente für Mutterland England und Titelverteidiger Südafrika.

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          Der erbitterte Kampf hatte seine Spuren hinterlassen, auch bei den Siegern. Die Australier holten sich blutige Schrammen, aber ihre Wunden trugen sie mit Stolz. Der hohe Einsatz hatte sich schließlich gelohnt bei der Rugby-Weltmeisterschaft in Neuseeland: Australien bezwang Titelverteidiger Südafrika im Viertelfinale 11:9 und trifft im Halbfinale am kommenden Sonntag auf Neuseeland – eine Auseinandersetzung, die eigentlich schon wie ein Finale anmutet.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Die „All Blacks“ setzten sich gegen Argentinien 33:10 durch. Auch Europa wird im Endspiel vertreten sein, durch das wiedererstarkte Frankreich oder das forsche Wales. Die Franzosen, angeblich heillos zerstritten, rauften sich zusammen und gewannen 19:12 gegen England, das skandalträchtigste Team der WM – sie versetzten das Rugby-Mutterland damit in einen Schockzustand. Auf der Insel gelten die Sympathien nun Wales, das seine Kräfte nach dem 22:10 gegen Irland am Samstag im Halbfinale mit Frankreich misst.

          Rugby – ein ewiger Schlagabtausch, mit offenem Visier. Sich jemandem in den Weg zu stellen, der 100 Kilogramm oder mehr wiegt, verlangt Mut – und die Bereitschaft, Schmerz zu ertragen. Australien besaß beides. Immerhin rannten die Südafrikaner mit ihrem Kapitän John Smit immer wieder wuchtig an, ihre Schwergewichte im Sturm versuchten, Breschen in die gegnerische Abwehr zu schlagen.

          Doch Australiens Verteidigung packte entschlossen zu. James O’Connor gelangen zwar mit einem Straftritt die entscheidenden Punkte, aber der Mann des Tages war David Pocock, weil er sich immer wieder beherzt ins Getümmel warf und es auf insgesamt 26 Tacklings brachte – ein beachtlicher Wert. So entschlossen machten die Australier Jagd auf Ei und Gegner, dass selbst Bryan Habana, pfeilschneller Flügelspieler der Südafrikaner, nahezu wirkungslos blieb. Habana, einst in einem ungewöhnlichen Sprintduell von einem Geparden geschlagen, wurde ausgewechselt – symptomatisch für das Scheitern des Champions von 2007.

          England erobert: Siegreiche Franzosen im Eden Park Bilderstrecke

          Habana mit Südafrika gestoppt, Jonny Wilkinson mit England ausgeschieden: bittere Momente in Neuseeland für Rugbyprofis mit klangvollen Namen. England spielte ohne den verletzten Mike Tindall, vor allem aber fehlte es dem Team mit der Rose an Esprit. Da sich dieser Mangel jedoch schon vor dem Viertelfinale bemerkbar gemacht hatte, kam das Aus für England nicht wirklich überraschend.

          Mancher Kritiker in der Heimat hatte sich ein solches Ende für die Engländer, die vorwiegend durch ihre fragwürdigen Aktivitäten außerhalb des Rugbyfeldes auffielen, sogar gewünscht. Weil das Team seine Würde verloren habe, wie es hieß. Weil es auch sportlich nichts zur Entwicklung des Rugby beigetragen habe. „Es ist kein Wunder“, schrieb ein englischer Kommentator, „dass wir für unser destruktives Spiel von der Rugbywelt so leidenschaftlich gehasst werden“. Die Rose ist verwelkt, und ob Martin Johnson Nationaltrainer bleiben wird, ist damit ungewiss.

          „Tot und begraben. Goldene Gelegenheit verschenkt.“

          Im Land des Weltmeisters von 2003 herrscht nach den schwerfälligen Auftritten in Neuseeland auf alle Fälle tiefe Betroffenheit. Die Zeitung „Guardian“ kritisierte Johnsons Profis als „Versager“, der „Telegraph“ entrüstete sich noch drastischer: „Tot und begraben. Goldene Gelegenheit verschenkt.“ Frankreich hingegen, nach der Niederlage gegen Tonga in der Vorrunde verspottet wie einst die Fußballspieler bei der verkorksten WM in Südafrika, stand wieder auf – und Trainer Marc Lievremont behauptete mit Genugtuung: „Meine Spieler haben eine Moral gezeigt, die an vergangene große Mannschaften erinnert. Sie können jetzt Geschichte schreiben.“

          Das nimmt nun zuallererst Neuseeland für sich in Anspruch. Das Land befindet sich in kollektiver Feierlaune, es scheint sogar über den Ausfall der Galionsfigur Daniel Carter hinweggekommen zu sein. Die WM hat einen neuen Kick-Star: Piri Weepu. Seine Ausbeute gegen Argentinien: 21 Punkte durch Straftritte. Aber die nächste Hürde für Weepu und Co., die „australische Wand“, wird deutlich höher, und vermutlich auch mit einem gewissen Blutzoll verbunden sein.

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