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Rugby-Klub SC 1880 Frankfurt : „Wir sind der neue Thinktank“

  • -Aktualisiert am

Volle Pulle: Frankfurt lässt sich von Handschuhsheim im Finale nicht bremsen. Bild: Jan Huebner

Der SC 1880 Frankfurt ist in allen Altersklassen die deutsche Rugby-Macht. Uli Byszio, der starke Mann des Klubs, erklärt die Gründe des Erfolgs – und wieso die Liga nur als Amateursport angesehen werden kann.

          Der SC 1880 Frankfurt ist nach zehn Jahren zum siebten Mal deutscher Meister geworden. Davor holte der Klub auch alle vier Titel in den Nachwuchsklassen. Ist der SC 1880 im Rugby das neue Bayern München?

          Nein, denn bei den Bayern wird wahrscheinlich nicht ganz so auf die Nachwuchsarbeit gesetzt wie bei uns. Wir haben sicherlich mehr finanzielle Mittel als andere Rugby-Vereine, weil wir durch unsere gute Jugendarbeit mehr und mehr Sponsoren für uns gewinnen. Diese Entwicklung hat zum großen Teil das Mäzenatentum bei uns abgelöst. Und wir sind auch deshalb nicht die Bayern, ist es doch unser Ziel, mit dem Transfer von vereinseigenen Talenten nach oben irgendwann in der Bundesliga fast ausschließlich mit bei uns ausgebildeten Spielern an den Start gehen zu können.

          Wie hoch war das Budget für die abgelaufene Erstliga-Saison?

          Wir haben keinen einzigen bezahlten Spieler. Vielen haben wir stattdessen Jobs besorgt, andere arbeiten bei uns als Nachwuchstrainer. Das Budget liegt bei etwa 40.000 bis 50.000 Euro. Das Teure ist bei uns die Jugend. In den Nachwuchs investieren wir rund 250.000 Euro pro Saison. Da ist dann alles mit drin wie zum Beispiel die vielen Reisen ins Ausland. Mit dem mittlerweile in Frankfurt in der Jugend erreichten hohen Leistungsniveau müssen wir sehr viel gegen europäische Gegner antreten.

          Ist Frankfurt das neue Kraftzentrum im deutschen Rugby?

          Ich würde sagen: Wir sind der neue Thinktank. Auch viele andere Vereine wie der Berliner RC und der TSV Handschuhsheim betreiben eine sehr gute Jugendarbeit. Wir machen es nur konzentrierter und vielleicht perfektionistischer im letzten Detail, da wir von unten nach oben durchgängig gut sein wollen. Unser Konzept wird auch im Ausland beachtet und geachtet. Wir haben sicherlich in Deutschland eine Vorreiterrolle.

          Droht der Bundesliga in den kommenden Jahren wieder Langeweile wie in der Ära des Heidelberger RK (HRK) mit acht Titeln in neun Jahren?

          Nein. Wir sind nicht übermächtig, die Bundesliga wird spannend bleiben. Wir wollen uns die Siege nicht wie vor zehn Jahren erkaufen, sondern sie uns hart erarbeiten. In den kommenden Jahren können wir immer mehr auf von außen geholte Spieler verzichten. Pro Saison werden aus unserem Nachwuchs bis zu 20 Spieler nach oben kommen. Das könnte sogar bedeuten, dass unsere erste Mannschaft zwischendurch ein bisschen schwächer wird, denn wir haben ja nicht viele erfahrene Spieler aus den eigenen Reihen. Außerdem wird es sich die Hochburg Heidelberg nicht gefallen lassen, dass wir bei der Jugend so davonmarschieren. Bisher hat man in Heidelberg versucht, sich mit Spielgemeinschaften zur Wehr zu setzen. In Heidelberg, Berlin und Hannover wird man sich jetzt zusammensetzen und überlegen, was man sich von uns abschauen kann. Und ich habe gehört, dass der SC Neuenheim und der TV Pforzheim wieder in externe Spieler investieren wollen. Auch das begrüße ich aus Konkurrenzgründen an der Spitze. Ich denke aber nicht, dass deren Taschen so voll sein werden wie die von Hans-Peter Wild.

          Der Unternehmer und Milliardär Wild hatte in den vergangenen Jahren sehr viel in das deutsche Rugby investiert und den HRK mit seiner Förderung zum deutschen Serienmeister gemacht. Ist dessen Rückzug ein Glücksfall für den SC 1880?

          Die Bundesliga ist wieder spannender geworden, in dem Punkt, ja. Und in der Nationalmannschaft werden wieder Plätze für sehr ambitionierte Amateursportler frei werden. Trotzdem wünschte ich mir Herrn Wild, zu dem ich ein sehr gutes Verhältnis habe, im deutschen Rugby zurück, weil er auf dem obersten Leistungsniveau sehr viel für unseren Sport gemacht hat und noch hätte machen können. Sein Weggang vom deutschen Rugby ist ein Drama für uns.

          Warum?

          In der oberen Leistungsklasse können wir nicht mehr richtig mithalten. Damit meine ich: Deutschland ist eine der Top-Rugby-Nationen in der Amateurwelt. Im Vergleich zu anderen Ländern, in denen es nur in ganz begrenztem Maße bezahlte Spieler in den oberen Ligen gibt, sind wir vielleicht sogar die Besten. Wir können uns jedoch nicht mit Nationen vergleichen, die ihre Spieler aus Vereinen mit einem Jahresbudget von 30 Millionen Euro und mehr rekrutieren. Insofern hätte man Herrn Wild im Hinblick auf die oberste Leistungsklasse alles zu Füßen legen müssen. Die einzige Forderung wäre dabei gewesen, zwanzig Prozent seines Gesamtbudgets in die Jugendförderung in der Breite zu stecken. Diese Chance haben wir leider vergeben. Herr Wild will nicht mehr zurückkommen. Nach dem Geschehenen kann ich das sehr gut nachvollziehen: Keiner gibt gerne sein Geld in der Freizeit für Dinge aus, über die er sich dann nur ärgern muss.

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          Wie ist es aktuell um den Deutschen Rugby Verband (DRV) bestellt?

          Es gibt große finanzielle Sorgen, so dass sich die Frage stellt: Überlebt der DRV kurzfristig? Zwar hat man Herrn Wild verscheucht. Aber man hat den Wecker nicht gehört, dass mit ihm auch sein Geld gegangen ist. Deshalb hätte man mit beiden Füßen in die Bremse treten müssen, was die Kosten angeht. Weil die Zukunft des DRV im Hinblick auf die Kosten momentan nicht gesichert ist, könnte es sein, dass der Verband nicht nur in Schieflage kommt, sondern auch Schiffbruch erleidet. Das wäre ein Desaster für den deutschen Rugby-Sport.

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