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Rugby-Wahnsinn in Japan : Superhelden auf Starkstrom

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Im Rugby-Fieber: Japan entdeckt das Ei für sich. Bild: Reuters

Japan feiert seine Rugby-Nationalmannschaft als sportliche Offenbarung, aber auch als Katalysator des gesellschaftlichen Wandels. Bei der WM im eigenen Land könnte nun etwas ganz Großes gelingen.

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          Wer sich in diesen Tagen nach Fuchu, zu einer der großen Fanzonen mit Public Viewing in Tokio auf den Weg macht, der wird von einem Slogan empfangen. „Let’s watch the great power of live battle of men on the big screen!“ ist dort auf den Plakaten zu lesen. Und wenn man es nicht besser wüsste, dann könnte man denken, dass es sich um die Ankündigung eines gigantischen Sumo-Ringkampfes handeln könnte. Doch in Wirklichkeit dreht sich in Japan momentan alles um die Weltmeisterschaft im Rugby und es ist mittlerweile auch für die größten Ignoranten nicht mehr zu übersehen, dass das Spiel mit dem Ei das Land im Sturm erobert hat. An diesem Sonntag (12.15 Uhr MESZ auf ProSieben Maxx und ran.de) trifft das Team im Viertelfinale der WM auf Südafrika.

          Auf den Titelblättern der japanischen Tageszeitungen sind schon seit Tagen nur noch muskulöse Männer in rot-weiß gestreiften Trikots zu sehen. Die TV-Einschaltquoten bei Spielen mit japanischer Beteiligung haben sich seit dem Eröffnungsspiel gegen Russland vor drei Wochen verdoppelt und liegen mittlerweile zwischen 50 bis 60 Millionen, was einem Anteil von fast der Hälfte der Gesamtbevölkerung entspricht. Für die „Brave Blossoms“, so der Spitzname des japanischen Teams, werden die Sendeplätze angesagter Fernsehproduktionen verschoben. Und im größten Merchandising-Shop, dem Megastore am Bahnhof Tokio-Shinjuku, sind die Nationaltrikots der Japaner längst nicht mehr zu finden. Mehr als 200.000 Exemplare wurden bislang verkauft.

          Wie ein Orkan

          Rugby war in Japan, wo vor allem Baseball regiert, bisher noch keine große Sportart. Doch das hat sich in den vergangenen vier Jahren grundlegend geändert. Den Startschuss hatte der Sensationssieg gegen Südafrika bei der WM vor vier Jahren in England gegeben. Davor hatte Japan zwar seit 1987 an allen Weltmeisterschaften teilgenommen, aber dabei lediglich ein einziges Spiel gewinnen können. Im eigenen Land nun sind die „Brave Blossoms“ wie ein Orkan durch ihre Gruppenspiele gefegt und haben nicht nur Russland und Samoa besiegt, sondern auch bis vor kurzem noch unschlagbar scheinende Rugby-Nationen wie Schottland und Irland.

          Können es selbst kaum glauben: Japans Rugby-Spieler erreichen bei der Heim-WM das Viertelfinale.

          Nach vier überzeugenden Siegen in vier Spielen überschlugen sich die nationalen und internationalen Medien mit Lob für die Japaner. Für den englischen „Spectator“ zeigten sie sogar schnelleres und einfallsreicheres Rugby als die legendären All Blacks. „Das Spiel gegen Schottland war vielleicht eines der attraktivsten Rugby-Spiele aller Zeiten“, so das Magazin. „Hoffen wir, dass Rugby im japanischen Stil das Spiel aus den Klauen der einfallslosen Muskelmänner ziehen kann.“

          Zur Symbolfigur des überraschenden Aufstiegs der japanischen Nationalmannschaft ist Kapitän Michael Leitch geworden. Seit er mit einem ungewöhnlich riskanten Pass im allerletzten Spielzug den sensationellen Sieg der Japaner gegen Südafrika bei der vergangenen WM eingeleitet hatte, ist er das Gesicht des japanischen Rugbys und repräsentiert das alte und das neue Japan gleichermaßen. Der 31-Jährige hat eine fidschianische Mutter, ist in Neuseeland geboren, kam aber mit 15 an eine japanische Highschool und spricht mittlerweile besser Japanisch als Englisch. Leitch hat die japanische Kultur so sehr verinnerlicht, dass sein einstiger Nationaltrainer Eddie Jones angeblich drei Jahre gebraucht hatte, um seinen Kapitän davon zu überzeugen, die Fesseln der japanischen Unterwürfigkeit abzulegen, um ein dynamischer Anführer zu werden. Leitch führt nun eine Mannschaft aufs Feld, die die Aura einer hollywoodesken Superheldentruppe umweht.

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